An den Toren Dadus wurden 1328 Wassergefäße aufgestellt. Die Bewohner sollten Brände bekämpfen können, wenn die Stadt angegriffen wurde. Feindliche Truppen näherten sich aus mehreren Richtungen. Sie kamen im Namen eines anderen Yuan-Kaisers als jenes Mannes, den die Regierung in Dadu gerade anerkannt hatte.
Der Tod Yesün Temürs hatte die beiden Residenzen des Hofes gegeneinander gestellt. In Shangdu erhoben seine Anhänger den Sohn des Verstorbenen zum Kaiser. In Dadu unterstützten andere führende Männer einen Verwandten aus einer rivalisierenden Linie. Die Straßen zwischen Sommer- und Winterresidenz wurden damit zu Wegen eines Bürgerkriegs.
Der Kaiser stirbt in Shangdu
Yesün Temür war 1323 nach der Ermordung Shidebalas auf den Thron gelangt. Er regierte als Nachkomme Khubilais, gehörte aber einem anderen Familienzweig an als sein Vorgänger. Sein Tod 1328 öffnete die Frage, ob die Herrschaft bei seinem Sohn bleiben oder an andere Verwandte übergehen würde.
In Shangdu setzte die bisherige Regierung auf Aragibag, den jungen Sohn des Kaisers. Wer seine Nachfolge unterstützte, konnte sich auf die Fortsetzung der bestehenden Herrschaft berufen. Zugleich musste ein kindlicher Herrscher besonders auf jene Männer vertrauen, die für ihn handelten.
In Dadu verfügte der Militärführer El Temür über entscheidenden Einfluss. Er unterstützte Tugh Temür, einen Sohn des früheren Kaisers Khaishan. Dessen Familie hatte schon vor Yesün Temür den Thron beansprucht und stellte nun einen neuen Kandidaten auf.
Beide Gruppen handelten innerhalb desselben Herrscherhauses. Es ging um die Anerkennung einer bestimmten Person und damit auch um die höchsten Ämter. Wer die falsche Seite unterstützte, musste nach dem Sieg des Gegners um seine Stellung fürchten. Eine Entscheidung für einen Kandidaten band deshalb auch dessen Anhänger enger aneinander.
Zwei Städte mit unterschiedlichen Verbindungen
Shangdu lag an der Steppe. Der Hof konnte dort auf die Beziehungen zu Fürsten und Truppen im Norden zurückgreifen. Dadu war dagegen das große Verwaltungszentrum in Nordchina. Hier liefen Einnahmen und Nachrichten aus den dicht besiedelten Gebieten zusammen.

Khubilai hatte beide Orte für eine gemeinsame Herrschaft genutzt. Der reisende Hof verband sie im Jahreslauf. 1328 zeigte sich, dass jede Residenz auch einer eigenständig handelnden Gruppe Stützpunkte bieten konnte. Die bisherige Verbindung zerfiel, als die Männer an beiden Orten unterschiedliche Kaiser anerkannten.
Der Besitz einer Hauptstadt hatte dabei mehr als militärischen Wert. Die Regierung in Dadu konnte Behörden im Namen ihres Kandidaten Anordnungen ausfertigen lassen. Ihre Gegner konnten auf die Residenz verweisen, in der der verstorbene Kaiser und seine bisherigen Mitarbeiter zuletzt regiert hatten.
Die Entscheidungen in den Provinzen waren deshalb wichtig. Befehlshaber mussten festlegen, welchem Hof sie ihre Truppen zur Verfügung stellten. Andere Amtsträger mussten wissen, wohin sie Abgaben und Berichte schicken sollten. Jede solche Entscheidung verstärkte oder schwächte die Möglichkeiten eines der beiden Kandidaten.
Die Hauptstadt gerät unter Druck
Die Truppen aus dem Machtbereich Shangdus stießen über die Zugänge im Norden und Westen auf Dadu vor. Kämpfe an den Pässen entschieden darüber, welche Straßen offenblieben. Der Verlust Tongzhous im Osten bedrohte zusätzlich eine wichtige Verbindung der Stadt.
Zeitweise schien die Regierung in Dadu von mehreren Seiten zugleich bedrängt. Die Verteidigung musste weit auseinanderliegende Annäherungswege beobachten und verhindern, dass einzelne gegnerische Verbände bis in die bebauten Gebiete gelangten. Für die Bewohner war ein Streit über die Erbfolge damit zu einer unmittelbaren Gefahr für Häuser und Vorräte geworden.
