Ein Friedensvertrag auf Stein

Dachbauten des Jokhang in Lhasa, 2009.

Vor dem Jokhang in Lhasa steht eine Säule, auf der Tibet und das chinesische Tang-Reich ihre Vereinbarung festhielten. In tibetischer und chinesischer Sprache nennt die Inschrift die beiden Herrscher und legt fest, wie ihre Länder künftig miteinander umgehen sollten. Nach langen Kriegen wurde die bestehende Grenze zur Grundlage des Friedens.

Die Vereinbarung entstand 821 und 822. Tibets Könige hatten damals Gebiete an den zentralasiatischen Handelswegen erobert und ihre Macht weit über das Hochland ausgedehnt. Die Tang waren durch innere Konflikte geschwächt. Für beide Seiten ging es darum, weitere Angriffe zu verhindern und die Beziehungen durch einen feierlich beschworenen Vertrag zu regeln.

Verwandtschaft und Grenze

Der Text erinnerte an Heiraten zwischen dem chinesischen Kaiserhaus und tibetischen Königen. Er bezeichnete die Herrscher als Onkel und Neffen, wobei dem chinesischen Kaiser die ältere Verwandtschaftsrolle zukam. Diese Sprache gab ihm einen besonderen Rang innerhalb der vorgestellten Familie. Die vereinbarten Bestimmungen gingen zugleich von zwei Ländern aus, die ihre gegenwärtigen Besitzungen behalten sollten.

Die Grenze hatte damit eine praktische Bedeutung. Östlich von ihr lag das Gebiet des Tang-Reiches, westlich das tibetische. Beide Seiten sollten ihre Soldaten zurückhalten und auf die Eroberung fremden Landes verzichten. Die Berufung auf Verwandtschaft erleichterte die feierliche Annäherung; die Bestimmungen über das Land schränkten ein, was die Armeen anschließend tun durften.

Das war nach den vorausgegangenen Feldzügen eine erhebliche Festlegung. Ein chinesischer Kaiser konnte an seinem Anspruch auf einen herausgehobenen Rang festhalten und zugleich einen Vertrag schließen, der tibetische Besitzungen anerkannte. Für den tibetischen König wurde damit ein großer Teil des militärischen Erfolgs seines Herrscherhauses in eine schriftliche Vereinbarung überführt.

Zwei Arten, einen Eid zu schwören

Chinesische Berichte schildern die Zeremonie am tibetischen Hof. Der residierte noch immer auch in einem großen Zeltlager. Die Gesandten trafen dort auf den König Ralpachen und seine Würdenträger. Zu den einflussreichsten Männern gehörte der buddhistische Mönch Palgyi Yonten, der als leitender Minister amtierte.

Bei der Eidesleistung standen die Delegationen beider Seiten an einem Altar. Palgyi Yonten trug die Vereinbarung vor, während ein Übersetzer sie für die chinesischen Gäste vermittelte. Zum herkömmlichen Schwur gehörte ein Tieropfer. Der Mönch trat bei diesem Teil beiseite und beteiligte sich anschließend an einer buddhistischen Zeremonie vor einem Buddha-Bild.

Die Verbindung der Rituale entsprach den Verhältnissen am tibetischen Hof. Buddhistische Mönche hatten dort hohe Ämter erreicht. Die älteren Formen, mit denen ein Herrscher und seine Großen Verpflichtungen vor übermenschlichen Zeugen eingingen, blieben dennoch wirksam. Der Vertrag sollte unter den Voraussetzungen beider Traditionen bindend sein.

Die Namen der Verantwortlichen

Vertragssäule vor dem Jokhang, Rückseite, 2006.
Vertragssäule vor dem Jokhang, Rückseite, 2006.

Die Säule in Lhasa war Teil einer Gruppe von Vertragsdenkmälern. Weitere sollten die Vereinbarung an der Grenze und in Chang’an festhalten. Die erhaltene Lhasa-Säule gibt neben den Bestimmungen auch den historischen Zusammenhang wieder. Auf ihren Seiten erscheinen die Namen beteiligter Würdenträger. Damit wurde verzeichnet, wer an dem Frieden mitgewirkt hatte.

Aus den Namen und Titeln lässt sich auch etwas über die tibetische Führung erkennen. Der König schloss den Vertrag mit einer politisch und militärisch handlungsfähigen Regierung im Rücken. Ein buddhistischer Minister stand dabei neben Angehörigen der großen Familien, deren Unterstützung das Reich trug.

Wenige Jahrzehnte später zerbrach dieser Zusammenhang in Nachfolgekämpfen. Die Säule blieb vor dem Jokhang stehen. Auf ihr lässt sich weiterhin die Festlegung lesen, dass beide Seiten das Land jenseits der vereinbarten Grenze weder mit Heeren überziehen noch an sich bringen sollten.


Zum Weiterlesen

Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.

van Schaik, S. (2011): Tibet: A History*. Erläutert die Vertragsbestimmungen und die Verbindung buddhistischer mit älteren Eidesritualen.

Sperling, E. (2004): The Tibet-China Conflict: History and Polemics. Untersucht historische Beziehungen und die Schwierigkeiten, spätere politische Begriffe auf sie zu übertragen.

Bildnachweis

Titel: Dachbauten des Jokhang in Lhasa, 2009. Wikimedia Commons, Antoine Taveneaux. CC BY-SA 3.0.

Abbildung: Vertragssäule vor dem Jokhang, Rückseite, 2006. Wikimedia Commons, Inhorw. CC BY-SA 3.0.

Schreibe einen Kommentar