Kurz vor Mitternacht musste Chey Sopheara mit seiner Familie das Haus verlassen. Der Medizinstudent hatte den 17. April 1975 in Phnom Penh erlebt, den Tag, an dem die Truppen der Roten Khmer die Hauptstadt einnahmen. Soldaten aus der südwestlichen Zone trieben die Bewohner aus ihren Häusern und feuerten über die Köpfe der Menge, damit sie weiterging. Sophearas Familie bewegte sich zum Monivong Boulevard und über die Brücke aus der Stadt hinaus.
Auf der anderen Seite traf sie auf Soldaten aus der östlichen Zone. Diese Männer verteilten Reis und Medikamente. Sie schossen nicht auf die Menschen. Zurückkehren durfte trotzdem niemand.
Schon in den ersten Stunden nach dem Sieg zeigte sich damit ein Problem, das die Herrschaft der Roten Khmer weiter begleiten sollte. Die Truppen, die Phnom Penh eroberten, gehörten verschiedenen Zonen und Verbänden an. Sie verhielten sich unterschiedlich und erhielten ihre Befehle teilweise zu verschiedenen Zeiten. In einem Punkt setzte sich jedoch die Führung durch. Phnom Penh musste leer werden.
Der Krieg ist vorbei
Für die Bevölkerung der Hauptstadt begann der 17. April zunächst mit einer Nachricht, auf die viele seit Jahren gewartet hatten. Der Bürgerkrieg war entschieden.
Die Regierung Lon Nols war zusammengebrochen. Kommunistische Verbände rückten aus mehreren Richtungen in Phnom Penh ein. Viele Bewohner begrüßten die Sieger zunächst, weil sie nach Jahren des Krieges vor allem Frieden erwarteten.
Doch die neuen Machthaber ließen der Bevölkerung kaum Zeit, sich auf die veränderte Lage einzustellen.
Soldaten forderten Bewohner auf, ihre Häuser zu verlassen. Teilweise hieß es, die Räumung werde nur drei Tage dauern. Danach könnten die Menschen zurückkehren. Als Begründung nannten die Truppen die Gefahr amerikanischer Luftangriffe.
Diese Erklärung konnte den Menschen plausibel erscheinen. Die Bevölkerung hatte jahrelange Bombardierungen erlebt. Auch manche Kämpfer der Roten Khmer konnten nach dem militärischen Sieg einen amerikanischen Gegenschlag für möglich halten. Manche Soldaten könnten deshalb zunächst angenommen haben, sie setzten eine vorübergehende Sicherheitsmaßnahme durch.
Die Entscheidung der Parteiführung war jedoch lange vor dem Einmarsch gefallen.
Eine Entscheidung vor dem Sieg

Saloth Sar, bekannt unter dem Namen Pol Pot, erklärte später selbst, die Räumung der Städte sei im Februar 1975 beschlossen worden. Die Parteiführung plante den Schritt also zu einer Zeit, als ihre Truppen noch vor Phnom Penh standen.
Innerhalb der kommunistischen Bewegung war diese Entscheidung keineswegs unumstritten.
Heng Samrin, damals Offizier der kommunistischen Streitkräfte, erinnerte sich später daran, dass die bevorstehende Evakuierung bei einer Besprechung zur Eroberung Phnom Penhs angekündigt worden sei. Sein Vorgesetzter Chan Chakrey berichtete ihm zugleich von einem Streit innerhalb der Parteiführung. Hou Youn habe sich gegen den Plan ausgesprochen.
Hou Youn gehörte zu jener Gruppe linker Intellektueller, die bereits vor dem Bürgerkrieg öffentlich Politik betrieben hatten. Nach 1970 hatte er ein Ministeramt in der von Sihanouk geführten Widerstandsregierung übernommen. Zugleich gehörte er dem Zentralkomitee der Kommunistischen Partei an.
Nach Heng Samrins späterer Erinnerung stellte sich Hou Youn bei der Besprechung gegen die Räumung Phnom Penhs. Pol Pot warf ihm daraufhin vor, die Linie der Parteizentrale nicht umsetzen zu wollen. Einer früheren Aussage zufolge hatte Hou Youn schon 1974 gegen eine Evakuierung gesprochen.
Wie klein der Kreis war, der die Entscheidung tatsächlich kannte, zeigt ein anderes Beispiel. Hu Nim gehörte ebenfalls zu den bekannten linken Politikern und war Informationsminister der Widerstandsregierung. In seiner späteren Gefängnisaussage erinnerte er sich daran, erst am 19. April vom Plan zur Räumung erfahren zu haben.
Zu diesem Zeitpunkt waren die Bewohner Phnom Penhs bereits seit zwei Tagen auf den Straßen.
Unterschiedliche Befehle in derselben Stadt
Die Geheimhaltung der Parteiführung hatte unmittelbare Folgen für den Ablauf der Räumung.
