1042 empfing der westtibetische Fürst Jangchub Ö den indischen Lehrer Atisha. Der Gast war auf Einladung einer tibetischen Gesandtschaft über Nepal in das Hochland gereist. Hinter ihm lag eine lange Ausbildung in der buddhistischen Gelehrtenwelt Indiens. Seine Gastgeber hatten inzwischen selbst viel unternommen, um neue Texte und ausgebildete Lehrer nach Tibet zu holen.
Atisha sollte ihnen eine Frage beantworten, bei der weitere Bücher allein kaum halfen. Wie ließen sich die anspruchsvollen tantrischen Praktiken mit den Regeln buddhistischer Lebensführung vereinbaren? In den Texten fanden sich gewaltsame und sexuelle Bilder. Wer ihre Bedeutung und Voraussetzungen unterschiedlich verstand, konnte aus denselben Schriften sehr verschiedene Forderungen für sein Verhalten ableiten.
Die Arbeit der Könige von Westtibet
Seit dem Zerfall des alten Reiches bestand in Tibet kein allgemein anerkannter königlicher Mittelpunkt mehr. Im Westen förderte ein regionales Herrscherhaus den Buddhismus. Einer seiner wichtigsten Angehörigen war Yeshe Ö, der selbst Mönch wurde. Er unterstützte Übersetzer und ließ in Tholing einen großen Tempel errichten. Seine Familie verband die Förderung der Religion mit dem Anspruch, eine verlässliche Herrschaft aufzubauen.
Dabei stand eine erhebliche Vorarbeit zur Verfügung. Der tibetische Übersetzer Rinchen Zangpo hatte in Kaschmir und Indien studiert. Er brachte neue Lehrüberlieferungen mit und arbeitete mit indischen Gelehrten an Übersetzungen aus dem Sanskrit. Auch Künstler kamen über die Gebirgswege nach Westtibet, um Tempel auszustatten. Religiöse Förderung bedeutete deshalb die Finanzierung konkreter Reisen und langjähriger Zusammenarbeit.
Die Herrscher wollten auf diese Weise auch zwischen anerkannten buddhistischen Lehren und örtlichen Neuerungen unterscheiden. Yeshe Ö hatte Praktiken kritisiert, die nach seiner Auffassung unter Berufung auf Tantra überlieferte Verhaltensregeln verletzten. Gemeint waren dabei religiöse Lehr- und Übungssysteme, die besondere Einweihungen durch einen qualifizierten Lehrer voraussetzten. Ihre Herkunft aus Indien garantierte noch kein gemeinsames Verständnis darüber, wie sie in Tibet anzuwenden waren.
Ein Gelehrter aus Vikramashila
Atisha gehörte zu den angesehenen Lehrern des indischen Klosters Vikramashila. Sein ausführlicher Name lautete Dipamkarashrijnana. Tibetische Gesandte suchten ihn auf, weil sie seine Gelehrsamkeit mit einer anerkannten persönlichen Lebensführung verbanden. Der Name eines Lehrers und seine Verbindung zu anderen Meistern waren wichtig, wenn eine Lehre als zuverlässig weitergegeben werden sollte.

Die Berichte über die Einladung enthalten spätere Ausschmückungen. Dazu gehört die Geschichte von einem gefangenen tibetischen Fürsten und dem Gold, das für seine Freilassung gesammelt worden sei. Die Erzählung führt den Einsatz dieses Goldes für Atishas Reise auf eine bewusste Entscheidung zugunsten der Religion zurück. Sie erklärt den Wert des Gastes durch den Aufwand, den seine Gastgeber angeblich für ihn aufbrachten.
Atishas Aufenthalt bedurfte auch der Zustimmung seines eigenen Klosters. Nach der Überlieferung erhielt er die Erlaubnis unter der Bedingung, nach drei Jahren zurückzukehren. Schon die Anreise dauerte länger, als ein direkter Weg auf einer Karte vermuten lässt. In Nepal blieb Atisha längere Zeit bei einem dortigen Herrscher, der ihn als Lehrer gewinnen wollte. Erst danach gelangte die Gruppe nach Westtibet.
Der Empfang durch Jangchub Ö zeigte, welche Bedeutung ihm seine Gastgeber gaben. Doch Atisha traf in Tholing auf einen Ort, an dem indische Gelehrte bereits mit tibetischen Übersetzern arbeiteten. Seine Aufgabe bestand folglich darin, die vorhandenen Unterweisungen zueinander ins Verhältnis zu setzen. Jangchub Ö bat um eine Erklärung, die den Weg buddhistischer Praxis verlässlich ordnete.
