1244 erhielt der tibetische Gelehrte Sakya Pandita die Aufforderung, zum mongolischen Prinzen Godan zu kommen. Er war bereits über sechzig Jahre alt. Die Einladung führte ihn aus seinem Kloster zu einem Machthaber, dessen Soldaten wenige Jahre zuvor in Tibet vorgedrungen waren. Eine Ablehnung hätte weitere Angriffe nach sich ziehen können.
Sakya Pandita brach mit zwei jungen Neffen auf. Sein Weg führte in den Raum Liangzhou, im heutigen Gansu. Dort sollte er mit Godan über die Unterwerfung Tibets verhandeln. Tibet war politisch zersplittert. Eine gemeinsame Regierung, die ihm dafür Vollmacht hätte geben können, fehlte. Die einzelnen Gebiete wurden von adligen Familien und einflussreichen religiösen Gemeinschaften beherrscht.
Ein Kloster mit einem Familiennamen

Sakya Pandita hieß eigentlich Künga Gyeltsen. Den Beinamen Pandita, „Gelehrter“, verdankte er seiner Kenntnis indischer Schriften und der Sprache Sanskrit. Er leitete die religiöse Gemeinschaft von Sakya, deren führende Lehrer aus der Familie Khön stammten. Dort verband sich die Weitergabe buddhistischer Unterweisungen mit den Möglichkeiten einer alten adligen Familie.
Aus einem kleinen religiösen Mittelpunkt war ein bedeutendes Kloster geworden. Seine Lehrer studierten indische Texte und verfassten eigene Abhandlungen. Die großen Klöster konnten Schüler über die Grenzen ihrer unmittelbaren Umgebung hinaus gewinnen. Ihre Verbindungen machten einen angesehenen Lama für einen auswärtigen Herrscher interessant, der in Tibet Gehorsam durchsetzen wollte.
Sakya Panditas Gelehrsamkeit verlieh ihm allerdings keine allgemeine Regierungsgewalt. Andere Klöster besaßen eigene Anhänger und Beziehungen zu örtlichen Machthabern. Die Anerkennung eines religiösen Lehrers bedeutete daher keineswegs, dass alle bereit waren, seine politischen Anweisungen zu befolgen. Godan verlangte von ihm eine Vermittlung, deren Reichweite sich erst noch erweisen musste.
Was die Reiter erkundet hatten
Um 1240 drangen mongolische Truppen nach Zentraltibet vor. Sie trafen auf Klöster und regionale Herren, die ihnen keine gemeinsam organisierte Armee entgegenstellten. Angriffe auf religiöse Einrichtungen zeigten zugleich, dass abgelegene Gebirgslagen und das Ansehen ihrer Bewohner wenig Schutz gegen die Eindringlinge boten.
Die Berichte führen die Wahl Sakya Panditas auf Auskünfte zurück, welche die mongolischen Befehlshaber bei tibetischen Geistlichen eingeholt hatten. Wer großes religiöses Ansehen besaß, konnte womöglich bei mehreren Gruppen Gehör finden. Für die Mongolen eröffnete sich damit eine Möglichkeit, Gehorsam einzufordern, ohne jeden Ort mit einer eigenen Besatzung sichern zu müssen.
Das Verfahren hatte Vorbilder in den Kontakten tibetischer Lehrer zu anderen innerasiatischen Herrschern. Unter den Tanguten waren Lamas bereits als religiöse Ratgeber gefördert worden. Die Mongolen übernahmen Anregungen aus diesem Umfeld. Ihre Zuwendung zum Buddhismus verband sich dabei mit der Suche nach Personen, über die sich eroberte oder bedrohte Gebiete erreichen ließen.
Godans Macht beruhte auf seiner Zugehörigkeit zur mongolischen Herrscherfamilie. Er war ein Enkel Dschingis Khans. Die Entscheidungen über Tibet fielen damit innerhalb eines expandierenden Reiches, dessen verschiedene Angehörige eigene Gefolgschaften und Ansprüche besaßen. Für tibetische Gruppen kam es künftig auch darauf an, welcher mongolische Prinz sie unterstützte.
