Norodom Sihanouk hielt sich im März 1970 außerhalb Kambodschas auf, als seine Herrschaft in Phnom Penh zusammenbrach. Die Nationalversammlung entzog ihm die Macht. Ministerpräsident Lon Nol übernahm die Führung des Landes und stellte sich offen gegen die nordvietnamesischen Truppen, die Stützpunkte auf kambodschanischem Gebiet unterhielten.
Für Saloth Sar und die Kommunistische Partei Kampucheas veränderte dieser Machtwechsel die Lage grundlegend. Seit Jahren hatten sie Sihanouk bekämpft und seinen Sturz angestrebt. Nun beseitigten andere ihren wichtigsten innenpolitischen Gegner. Wenige Tage später geschah etwas, das noch kurz zuvor kaum vorstellbar gewesen wäre. Der entmachtete Prinz verbündete sich aus seinem Exil in Peking mit jenen Kommunisten, die gegen seine Regierung gekämpft hatten.
Damit erhielt eine bis dahin vergleichsweise kleine Untergrundbewegung Zugang zu einem Namen, den Millionen kambodschanischer Bauern kannten und verehrten. Der Krieg, den Saloth Sar bislang gegen Sihanouk geführt hatte, wurde nun im Namen Sihanouks weitergeführt.
Ein Land unter wachsendem Druck
Der Umsturz hatte eine längere Vorgeschichte. Der Vietnamkrieg griff seit Jahren über die kambodschanische Grenze hinaus. Nordvietnamesische Truppen und Einheiten der Nationalen Befreiungsfront nutzten Rückzugsgebiete im Osten Kambodschas. Gleichzeitig gelangten große Mengen Reis aus Kambodscha über die Grenze nach Vietnam. Die Regierung in Phnom Penh verlor dadurch Einnahmen und zunehmend die Kontrolle über Teile des Grenzraums.
Sihanouk hatte versucht, zwischen den Kriegsparteien zu manövrieren. Seine Neutralitätspolitik stieß jedoch im eigenen Land auf wachsenden Widerstand. Politiker um Lon Nol verlangten ein härteres Vorgehen gegen die vietnamesischen Einheiten.
Auch die Vereinigten Staaten griffen inzwischen direkt in Kambodscha ein. Amerikanische Flugzeuge bombardierten seit 1969 vietnamesische Stützpunkte auf kambodschanischem Gebiet. Der Krieg wurde damit auch dort geführt, wo Sihanouks Regierung offiziell Neutralität beanspruchte.

Zu Beginn des Jahres 1970 verlor die Grenze zu Vietnam unter diesem Druck zunehmend ihre Bedeutung. Menschen flohen nach Kambodscha, während militärische Verbände die Grenze in beide Richtungen überschritten.
In dieser Situation setzte die politische Führung in Phnom Penh Sihanouk ab.
Ob und in welchem Umfang Washington auf den Umsturz selbst einwirkte, ist in der Forschung umstritten. Einzelne Indizien sprechen für eine amerikanische Beteiligung. Die unmittelbaren Entscheidungen in Phnom Penh trafen kambodschanische Politiker und Militärs. Sicher ist, dass die Regierung Lon Nols anschließend umfangreiche Unterstützung aus den Vereinigten Staaten erhielt.
Sihanouk ruft zum Widerstand auf

Der entmachtete Prinz reagierte aus Peking. Er stellte sich an die Spitze einer neuen Front gegen die Regierung Lon Nols und rief seine Landsleute zum Widerstand auf.
Für die als Rote Khmer bekannten kambodschanischen Kommunisten war dies ein politischer Gewinn, den sie aus eigener Kraft kaum hätten erreichen können. Bis 1969 hatte ihre Führung Sihanouk bekämpft. Seine Popularität auf dem Land begrenzte ihren Einfluss. Nach seinem Sturz konnten sie ihre eigenen Truppen nun als Teil eines Kampfes zur Wiederherstellung der Herrschaft des Prinzen präsentieren.