Eine Leuchte für den Weg
Atisha antwortete mit einer knappen Versschrift, die als „Leuchte auf dem Weg zur Erleuchtung“ bekannt wurde. Sie beschrieb eine gestufte Entwicklung der Praxis. Die Einübung ethischen Verhaltens und die Ausrichtung auf das Wohl anderer bildeten Voraussetzungen für weiterführende Meditation. Anspruchsvollere Übungen mussten in diesen Zusammenhang passen.
Damit ließ sich auch die Stellung tantrischer Praktiken erklären. Sie benötigten nach Atishas Darstellung die entsprechende Vorbereitung und die Unterweisung durch einen geeigneten Lehrer. Das Übernehmen eines Rituals setzte die erforderliche Ausbildung voraus; die Kenntnis seines Ablaufs allein genügte dafür nicht. Für die westtibetischen Auftraggeber war dies eine Antwort auf die Sorge, dass die neuen Überlieferungen bereits durch ihren Namen jede Verhaltensregel außer Kraft setzen könnten.
Die knappen Verse ließen weitere Fragen offen. Jangchub Ö bat deshalb um einen Kommentar in Prosa. Darin unterschied Atisha auch zwischen den Möglichkeiten von Laien und Mönchen. Die monastische Lebensform setzte sexuelle Enthaltsamkeit voraus. Entsprechende Gelübde sollten durch tantrische Einweihungen und Übungen erhalten bleiben. Zugleich verteidigte Atisha den Wert des Tantra innerhalb der buddhistischen Lehre.
Diese Verbindung war für die Klostergemeinschaften besonders wichtig. Ihre Mitglieder mussten ihre Gelübde einhalten und dennoch mit Lehrsystemen umgehen, die in bestimmten Zusammenhängen eine Überschreitung gewöhnlicher Regeln beschrieben. Atisha gab dem Verhältnis eine Reihenfolge: Die weiterführende Praxis baute auf zuvor erworbenen Voraussetzungen auf. Ein einzelner eindrucksvoller Text ersetzte weder Ausbildung noch die Verantwortung des Lehrers.
Eine Rückreise bleibt aus
Nach drei Jahren wollte Atisha die zugesagte Rückkehr antreten. Er verließ Westtibet mit tibetischen Schülern und gelangte an die Grenze nach Nepal. Nachrichten über Kämpfe machten den weiteren Weg unsicher. Während die Gruppe wartete, stritten seine Begleiter darüber, ob er die Rückreise fortsetzen oder zunächst nach Zentraltibet gehen sollte.
Für einen Aufenthalt dort setzte sich Dromtön ein, ein Schüler aus Zentraltibet. Atisha gab schließlich seinem Wunsch nach. In den dortigen Klöstern galt der indische Gast als besonders angesehener Lehrer. Die Gemeinschaften bemühten sich um seinen Besuch und um die Schüler, die mit ihm kamen. Seine Tätigkeit fand damit in einer religiösen Landschaft statt, die bereits aus eigenen Kräften wieder gewachsen war.
Atisha kehrte nach Indien nicht mehr zurück. Er starb 1054 in Tibet. Seine Schüler bewahrten die Unterweisungen und gaben den von ihm beschriebenen gestuften Weg weiter. Der Text, den er auf Jangchub Ös Bitte verfasst hatte, konnte dabei auch Menschen anleiten, die weder den indischen Lehrer noch den westtibetischen Hof je gesehen hatten.
Zum Weiterlesen
Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.
van Schaik, S. (2011): Tibet: A History*. Verfolgt die westtibetische Förderung des Buddhismus und erläutert die Fragen, auf die Atisha mit seiner Lehrschrift antwortete.
Snellgrove, D. L.; Richardson, H. (2003): A Cultural History of Tibet*. Ordnet Atishas Wirken in die erneute Ausbildung tibetischer Klostergemeinschaften ein.
Bildnachweis
Titel: Der Rote Tempel von Tholing, 2007. Wikimedia Commons, Dieter Schuh. CC BY 3.0.
Abbildung: Porträt Atishas, tibetische Malerei um 1100. Wikimedia Commons, Tibetischer Künstler unbekannt; Metropolitan Museum of Art. Gemeinfrei.

