Der Kommandant von Dunhuang bot den Belagerern die Übergabe an, wenn die Bewohner in ihrer Stadt bleiben durften. So schildern chinesische Berichte das Ende eines langen Widerstands gegen die tibetischen Truppen. Die Vorräte waren aufgebraucht; zuvor hatte die Garnison bereits Seide gegen Lebensmittel eingetauscht. Die Angreifer nahmen das Angebot an.
Im späten 8. Jahrhundert geriet die Oasenstadt am Rand der Wüste unter tibetische Herrschaft. Tibetische Heere hatten damals große Teile der Gebiete erobert, über die das chinesische Tang-Reich seine Verbindungen nach Zentralasien unterhalten hatte. Für Dunhuang begann eine Besatzungszeit, die mehrere Generationen dauerte. Der neue Herrscher saß weit entfernt, doch seine Regierung wurde im Alltag an den Schriftstücken der örtlichen Verwaltung sichtbar.
Eine Stadt an den Wegen durch die Wüste
Dunhuang gehörte zu den Orten, an denen Reisende und Waren die trockenen Räume zwischen China und den Oasen Zentralasiens durchquerten. Die Stadt lebte innerhalb eines Geflechts von Handelswegen, dessen Sicherung Soldaten und Vorräte erforderte. Ihre Eroberung vergrößerte deshalb den Einfluss Tibets auf die Verbindungen zwischen diesen Regionen.
Möglich geworden war der Vormarsch durch die Krise der Tang. Seit dem Aufstand An Lushans von 755 hatte der Kaiserhof Truppen für die Kämpfe im Inneren benötigt. Tibets Heerführer nutzten die geschwächten Grenzstellungen. 763 nahmen sie sogar vorübergehend die Hauptstadt Chang’an ein. Während sie diese bald wieder räumten, blieben viele eroberte Gebiete im Nordwesten länger in ihrer Hand.
Die tibetischen Herrscher mussten dort mehr leisten als die Überwindung einer Stadtmauer. Sie brauchten Beamte, die Abgaben festhielten und Anordnungen weitergaben. Eine fern von Zentraltibet gelegene Oase ließ sich dauerhaft nur regieren, wenn auch ihre Bewohner an der Verwaltung mitwirkten. Die Schrift wurde zu einem wichtigen Mittel, um die örtlichen Verhältnisse mit den Ansprüchen der neuen Obrigkeit zu verbinden.
Eine andere Sprache für die Verwaltung
Die höchsten Ämter besetzten die neuen Machthaber mit Tibetern. Für chinesische Einwohner änderten sich die Regeln, nach denen Land zugeteilt und Abgaben erhoben wurden. Auch Briefe und Verträge mussten nun den Anforderungen der tibetischen Verwaltung entsprechen. Tibetisch gewann dadurch einen Platz in Bereichen, die zuvor durch chinesische Schriftstücke geregelt worden waren.
Das betraf selbst die Datierung. Chinesische Dokumente hatten Jahre nach der Regierungsdevise des Kaisers gezählt. Die tibetische Verwaltung verwendete einen Zyklus von zwölf Tierjahren. Ein Tiername allein kehrte allerdings regelmäßig wieder. Wer einen älteren Vorgang zeitlich einordnen wollte, brauchte deshalb weitere Angaben oder musste ihn mit Ereignissen der Annalen abgleichen.
Die Einwohner mussten auch tibetische Kleidung übernehmen und Tibetisch lernen. Zugleich bestand eine deutliche Rangordnung zwischen den Angehörigen der Besatzungsmacht und den chinesischen Amtsträgern. Überlieferte tibetische Dokumente zeigen, dass selbst ein niedriger gestellter tibetischer Funktionsträger einen höheren Rang beanspruchen konnte als ein chinesischer Beamter. Auch bei Mitarbeit in der Verwaltung blieben die chinesischen Einwohner den Tibetern im Rang untergeordnet.
Chinesische Geschichtsschreiber berichten, die Bewohner hätten bei ihren Ahnenfeiern die alte Kleidung angelegt und beim anschließenden Verstauen geweint. Die Szene vermittelt den Verlust aus der Sicht der Unterworfenen. Sie erlaubt keinen unmittelbaren Einblick in die Gefühle sämtlicher Einwohner. Wohl aber zeigt sie, welche Bedeutung spätere chinesische Darstellungen dem erzwungenen Wechsel der Kleidung gaben: Unterwerfung wurde am Körper sichtbar.