Ein Brief an die tibetischen Herren
Sakya Panditas Reise dauerte lange. Mitte der 1240er Jahre erreichte er Godans Hof und verständigte sich mit ihm über die Anerkennung mongolischer Herrschaft. In einem an die tibetischen Führungsschichten gerichteten Schreiben forderte er dazu auf, sich zu fügen. Widerstand erschien angesichts der militärischen Überlegenheit der Mongolen aussichtslos.
Die überlieferte Aufforderung verband die Unterwerfung mit der Aussicht auf eine geordnete Fortführung der örtlichen Herrschaft. Wer seine Stellung behalten wollte, sollte sie durch Anerkennung von oben sichern. Beamte aus dem Umfeld Sakyas sollten bei der Verwaltung und beim Einziehen von Abgaben mitwirken. Für Godan war damit ein Weg eröffnet, tibetische Mittel für seine eigene Herrschaft nutzbar zu machen.
Aus tibetischer Sicht stand hinter dieser Vereinbarung die Erfahrung des vorausgegangenen Einmarsches. Sakya Pandita konnte auf die Verwundbarkeit der Klöster und ihrer Unterstützer verweisen. Seine Empfehlung zur Unterwerfung war deshalb eine Reaktion auf eine konkrete Drohung. Die spätere Erzählung von einer vor allem religiösen Begegnung bildet diese Zwangslage nur unvollständig ab.
Ebenso wenig machte sein Schreiben aus den verschiedenen tibetischen Herrschaften augenblicklich eine einheitlich verwaltete Provinz. Die politische Ordnung musste über lokale Amtsträger aufgebaut und mit deren Interessen vermittelt werden. Der Erfolg hing davon ab, ob andere Gruppen Sakyas Vorrang hinnahmen und ob die mongolischen Machthaber ihn auch tatsächlich stützten.
Mehr als eine persönliche Begegnung
Bei solchen Verbindungen konnte ein Lama den weltlichen Herrscher als seinen Förderer betrachten. Er unterwies ihn religiös und erhielt dafür Schutz sowie materielle Unterstützung. Dieses Verhältnis wird häufig als Beziehung zwischen Lehrer und Schutzherr beschrieben. Für Sakya Pandita bestand es unter Bedingungen, die von Godans militärischer Macht gesetzt wurden.
Religiöser Rang und politische Unterordnung konnten daher nebeneinander bestehen. Ein Prinz konnte einen tibetischen Lehrer ehren und zugleich von dessen Landsleuten Abgaben verlangen. Aus einer besonderen religiösen Beziehung folgt für sich allein weder Gleichrangigkeit beider Seiten noch das Fehlen von Zwang. Entscheidend bleibt, welche Befugnisse ausgeübt wurden und wer sie im Streitfall durchsetzen konnte.
Sakya Pandita kehrte nach Tibet nicht mehr zurück. Er starb 1251 im Umfeld von Godans Hof. Seine Neffen blieben in der mongolischen Welt, in der sie inzwischen aufgewachsen waren. Einer von ihnen, Phagpa, gelangte später an Khubilais Hof. Die Verbindung, die unter der Drohung eines Einmarsches begonnen hatte, konnte damit auch nach dem Tod des Gelehrten weitergeführt werden.
Zum Weiterlesen
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van Schaik, S. (2011): Tibet: A History*. Beschreibt Sakya Panditas Reise und die politischen Möglichkeiten der Klöster unter mongolischem Druck.
Sperling, E. (2004): The Tibet-China Conflict: History and Polemics. Unterscheidet die religiöse Beziehung zu den Mongolen von den tatsächlich ausgeübten Herrschaftsrechten.
Bildnachweis
Titel: Mönche im Kloster Sakya, 2006. Wikimedia Commons, Luca Galuzzi ( Lucag ). CC BY-SA 2.5.
Abbildung: Thangka mit Sakya Pandita, 18. Jahrhundert. Wikimedia Commons, Künstler unbekannt; Metropolitan Museum of Art. CC0.