Die Wassergefäße an den Toren gehörten zu den Vorkehrungen gegen diese Gefahr. Soldaten und Einwohner mussten gemeinsam auf einen Angriff vorbereitet sein. Ein Brand konnte Verteidigungsanlagen und gelagerte Güter vernichten, selbst wenn die Stadtmauer zunächst hielt.

El Temürs Gruppe behauptete Dadu, wobei ihr der Zugriff auf Menschen und Material aus dem chinesischen Kerngebiet half. Ihr Kaiser gewann zugleich weitere Unterstützer. Als die Angreifer ihren Druck nicht länger aufrechterhalten konnten, ging die Regierung von Dadu aus der Verteidigung zum Gegenangriff über.
Der Sieg entscheidet noch nicht alle Ansprüche
Die Seite Shangdus verlor den Krieg. Tugh Temür konnte sich als Yuan-Kaiser durchsetzen. Die Auseinandersetzung hatte der Hauptstadt jedoch erstmals seit ihrer Errichtung den Krieg zwischen rivalisierenden Hofgruppen unmittelbar vor die Tore gebracht.
Der Sieg regelte außerdem noch nicht abschließend das Verhältnis innerhalb der siegreichen Familie. Tugh Temür hatte einen älteren Bruder, Qoshila. Dieser beanspruchte ebenfalls die Herrschaft und übernahm 1329 den Kaisertitel.
Qoshila starb bald darauf, und Tugh Temür regierte erneut. Die Umstände des raschen Todes gaben Anlass zu Verdächtigungen. Eine gesicherte Darstellung eines konkreten Mordablaufs lässt sich daraus nicht gewinnen. Für die weitere Regierung war entscheidend, dass wieder ein Herrscher ausfiel und die Vergabe der obersten Stellung neu bestimmt werden musste.
Solche Wechsel rückten Männer wie El Temür in eine starke Position. Wer die Unterstützung von Truppen organisiert und einem Kandidaten den Thron gesichert hatte, konnte danach Einfluss auf dessen Entscheidungen verlangen. Der Kaiser verdankte seinen Rang dann auch einem Amtsträger, dessen Machtmittel er nicht selbst geschaffen hatte.
Der nächste junge Kaiser
Nach Tugh Temürs Tod 1332 folgten weitere Nachfolgeentscheidungen. 1333 gelangte schließlich Toghon Temür, ein Sohn Qoshilas, auf den Thron. Er sollte länger regieren als seine unmittelbaren Vorgänger. Seine Regierung begann jedoch in einem Umfeld, in dem hohe Militärführer und Hofgruppen erheblichen Einfluss auf den Zugang zur Macht besaßen.
Die Verwaltung musste während dieser Wechsel weiterhin den Unterhalt der Hauptstadt sichern. Ihre Beamten registrierten dafür Haushalte und trieben Abgaben ein. Neue Herrscher vergaben ihrerseits Ämter und Belohnungen, die zusätzliche Ansprüche auf jene Erträge schaffen konnten, die außerhalb des Hofes aufgebracht werden mussten.
In Dadu verschwanden die Maßnahmen für die unmittelbare Verteidigung mit dem Ende der Kämpfe nach und nach aus dem Alltag. Die Bewohner blieben jedoch auf eine Regierung angewiesen, deren Spitze in wenigen Jahren mehrfach gewechselt hatte. Die Mauern hatten die Stadt geschützt. Wer hinter diesen Mauern künftig Befehle erteilen konnte, entschied sich weiter auch am Einfluss jener Männer, die bewaffnete Unterstützung bereitstellten.
Zum Weiterlesen
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- Franke, H. & Twitchett, D. (1994): The Cambridge History of China, Vol. 06: Alien Regimes and Border States, 907-1368.*
- Weatherford, J. (2005): Genghis Khan and the Making of the Modern World.*
Bildnachweis
Titel: Tugh Temür im Yuan-Kaiseralbum. Wikimedia Commons, Unbekannter Hofkünstler; National Palace Museum, Taipeh. Gemeinfrei.
Sommerresidenz: Die Stadtwüstung Shangdu. Wikimedia Commons, Flaumfeder. CC BY-SA 4.0.
Hauptstadtmauer: Dadus erhaltene Stampflehmwälle. Wikimedia Commons, rheins. CC BY 3.0.