Zwischen Mitarbeit und Widerstand
Tibetische Herrschaft blieb umkämpft. Aus Dunhuang sind Aufstände gegen die neue Obrigkeit überliefert; bei einem solchen Aufruhr wurden tibetische Machthaber getötet. Die Verwaltung musste sich daher auf eine Bevölkerung stützen, deren Mitwirkung keineswegs durchgehend Zustimmung bedeutete. Kenntnisse der neuen Amtssprache konnten für jemanden nützlich oder notwendig sein, der ihre Herrschaft ablehnte.
Mit der Dauer der Besatzung veränderte sich die Lage. Nachfolgende Generationen wuchsen in einer Umgebung auf, in der beide Sprachen gebraucht wurden. Es gab gemischte Familien, und die tibetische Schrift gehörte zunehmend zum örtlichen Wissen. Sie blieb an die fremde Regierung gebunden, konnte aber zugleich über deren unmittelbare Befehle hinaus verwendet werden.
In den buddhistischen Gemeinschaften der Region trafen ebenfalls unterschiedliche Sprachtraditionen aufeinander. Aus Dunhuang kam etwa der chinesische Lehrer Moheyan nach Zentraltibet. Dort beteiligte er sich an den Auseinandersetzungen über die richtige buddhistische Praxis. Solche Verbindungen verliefen in beide Richtungen: Die eroberte Stadt nahm Einflüsse aus Tibet auf und brachte ihrerseits Lehrer und Texte in den Machtbereich des Hofes.
Dokumente überdauern die Besatzung
Im Jahr 848 brachte der chinesische Anführer Zhang Yichao Dunhuang unter seine Kontrolle. Seine Bewegung trat mit dem Anspruch auf, die Zugehörigkeit zum Tang-Reich wiederherzustellen. Die Einnahme der Stadt fiel in eine Zeit, in der die tibetische Königsherrschaft zerbrach und entfernte Gebiete ihren Zusammenhang mit dem Hof verloren.

Damit endete die tibetische Verwaltung Dunhuangs. Die Menschen, die unter ihr Schreiben gelernt hatten, und die von ihnen angefertigten Texte verschwanden jedoch mit dem Machtwechsel keineswegs aus der Oase. Tibetisch wurde in den ehemals eroberten Regionen weiter gebraucht. Die Grenzen seiner Verwendung deckten sich inzwischen kaum noch mit den Grenzen des zerfallenden Reiches.
Einen außergewöhnlichen Teil dieses schriftlichen Bestands bewahrte eine Höhle bei den buddhistischen Heiligtümern von Mogao. Dort wurden später große Mengen von Handschriften eingelagert und der Zugang verschlossen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Bestand wiederentdeckt. Er enthielt neben chinesischen Texten zahlreiche tibetische Manuskripte, darunter Zeugnisse der frühen Geschichte Tibets.
Für die Forschung lässt sich an diesem Bestand nachvollziehen, wie breit die tibetische Schrift außerhalb des eigentlichen Hochlands verwendet worden war. Die erhaltenen Zeugnisse reichen über königliche Selbstdarstellung hinaus. Verwaltungsunterlagen stehen neben religiösen Texten; aus ihnen werden unterschiedliche Aufgaben der Schreiber sichtbar. Gerade die weit entfernte Oase bewahrte damit Schriftstücke aus einer Zeit, deren Überlieferung in Zentraltibet schwere Verluste erlitt.
Ein erhaltenes Schriftstück regelt etwa die Arbeit von fünfzig namentlich genannten Kopisten an einer buddhistischen Schrift. Es verzeichnet das zugeteilte Papier und verlangt Rechenschaft über den Verbrauch. Unbenutzte Blätter sollten zurückgegeben, verschwendete ersetzt werden. Selbst das Abschreiben eines religiösen Textes hinterließ damit eine Abrechnung über Material, das die Auftraggeber genau kontrollierten.
Zum Weiterlesen
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van Schaik, S. (2011): Tibet: A History*. Behandelt die Eroberungen an der Seidenstraße und die Veränderungen in Dunhuang unter tibetischer Verwaltung.
Snellgrove, D. L.; Richardson, H. (2003): A Cultural History of Tibet*. Ordnet die Expansion des tibetischen Reiches und seine schriftliche Überlieferung ein.
Bildnachweis
Titel: Höhlenfassaden von Mogao bei Dunhuang, 2009. Wikimedia Commons, Flickr user: eviltomthai. CC BY 2.0.
Abbildung: Zhang Yichaos Siegeszug auf einer Wandmalerei in Mogao. Wikimedia Commons, Künstler und Fotograf nicht genannt; Mogao-Höhlen. Gemeinfrei.