Auch die drei linken Abgeordneten, die 1967 in den Untergrund geflohen waren, traten wieder hervor. Khieu Samphan, Hou Youn und Hu Nim meldeten sich über den Rundfunk und warben für den Widerstand. Sie erhielten später Ministerposten in der Exilregierung der neuen Front. Diese sichtbaren Ämter sagten allerdings wenig über die tatsächlichen Machtverhältnisse aus. Die entscheidenden Beschlüsse traf die geheime Parteiführung um Saloth Sar.
Sihanouk verlieh dem Bündnis seinen Namen und seine öffentliche Legitimität. Die Kommunisten verfügten dagegen über die Untergrundorganisation und zunehmend über die bewaffneten Verbände im Land.
Beide Seiten brauchten einander.
Die Rückkehr der alten Kommunisten
Der Umsturz brachte noch eine weitere Gruppe zurück nach Kambodscha. Rund 1.000 ehemalige Issarak-Kämpfer, die nach 1954 nach Nordvietnam gegangen waren, kehrten zurück. Sie gehörten zur älteren Generation der kambodschanischen Kommunisten und hatten jahrelang enge Beziehungen zu Hanoi gepflegt.
Damit wuchs die kommunistische Bewegung erheblich, zugleich wurden ihre inneren Gegensätze größer.
In den ersten Kriegsjahren kämpften Anhänger Sihanouks neben Kommunisten, die sich weiterhin eng an Vietnam orientierten. Andere Kader folgten der Parteizentrale um Saloth Sar, die ihre politische Eigenständigkeit gegenüber Hanoi immer stärker betonte.
Die gemeinsame Gegnerschaft zu Lon Nol verdeckte diese Unterschiede zunächst.
Der Krieg erreicht das ganze Land
Bereits im Frühjahr 1970 überschritten amerikanische und südvietnamesische Truppen die Grenze nach Kambodscha, um vietnamesische Stützpunkte zu zerstören. Gleichzeitig operierten nordvietnamesische Verbände weit innerhalb des Landes.
Für die Bevölkerung bedeutete dies eine rasche Ausweitung der Kämpfe. Dörfer wurden geräumt und Verkehrsverbindungen unterbrochen. Die Zahl der Vertriebenen stieg.
Nach Angaben des Pentagon trieb die amerikanische Bodenoffensive von 1970 rund 130.000 Menschen in die Flucht. Bei einer Befragung von Flüchtlingen in kambodschanischen Städten nannte 1971 eine Mehrheit amerikanische Bombardierungen als Ursache ihrer Vertreibung.
Gleichzeitig verlor die Regierung Lon Nols große Teile des Landes. Die kommunistischen Kräfte und ihre vietnamesischen Verbündeten eroberten ländliche Gebiete, während Phnom Penh und mehrere Provinzstädte unter Kontrolle der Republik blieben.
Die Front verlief jedoch keineswegs sauber zwischen zwei geschlossenen Lagern. Regionale kommunistische Organisationen handelten teilweise eigenständig. Im Osten standen viele Kader weiterhin eng mit Vietnam in Verbindung. Andere Verbände orientierten sich stärker an der Parteizentrale.
Diese Unterschiede wurden im Laufe des Krieges immer wichtiger.
Viele junge Männer schlossen sich während dieser Jahre der Revolution an. In den Personalakten des späteren Foltergefängnisses S-21 datierten zahlreiche Kader ihren Eintritt in die Bewegung auf die Jahre zwischen 1970 und 1975. Für eine ganze Generation begann die politische Laufbahn also erst mit dem Bürgerkrieg.

Sihanouks Name und Saloth Sars Partei
Die Parteiführung blieb weitgehend verborgen. Saloth Sar trat öffentlich kaum in Erscheinung. Selbst viele Menschen in den von den Kommunisten kontrollierten Gebieten wussten wenig über die Männer, die an der Spitze der Partei standen.