Der Jurastudent Lor Chandara begegnete nach dem Sieg zunächst Soldaten, die sich der östlichen Zone zurechneten. Sie sagten ihm, er könne in seinem Haus bleiben. Später traf er am Fluss auf eine andere Einheit. Diese Soldaten forderten ihn auf, die Stadt zu verlassen.
Chandara verwies auf die Erlaubnis der ersten Gruppe. Darauf erhielt er die Antwort, Angkar habe die Richtung geändert. Angkar bedeutete »Organisation« und bezeichnete die Partei und ihre Führung.
Ein anderer Bewohner musste am 18. April sein Haus verlassen. Wenige hundert Meter weiter traf er auf eine zweite Gruppe von Soldaten, die ihn beruhigte und wieder nach Hause schickte. Am folgenden Tag erschien eine dritte Einheit und vertrieb ihn endgültig.
Diese Berichte zeigen, dass die Einnahme Phnom Penhs kein vollständig gleichförmiger Vorgang war. Die verschiedenen Verbände verfügten über eigene Erfahrungen und regionale Führungen. Manche wussten offenbar früher als andere, was die Parteizentrale beschlossen hatte.
Am Ergebnis änderte diese Uneinheitlichkeit wenig. Nach und nach setzten alle Verbände den Räumungsbefehl durch.
Der Räumungsbefehl
Besonders deutlich lässt sich die Vorgehensweise an der 11. Division aus der sogenannten Sonderzone erkennen.
Ein Soldat dieser Einheit, Chhin Phoeun, erinnerte sich später an den Auftrag. Seine Truppe sollte in Phnom Penh nach verborgenen Feinden suchen und zugleich die Bevölkerung aus der Stadt treiben.
Für Menschen, die sich weigerten, galt ein anderer Befehl. Die Soldaten durften schießen.
Phoeun berichtete, seine Gruppe habe nördlich des Marktes Daeum Thkou mehrere Familien erschossen. Ein anderer Augenzeuge sah dort später zwei Haufen mit Leichen von Zivilisten. Daneben befand sich ein Hinweis darauf, dass diese Menschen getötet worden seien, weil sie den Befehl zum Verlassen der Stadt nicht befolgt hätten.
In anderen Straßen genügte die offene Drohung, um die Menschen zum Aufbruch zu zwingen.
Tam Eng hielt sich am 19. April noch in einem Haus beim Markt O Russei auf. Dort erschien ein vielleicht vierzehn oder fünfzehn Jahre alter Kämpfer mit einer Granate. Er verlangte, dass die Familie das Haus verließ. Auf Engs Frage, wohin sie gehen solle, antwortete der Jugendliche sinngemäß, sie solle einfach fortgehen. Angkar werde überall sein.
Eng wusste zu diesem Zeitpunkt nicht einmal, was Angkar bedeutete.
Er nahm seine Familie und ging nach Süden.

Auf den Straßen aus Phnom Penh
Innerhalb weniger Tage füllten sich die großen Ausfallstraßen mit Menschen.
Familien schoben Fahrräder und Motorräder oder trugen, was sie in der kurzen Zeit hatten zusammenpacken können. Andere besaßen Fahrzeuge, solange Treibstoff vorhanden war. Die Richtung konnten die Menschen teilweise selbst wählen, doch die Rückkehr in die Stadt war ausgeschlossen.
Damit begann zugleich eine erste politische Auswahl.
Auf der Straße nach Kampot richteten die Roten Khmer bei Kampong Kantuot eine Kontrollstelle ein. Zeugenaussagen zufolge durften Zivilisten weiterziehen, während ehemalige Angehörige des Militärs ausgesondert wurden. In der Nähe waren anschließend Schüsse zu hören.
Kem Hong Hav war Militärsanitäter gewesen. Er zog mit seiner Familie auf Motorrädern und Fahrrädern nach Süden. Als er seinen früheren Beruf angab, erklärten ihm die Soldaten, Angkar benötige Funktionäre. Hav sollte mitkommen.
Er weigerte sich zunächst mit dem Hinweis auf seine Familie. Später gelang ihm die Flucht auf seinem Motorrad. Die Soldaten schossen hinter ihm her. Er wechselte seine Kleidung und fand schließlich seine Familie wieder.
Andere hatten dieses Glück nicht.
Auf der Straße nach Norden forderten die neuen Machthaber frühere Offiziere und Beamte auf, sich zu melden. Teilweise wurde ihnen erklärt, ihre Kenntnisse würden benötigt. Nach einer späteren Zeugenaussage kehrte ein ehemaliger Angehöriger der Luftwaffe mit anderen Männern in Richtung Phnom Penh zurück. Frauen und Männer wurden anschließend getrennt. Die Männer mussten sich wegen ihres Dienstes für das alte Regime verantworten und wurden zu einer Grube geführt.
