Tsongkhapa gründet Ganden

Kloster Ganden, 2006.

1409 begannen Schüler Tsongkhapas mit Unterstützung seiner Förderer den Bau eines Klosters bei Lhasa. Ihr Lehrer hatte zuvor jahrelang an wechselnden Orten unterrichtet. Inzwischen folgten ihm so viele Mönche, dass eine dauerhafte Niederlassung die gemeinsame Arbeit erleichtern sollte. Das neue Kloster erhielt den Namen Ganden, „der Freudvolle“.

Im selben Jahr organisierte Tsongkhapa in Lhasa ein großes Gebetsfest. Die beiden Vorhaben ergänzten einander: Das Fest brachte seine religiöse Praxis öffentlich zur Geltung, während das Kloster einen Ort für ihre weitere Ausbildung schuf. Aus dem Schülerkreis entstand später die Gelug-Schule, zu der auch die Dalai Lamas gehörten. Zu Beginn war dieser Ausgang keineswegs vorgegeben.

Ein Schüler vieler Lehrer

Tsongkhapa stammte aus der Gegend von Tsongkha in Amdo. Sein Name bezeichnete ihn in Zentraltibet als den Mann aus dieser Region. Als Jugendlicher verließ er seine Heimat, um an den großen Lehrstätten weiterzulernen. Ein einzelnes Kloster bot dabei kaum Zugang zu sämtlichen Unterweisungen, die ein angehender Gelehrter erwerben wollte.

Er studierte bei Lehrern unterschiedlicher Überlieferungen. Viele philosophische Lehrveranstaltungen fanden damals im Umfeld der Sakya-Schule statt. Dort übten Studenten, Texte genau zu erklären und Einwände in förmlichen Streitgesprächen zu beantworten. Reisen zwischen Klöstern ermöglichten den Vergleich von Auslegungen und dienten dazu, sich Prüfungen zu stellen.

Zu Tsongkhapas wichtigsten Lehrern gehörte der Sakya-Gelehrte Rendawa. Mit ihm vertiefte er Fragen buddhistischer Philosophie und legte weitere Prüfungen ab. Die Ausbildung erforderte ein genaues Verständnis umfangreicher indischer Schriften. Wer später eigene Erklärungen vorlegte, musste zeigen können, wie sie sich zu diesen anerkannten Grundlagen verhielten.

Neben dem Studium standen Zeiten intensiver Meditation. Tsongkhapa suchte nach einer Verbindung zwischen dem begrifflichen Verständnis einer Lehre und ihrer Einübung. In den Überlieferungen seines Lebens treten deshalb auch Visionen auf, die seine Schüler als Bestätigung seiner Einsicht verstanden. Diese religiösen Deutungen erklären sein späteres Ansehen, lassen sich aber kaum wie ein Prüfungszeugnis als von außen beobachteter Vorgang behandeln.

Der Weg bekommt eine Reihenfolge

Eine wichtige Anregung fand Tsongkhapa in der Tradition Atishas. Dessen Unterweisungen beschrieben einen gestuften Weg buddhistischer Praxis. Die anspruchsvolleren Übungen sollten auf zuvor erworbenen Voraussetzungen aufbauen. Für Tsongkhapa bot dieses Verfahren einen Zusammenhang, in dem sich die zahlreichen Lehrsysteme und Meditationstechniken ordnen ließen.

Im Kloster Reting verfasste er seine große Darstellung der Stufen des Weges. Darin verband er die Überlieferung Atishas mit seiner eigenen Auslegung buddhistischer Philosophie. Eine weitere umfangreiche Schrift behandelte den tantrischen Weg. Gemeinsam sollten diese Werke erklären, wie sich das Studium der Lehre mit der darauf aufbauenden Praxis verbinden ließ.

Die Schriften richteten sich an Menschen, die bereits innerhalb einer anspruchsvollen Lehrtradition arbeiteten. Ihre Wirkung hing davon ab, dass Lehrer sie erläuterten und Schüler ihre Argumente prüfen konnten. Ein Buch allein schuf noch keine neue Schule. Dafür musste eine Gemeinschaft bestehen, die gerade diese Auslegungen wiederholt lehrte und ihre Fortführung organisierte.

