Der Hof Kaiser Shidebalas lagerte im September 1323 bei Nanpo, südlich von Shangdu. Die Reise führte zurück nach Dadu, wie es der Wechsel zwischen Sommer- und Winterresidenz verlangte. Im Lager griffen Verschwörer den Herrscher und seinen Kanzler Baiju an. Beide wurden getötet.
Der Anschlag traf die Regierung an einem Ort, an dem sie sich auf ihre eigenen Begleiter verlassen musste. Zu den führenden Beteiligten gehörte Tegshi, ein hoher Amtsträger aus dem Zensorat. Jene Behörde sollte Fehlverhalten überwachen und dem Kaiser melden. Nun stand einer ihrer obersten Männer auf der Seite der Mörder.
Ein Sohn folgt seinem Vater
Shidebala hatte 1320 nach dem Tod seines Vaters Ayurbarwada den Thron übernommen. In den chinesischen Dynastiegeschichten wird er als Kaiser Yingzong geführt. Er war jung und stand einer Regierung gegenüber, in der einflussreiche Familien bereits seit Jahren Ämter und Zugang zum Herrscher kontrollierten.
Sein Vater hatte die regelmäßigen Beamtenprüfungen wiederaufnehmen lassen. Damit sollten gelehrte Männer für den Dienst gewonnen werden. Die staatliche Auswahl blieb jedoch mit anderen Zugängen verbunden. Verwandtschaft und die Zugehörigkeit zu mächtigen Gefolgschaften entschieden weiter darüber mit, wer einen hohen Posten besetzen konnte.
Der neue Kaiser musste unter diesen Bedingungen Mitarbeiter finden, die seine Anordnungen tatsächlich ausführten. Eine formell uneingeschränkte Befehlsgewalt half ihm wenig, wenn die Amtsträger ihre Stellung vor allem anderen Förderern verdankten. Die Wahl eines Kanzlers und der Umgang mit Beschwerden waren deshalb unmittelbare Entscheidungen über Macht.
Baiju wurde zu einem seiner wichtigsten Mitarbeiter. Der Kanzler gehörte selbst zur mongolischen Führungsschicht. Die Zusammenarbeit mit einem gelehrt ausgebildeten Kaiser ließ sich daher nicht einfach als Streit zwischen chinesischen Beamten und mongolischen Gegnern beschreiben. Auf beiden Seiten standen Männer, deren Stellung aus der Herrschaft der Yuan hervorgegangen war.
Der Kaiser verlangt Kontrolle
Shidebala und seine Mitarbeiter wollten den Dienstbetrieb strenger beaufsichtigen. Sie gingen gegen Verfehlungen von Amtsträgern vor und versuchten, die Regierung stärker auf verbindliche Regeln zu stützen. Für Männer, die bisher auf den Schutz mächtiger Förderer hatten zählen können, war dies eine Bedrohung ihrer Stellung.
1323 forderte der Kaiser die Zensoren ausdrücklich auf, gegen Korruption vorzugehen. Die Anordnung betraf eine Einrichtung, deren Mitarbeiter hohe Beamte kontrollieren und Hinweise auf Missstände weitergeben sollten. Eine solche Tätigkeit konnte Familien treffen, die zugleich Soldaten und Angehörige des Hofes zu ihren Unterstützern zählten.
Der Weg eines Vorwurfs war daher politisch bedeutsam. Er konnte vom Bericht über eine Verfehlung bis zum Verlust eines Amtes führen. Umgekehrt konnte der Inhaber einer Kontrollstelle die eigene Macht einsetzen, um Gegner zu belasten oder Verbündete zu schützen. Die Behörde arbeitete innerhalb derselben Beziehungen, die sie beaufsichtigen sollte.
Tegshis Beteiligung am späteren Anschlag machte diese Schwierigkeit besonders deutlich. Ein hoher Amtstitel garantierte keine persönliche Loyalität zum Kaiser. Der Herrscher konnte Aufgaben vergeben, musste aber darauf vertrauen, dass der Beauftragte sie in seinem Sinn erfüllte.
Der Hof auf der Reise
Die Yuan-Kaiser bewegten sich regelmäßig zwischen Dadu und Shangdu. In Dadu befanden sich die großen Behörden und die Versorgung aus den chinesischen Gebieten. Shangdu band den Hof an die Steppe und bot während des Sommers eine andere Umgebung für Herrscher und Gefolgschaft.

