848 brachte Zhang Yichao die Oasenstadt Dunhuang unter seine Kontrolle. Seine Truppen beriefen sich auf die Rückkehr zum chinesischen Tang-Reich. Für die tibetische Regierung bedeutete der Aufstand den Verlust einer Stadt, in der ihre Beamten über Jahrzehnte Abgaben eingezogen und Schriftstücke in tibetischer Sprache verwendet hatten.
Der Machtwechsel gehörte zu einer Entwicklung, die weit über Dunhuang hinausging. In Zentraltibet stritten Angehörige des Königshauses um die Nachfolge. Adlige Familien stellten sich auf unterschiedliche Seiten oder festigten ihre eigene Herrschaft. Die entfernten Besitzungen wurden dadurch schwerer zu halten, während die Regierung auch im Kernland immer weniger durchsetzen konnte.
Streit am Hof
Noch unter König Ralpachen hatte Tibet seine Macht nach außen in Verträgen zur Geltung gebracht. Zugleich weitete der Hof die Förderung buddhistischer Einrichtungen aus. Klöster erhielten die Unterstützung abhängiger Haushalte; Übersetzer arbeiteten an religiösen Texten. Mit Palgyi Yonten gehörte ein Mönch zu den führenden Ministern des Reiches.
Die Begünstigung buddhistischer Institutionen berührte die Interessen anderer Hofgruppen. Mittel, die an ein Kloster gingen, standen für andere Empfänger nicht mehr zur Verfügung. Der Einfluss von Mönchen in der Regierung konnte außerdem Adlige zurücksetzen, die ihre Stellung aus der Verbindung ihrer Familie zum Königshaus herleiteten. Die Konflikte verbanden deshalb religiöse Fragen mit dem Zugang zur königlichen Macht.
Spätere buddhistische Geschichtswerke erzählen von einer Intrige gegen Palgyi Yonten. Er sei eines Verhältnisses mit einer Königin beschuldigt und nach seiner Verbannung ermordet worden. Auch den Tod Ralpachens führen sie auf gewaltsames Vorgehen von Hofleuten zurück. Diese Berichte machen den Gegensatz zwischen buddhistischen Förderern und ihren Gegnern zum Leitgedanken. Ihre dramatischen Einzelheiten lassen sich vielfach nicht unabhängig bestätigen.
Darma und das Bild des Verfolgers
Nach Ralpachen kam dessen Bruder Darma an die Spitze des Reiches. Er ist meist als Lang Darma bekannt. In der buddhistischen Überlieferung erscheint er als Verfolger der Religion. Unter seiner Herrschaft verloren Mönche ihre politische Stellung, und die Förderung von Klöstern sowie der Übersetzungsarbeit wurde eingeschränkt.
Die spätere Erzählung verdichtete den Konflikt zum Gegensatz zwischen einem feindlichen König und den Verteidigern des Buddhismus. Sie berichtet, der Mönch Lhalung Palgyi Dorje habe Darma erschossen und sei anschließend durch eine Verkleidung entkommen. Das Attentat wurde als außergewöhnliche Tat zum Schutz der Lehre gerechtfertigt, obwohl das Töten den buddhistischen Geboten widersprach.
Für den Zusammenbruch des Reiches reicht diese Geschichte als Erklärung kaum aus. Die Ermordung eines Herrschers konnte eine Nachfolgekrise verschärfen. Ob das Reich Bestand hatte, hing jedoch auch davon ab, wie sich seine führenden Familien verhielten und ob die Verwaltung die entfernten Besitzungen weiter zusammenhalten konnte. Die späteren Berichte über einen einzelnen Religionsfeind rücken diese Bedingungen in den Hintergrund.
Zwei Königshäuser
Nach Darmas Tod um die Mitte des 9. Jahrhunderts erhoben sich konkurrierende Ansprüche auf die Königswürde. Die Überlieferung nennt die Söhne Ösung und Yumten, hinter denen unterschiedliche mütterliche Familien standen. Sie bewahrt zugleich Geschichten, die die Rechtmäßigkeit eines der beiden bestreiten. Solche Erzählungen gehören selbst zum Streit um die dynastische Nachfolge.