Förderer und ein eigener Ort

Tsongkhapas Ansehen wuchs weit über seinen unmittelbaren Schülerkreis hinaus. Der Ming-Kaiser Yongle lud ihn nach China ein. Tsongkhapa lehnte die Reise ab und schickte einen Schüler. Der Gelehrte konnte seine Arbeit damit in Tibet fortsetzen, während sein Umfeld zugleich eine Verbindung zum Kaiserhof gewann.

Auch in Tibet hatte er einflussreiche Förderer. Dazu gehörten Angehörige der Phagmodru-Herrschaft, die damals politische Macht in Zentraltibet ausübte. Ihre Unterstützung ermöglichte Vorhaben, die ein wandernder Lehrer mit den Mitteln seines Schülerkreises schwerlich allein hätte finanzieren können. Für den Bau Gandens brauchte es Land und die Versorgung der Menschen, die dort arbeiten und später leben sollten.

Das Kloster gab der Gemeinschaft einen festen Ort. Unterricht musste künftig weniger stark davon abhängen, wohin Tsongkhapa gerade reiste. Die Schüler konnten gemeinsam studieren und die Regeln monastischen Lebens einüben. Die Lebensordnung einer solchen Gemeinschaft war zugleich Voraussetzung dafür, dass die Lehrtradition auch neue Mitglieder aufnehmen konnte.

Das große Gebetsfest in Lhasa schuf eine weitere dauerhafte Einrichtung. Es versammelte Mönche zur Zeit des tibetischen Neujahrs in der Stadt. Auf diese Weise bekam die religiöse Gemeinschaft einen öffentlich wiederkehrenden Anlass gemeinsamer Praxis. Die Förderung eines gelehrten Lehrers wurde dadurch auch für Menschen sichtbar, die seine philosophischen Schriften kaum selbst lasen.

Nach dem Tod des Gründers

Tsongkhapa starb 1419. Die Fortführung seines Werkes lag nun bei Schülern, die selbst in älteren Traditionen ausgebildet worden waren. Gyaltsab übernahm die Leitung Gandens. Nach ihm gewann Khedrub, ein weiterer enger Schüler, erheblichen Einfluss auf die Ausformung der Gemeinschaft.

Damit stellte sich eine neue Frage. Sollte der Kreis um Ganden innerhalb der Sakya-Tradition aufgehen, aus der viele seiner Gelehrten kamen? Oder sollten gerade Tsongkhapas Auslegungen den verbindlichen Bezugspunkt bilden? Khedrub verteidigte diese Erklärungen gegen andere Gelehrte und arbeitete in seinen Schriften heraus, wodurch sie sich unterschieden.

Die Bezeichnung Gelug, gewöhnlich als „tugendhafter Weg“ wiedergegeben, wurde zum Namen der sich herausbildenden Schule. Ihre Mitglieder legten besonderen Wert auf die monastische Lebensordnung und die philosophische Ausbildung. Die von ihnen verwendeten gelben Hüte machten die Zugehörigkeit auch äußerlich erkennbar. Daraus entstand die verbreitete Bezeichnung „Gelbmützen“.

Tsongkhapas Lehre wurde auch in weiteren Klöstern vermittelt. Mit Drepung, gegründet 1416, und Sera, gegründet 1419, bestanden weitere große Klöster im Raum Lhasa, die von seinen Schülern getragen wurden. Dort konnten Lehrer herangebildet werden, die seine Auslegungen erneut weitergaben. Nach dem Tod des Mannes aus Tsongkha blieben damit feste Orte bestehen, an denen sich die Schüler seiner Schüler ausbilden ließen.


Klostergebäude in Drepung bei Lhasa, 2014.
Klostergebäude in Drepung bei Lhasa, 2014.

Zum Weiterlesen

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van Schaik, S. (2011): Tibet: A History*. Beschreibt Tsongkhapas Ausbildung und die Arbeit seiner Nachfolger an einer eigenständigen Schultradition.

Snellgrove, D. L.; Richardson, H. (2003): A Cultural History of Tibet*. Verbindet die Klostergründungen mit der religiösen Entwicklung Tibets im späten Mittelalter.

Bildnachweis

Titel: Kloster Ganden, 2006. Wikimedia Commons, ignat. CC BY 2.5.

Abbildung: Klostergebäude in Drepung bei Lhasa, 2014. Wikimedia Commons, Gerd Eichmann. CC BY-SA 4.0.

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