Auf der Reise begleiteten Angehörige der Leibwache den Kaiser. Für Unterkunft und Verpflegung sorgten Bedienstete, die auf einen Dienstbetrieb entlang der Strecke angewiesen waren: Die Menschen dort mussten Stationen und Pferde bereitstellen. Auch außerhalb der Palastmauern blieb der Herrscher damit von zahlreichen Mitwirkenden abhängig.
Für eine Verschwörung eröffnete diese Bewegung eine Gelegenheit. Sie konnte sich auf einen bestimmten Aufenthaltsort richten und musste nicht die dauerhaften Zugänge eines großen Palastes überwinden. Entscheidend war, welche Männer vor Ort über Waffen verfügten und wessen Anweisungen sie befolgten.
Bei Nanpo griffen die Verschwörer den Kaiser und Baiju gemeinsam an. Mit dem Tod beider beseitigten sie den Herrscher und den wichtigsten Träger seiner Regierungspolitik. Die Kontrolle über den Hof musste danach sofort neu entschieden werden.
Ein anderer Zweig der Familie
Als neuer Kaiser setzte sich Yesün Temür durch. Er gehörte zu einem anderen Zweig der Nachkommen Khubilais als der ermordete Herrscher. Die Verschwörer konnten die Yuan-Dynastie somit bestehen lassen und zugleich die Person auswechseln, in deren Namen die Ämter vergeben wurden.
Die gemeinsame Abstammung der Kandidaten gab solchen Wechseln eine dynastische Form. Die Angehörigen des Herrscherhauses verfügten über eigenes Ansehen und Gefolgschaften. Nach dem Tod eines Kaisers konnte deshalb ein anderer Verwandter bereitstehen, ohne dass eine fremde Dynastie ausgerufen werden musste.
Das machte einen gewaltsamen Wechsel keineswegs ungefährlich. Der neue Herrscher brauchte Unterstützung und musste bestimmen, auf wen er sich künftig verlassen konnte. Beteiligte eines erfolgreichen Anschlags hatten bewiesen, dass sie einen Kaiser beseitigen konnten. Ihre Macht konnte damit auch für dessen Nachfolger bedrohlich sein. Yesün Temür ließ Tegshi und weitere führende Beteiligte des Anschlags noch 1323 hinrichten.
Die Entscheidung von Nanpo veränderte die Spitze der Regierung. Die Behörden blieben bestehen und arbeiteten unter einem neuen Kaiser weiter. Mitarbeiter mussten ihre Stellung zu ihm bestimmen und prüfen, welche der bisherigen Anordnungen noch Rückhalt besaßen.
Die Verwaltung unter dem neuen Kaiser
Für Amtsträger außerhalb des unmittelbaren Hofes musste die Nachricht vom Mord erst eintreffen. Sie hatten weiterhin Abgaben zu verwalten und Befehle auszuführen, während sich in der Residenz bereits die Verteilung der höchsten Stellen änderte. Ein Bericht an den Kaiser konnte dadurch bei einer anderen Regierung ankommen als jener, an die er ursprünglich gerichtet gewesen war.
Shidebalas Bestimmungen verschwanden mit seinem Tod nicht vollständig. Gelehrte Beamte und die an feste Regeln gebundene Amtsführung blieben Teil der Yuan-Herrschaft. Ihr Gewicht hing jedoch weiter davon ab, welche Männer der jeweilige Kaiser förderte und gegen wen er sich durchsetzen konnte.
Yesün Temür führte den Hof bis zu seinem Tod 1328. Die Stationen zwischen den beiden Hauptstädten blieben in Betrieb. Wenige Jahre nach Nanpo sollten Dadu und Shangdu selbst zu den Zentren zweier Gruppen werden, die jeweils einen eigenen Kaiser anerkannten.
Zum Weiterlesen
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- Franke, H. & Twitchett, D. (1994): The Cambridge History of China, Vol. 06: Alien Regimes and Border States, 907-1368.*
- Weatherford, J. (2005): Genghis Khan and the Making of the Modern World.*
Bildnachweis
Titel: Kaiserliche Reisemarke in Phagspa-Schrift. Wikimedia Commons, Unbekannte Yuan-Werkstatt; Foto: Metropolitan Museum of Art, Inv. 1993.256. CC0 1.0.
Sommerresidenz: Die Stadtwüstung Shangdu. Wikimedia Commons, Flaumfeder. CC BY-SA 4.0.