Für die großen Familien bot die Spaltung Handlungsmöglichkeiten. Sie konnten einen Kandidaten unterstützen und sich dafür Rechte sichern. Sie konnten aber auch die Bindung an den Hof lockern. Die Vereinigung unter einem Tsenpo, wie die tibetischen Könige genannt wurden, hatte ihre eigenen Interessen nie vollständig aufgehoben. Nun fehlte ein allgemein anerkannter Herrscher, der die verschiedenen Gruppen zusammenführte.
An den Rändern geriet das Reich zusätzlich unter Druck. In Zentralasien veränderten sich die Machtverhältnisse nach dem Zusammenbruch des uigurischen Reiches. In den tibetischen Besitzungen konnten örtliche Führer die geschwächte Verbindung zum Zentrum nutzen. Dunhuangs Übergang an Zhang Yichao war deshalb sowohl ein regionaler Erfolg seiner Bewegung als auch ein Zeichen fehlender tibetischer Durchsetzungskraft.
Die Entwicklung zog sich über längere Zeit hin. Nachkommen der königlichen Linien behielten eigene Herrschaftsgebiete. Einen zusammenhängenden Machtbereich wie ihre Vorgänger konnten sie jedoch kaum wiederherstellen. Aufstände und Kämpfe beschädigten schließlich auch in Zentraltibet die Grundlagen ihrer Stellung. Zu Beginn des 10. Jahrhunderts war die alte Königsherrschaft weithin zerfallen.
Was von der königlichen Ordnung blieb
Wie tief der Bruch reichte, zeigen Berichte über die Plünderung der Königsgräber. Adlige öffneten Grabanlagen und nahmen deren wertvolle Ausstattung an sich. Damit verletzten sie Orte, an denen die besondere Stellung des Königshauses bis dahin sichtbar gewesen war. Die Ehrfurcht vor den Gräbern schützte ihren Inhalt nicht mehr vor den Ansprüchen örtlicher Machthaber.
Auch buddhistische Einrichtungen litten unter den Kämpfen. Die Einschränkungen unter Darma erklären deshalb nur einen Teil ihrer Verluste. Spätere Plünderungen und der Wegfall dauerhafter Versorgung trafen die Klostergemeinschaften ebenso. Wer die Weihetradition erhalten wollte, musste einen Ort finden, an dem Mönche weiter leben und neue Schüler aufnehmen konnten.
Einige flohen nach Amdo im Nordosten. Dort bestanden buddhistische Gemeinschaften und fanden Unterstützung bei örtlichen Herrschern. Aus solchen Verbindungen konnten später Mönche nach Zentraltibet zurückkehren. Das Wissen und die Schrift des alten Reiches überdauerten also auch dort, wo seine politischen Einrichtungen zerfallen waren.
Die zurückkehrenden Mönche fanden Samye nach einer überlieferten Schilderung stark vernachlässigt vor. Das große Kloster zu erneuern überstieg zunächst ihre Möglichkeiten. Sie verteilten sich auf kleinere Tempel, die sich leichter wieder nutzbar machen ließen. Der Neubeginn buddhistischer Gemeinschaften ging damit von örtlichen Einrichtungen aus; ein König, der wie Trisong Detsen für ihre Versorgung im ganzen Reich einstehen konnte, fehlte.

Zum Weiterlesen
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van Schaik, S. (2011): Tibet: A History*. Verbindet den Streit am Königshof mit regionalen Machtverschiebungen und verfolgt das Fortleben buddhistischer Gemeinschaften.
Snellgrove, D. L.; Richardson, H. (2003): A Cultural History of Tibet*. Behandelt den Zusammenbruch der frühen Königsherrschaft und die Voraussetzungen späterer Klostergründungen.
Bildnachweis
Titel: Chongye am Gräberfeld der tibetischen Könige, 2008. Wikimedia Commons, Reurinkjan. CC BY 2.0.
Abbildung: Blick vom Hepori-Hügel auf Samye, 2014. Wikimedia Commons, Gyurmed. CC0.