Ein politischer Kommissar erklärte nach Kriegsende gegenüber einem früheren Lehrer, Sihanouk habe der Organisation seit 1970 geholfen. Deshalb habe man ihn weiterhin als Präsidenten präsentiert. Zugleich stellte derselbe Funktionär klar, dass der Prinz sich der Linie der Organisation unterordnen müsse.
Darin lag die eigentliche Verschiebung der Macht. Sihanouk glaubte, eine breite Widerstandsfront gegen Lon Nol anzuführen. Die Kommunistische Partei benutzte dieselbe Front, um ihre eigene Organisation auszubauen.
Mit jedem Kriegsjahr wurde sie weniger abhängig von ihrem prominenten Verbündeten.
Bomben über dem Land

Die amerikanischen Luftangriffe hatten bereits unter Sihanouk begonnen. Unter Lon Nol nahmen sie erheblich zu. Besonders intensiv wurden sie 1973.
Am 3. August 1973 bombardierten amerikanische Flugzeuge das Dorf Plei Loh im Nordosten. Ein amerikanischer Bericht verzeichnete 28 getötete Zivilisten und fünf getötete vietnamesische Guerillakämpfer. Einen Tag später trafen Bomben das nahegelegene Plei Lom. Dort starben nach den vorliegenden Berichten 20 Menschen, darunter Kinder. Weitere Angriffe folgten wenige Tage später.
Nach einer Schätzung kosteten die amerikanischen Bombardierungen Kambodschas von 1969 bis 1973 bis zu 150.000 Zivilisten das Leben. Für diese Schätzung bestehen Unsicherheiten, weil die Opferzahlen vieler Angriffe nicht zuverlässig dokumentiert wurden. Sicher belegt ist jedoch die enorme Intensität der Angriffe. Zwischen 1969 und 1973 warfen amerikanische Flugzeuge rund eine halbe Million Tonnen Bomben über Kambodscha ab.
Die Parteikader nutzten die Zerstörungen für ihre Rekrutierung. Sie führten Überlebenden vor Augen, dass die amerikanischen Angriffe der Regierung Lon Nols halfen, und verbanden die Bombardierungen mit ihrem Kampf gegen Phnom Penh.

Damit wäre es allerdings zu einfach, den Aufstieg der Roten Khmer allein mit den amerikanischen Angriffen zu erklären. Die kommunistische Bewegung bestand lange vor den Bombardierungen. Sie verfügte über eigene Kader und hatte seit 1967 bewaffnet gekämpft.
Der Luftkrieg veränderte jedoch die Bedingungen, unter denen diese Bewegung wachsen konnte. Die Bombardierungen führten der Partei neue Rekruten zu und trugen dazu bei, die Macht gemäßigterer Kräfte innerhalb des Widerstands zu schwächen.
1973 verändert sich das Kräfteverhältnis
Im Januar 1973 unterzeichneten die Vereinigten Staaten und Nordvietnam das Pariser Friedensabkommen über Vietnam. In Kambodscha gingen die Kämpfe jedoch weiter.
Vietnamesische kommunistische Truppen zogen sich zunehmend aus den Kämpfen gegen Lon Nol zurück. Die kambodschanischen Kommunisten führten den Krieg nun stärker mit eigenen Verbänden.
Damit gewann auch die Parteiführung um Saloth Sar größere Kontrolle über die Bewegung. Noch zu Beginn des Bürgerkriegs hatten Sihanoukisten und ältere Kommunisten erheblichen Einfluss besessen. Bis 1974 hatte sich das Verhältnis deutlich zugunsten des Parteizentrums verschoben. Die Parteizentrale schaltete zunehmend jene Kräfte aus, die ihr politisch im Weg standen.
Auch gegenüber Vietnam wuchs die Distanz. Ein Funktionär im Nordwesten erinnerte sich später daran, dass vietnamesische Truppen bis 1973 beim Kampf gegen Lon Nol geholfen hätten. Die kambodschanischen Kommunisten hätten jedoch darauf bestanden, den Krieg selbst zu führen und unabhängig zu bleiben.
Was als gemeinsamer Widerstand gegen Lon Nol begonnen hatte, verwandelte sich damit schrittweise in einen Krieg, den Saloth Sars Partei immer stärker nach ihren eigenen Vorstellungen führte.
Die Revolution beginnt vor dem Sieg
In einigen eroberten Gebieten begann die Partei schon vor der Einnahme Phnom Penhs, die Gesellschaft umzubauen.
Kommunistische Kader organisierten die Bevölkerung während des Bürgerkriegs immer stärker. Regionale Unterschiede blieben beträchtlich. Manche Gebiete standen unter vergleichsweise gemäßigten Funktionären, während andere Führungen früh weitreichende Eingriffe durchsetzten.
Diese Unterschiede führten sogar zu bewaffneten Konflikten innerhalb des Widerstands. Ende 1974 berichteten Flüchtlinge aus dem Osten von einer Gruppe überwiegend muslimischer Cham, die sich von der Kommunistischen Partei losgesagt hatte. Ihre Angehörigen unterstützten Sihanouk und wandten sich gegen die Kollektivierung von Eigentum. Auch Teile kommunistischer Truppen schlossen sich solchen oppositionellen Gruppen an.
Schon während des Krieges gegen Lon Nol stritten die Aufständischen in den von ihnen beherrschten Gebieten darüber, wer nach dem Sieg herrschen und über das Eigentum bestimmen sollte.
Die Führung um Saloth Sar setzte sich dabei schrittweise durch.
Phnom Penh wird zur belagerten Stadt
Während die Kommunisten auf dem Land vorrückten, wuchs Phnom Penh durch die Flüchtlinge immer weiter. Menschen, die ihre Dörfer wegen der Kämpfe verlassen hatten, suchten Schutz in der Hauptstadt.
1974 war die Frage kaum noch, ob die Republik militärisch unter Druck stand. Entscheidend wurde, wie lange sie sich halten konnte.
Im Frühjahr 1975 brach die Verteidigung endgültig zusammen. Die kommunistischen Verbände nahmen Provinzstädte ein und rückten auf Phnom Penh vor. In Battambang richteten sich die Sieger im April unmittelbar gegen den Flughafen. Sie hegten eine tiefe Feindschaft gegenüber den Piloten, die während des Krieges Angriffe auf die ländlichen Gebiete geflogen hatten.
Am Mekong wurde der Nachschub nach Phnom Penh immer schwieriger. Die Hauptstadt war mit Schutzsuchenden überfüllt und von der Versorgung aus der Luft abhängig.
Fünf Jahre zuvor hatte Saloth Sar eine kleine und zerstrittene Aufstandsbewegung geführt. Nun standen seine Truppen vor der Hauptstadt.
Doch die Männer und Frauen in Phnom Penh wussten kaum, wer ihnen gegenüberstand. Viele hofften vor allem darauf, dass mit dem Einmarsch der Sieger endlich der Krieg enden würde.
Am 17. April 1975 marschierten die Roten Khmer in die Stadt.
Noch am selben Tag begannen sie, Phnom Penh zu räumen.
Zum Weiterlesen
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Kiernan, B. (2004): How Pol Pot Came to Power. Colonialism, Nationalism, and Communism in Cambodia.* Ausführliche Untersuchung der kambodschanischen kommunistischen Bewegung von der Kolonialzeit bis zur Machtübernahme 1975.
Kiernan, B. (2008): The Pol Pot Regime. Race, Power, and Genocide in Cambodia under the Khmer Rouge, 1975–79.* Standardwerk zur Herrschaft der Roten Khmer, mit einer knappen Einführung in die Vorgeschichte der Bewegung.
Bultmann, D. (2017): Kambodscha unter den Roten Khmer. Die Erschaffung des perfekten Sozialisten.* Überblick über Entstehung, Herrschaft und Fortleben der Roten Khmer mit besonderem Augenmerk auf Organisation und Gesellschaftsumbau.
Bildnachweis
Titel: B-52D Stratofortress.
Phnom Penh, 1973: Wikimedia Commons, Mjcd71. CC BY-SA 4.0.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.