Einer überlebte verwundet unter den Leichen und berichtete später davon.
Der Sieg über Lon Nol verwandelte sich damit unmittelbar in die Suche nach Angehörigen seiner Verwaltung und seiner Streitkräfte.
Wer gebraucht wurde, durfte zurück
Auch nach der Vertreibung der Bevölkerung blieb die Parteiführung auf städtische Betriebe angewiesen.
Auf den Straßen suchten Funktionäre zugleich nach Menschen mit bestimmten Fähigkeiten. Arbeiter aus Fabriken sowie Fachkräfte für Elektrizität oder Eisenbahn wurden teilweise aufgefordert, sich zu melden. Mehr als 200 solcher Menschen wurden nach einer späteren Zeugenaussage wieder nach Phnom Penh gebracht.
Muk Chot gehörte zu ihnen. Sein Onkel hatte bei der Eisenbahn gearbeitet. Chot und seine Familie kehrten deshalb in die Hauptstadt zurück. Eine Gruppe von etwa 60 Eisenbahnern erhielt den Auftrag, die Strecke nach Kampot wieder instand zu setzen. Später wurden ehemalige Studenten und demobilisierte Soldaten hinzugefügt.
Die Stadt sollte also keineswegs vollständig aufgegeben werden. Die neue Führung brauchte Werkstätten und Verkehrsverbindungen. Sie benötigte außerdem Ministerien sowie militärische Einrichtungen.
Die Parteiführung wollte das eigenständige Leben der Stadt unterbinden.
Eine Hauptstadt ohne Stadtbevölkerung
Die Folgen der Räumung reichten deshalb über die unmittelbare Vertreibung hinaus.
Mit der Bevölkerung verschwanden Märkte und politische Treffpunkte. Menschen konnten sich nicht mehr in großen Gruppen versammeln, wenn die Partei dies nicht angeordnet hatte. Auch unabhängige Kommunikation wurde erheblich schwieriger. Die städtische Gesellschaft mit ihren unterschiedlichen Berufen und politischen Milieus löste die Parteiführung gewaltsam auf.
Phnom Penh blieb Hauptstadt, doch sein Charakter änderte sich vollständig.
Nach einer Schätzung lebten während der Herrschaft der Roten Khmer vermutlich nie mehr als etwa 50.000 Menschen dort, darunter Funktionäre und Soldaten. Auch Arbeiter blieben in der Stadt, während Geschäfte und öffentliche Schulen schlossen. Viele Straßen wurden abgesperrt. Fabriken und Behörden arbeiteten hinter Zäunen. Autos und Haushaltsgeräte blieben ungenutzt zurück.
Vom Stadtbewohner zum Neuankömmling
Die Straßen aus Phnom Penh führten in sehr unterschiedliche Teile des Landes. Für die Vertriebenen begann damit eine zweite Etappe.
Sie trafen auf Dörfer, die bereits seit Jahren unter kommunistischer Kontrolle standen. Dort lebten Menschen, die den Krieg auf der Seite der Revolution erlebt hatten. Die Partei begann bald, zwischen dieser ansässigen Bevölkerung und den Neuankömmlingen aus den Städten zu unterscheiden.
Aus einer militärischen Kategorie wurde eine soziale Grenze.
Die Bewohner der bereits vor 1975 kontrollierten Gebiete galten als Bevölkerung der revolutionären Basis. Die aus Phnom Penh und anderen Städten vertriebenen Menschen kamen als Neuankömmlinge hinzu. Ihre Herkunft aus den Städten und ihre Verbindung zur alten Gesellschaft machten sie für die neue Führung verdächtig.
Der 17. April war deshalb mehr als der Tag, an dem der Bürgerkrieg endete.
An diesem Morgen marschierten die Roten Khmer in Phnom Penh ein. Nur Stunden später begannen sie damit, die Gesellschaft, über die sie gerade die Macht gewonnen hatten, neu zu ordnen.
Auf den Straßen aus der Hauptstadt begegneten sich nun zwei Gruppen, die in den folgenden Jahren unter sehr unterschiedlichen Bedingungen leben sollten.
Zum Weiterlesen
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Kiernan, B. (2004): How Pol Pot Came to Power. Colonialism, Nationalism, and Communism in Cambodia.* Ausführliche Untersuchung der kambodschanischen kommunistischen Bewegung von der Kolonialzeit bis zur Machtübernahme 1975.
Kiernan, B. (2008): The Pol Pot Regime. Race, Power, and Genocide in Cambodia under the Khmer Rouge, 1975–79.* Standardwerk zur Herrschaft der Roten Khmer, mit einer knappen Einführung in die Vorgeschichte der Bewegung.
Bultmann, D. (2017): Kambodscha unter den Roten Khmer. Die Erschaffung des perfekten Sozialisten.* Überblick über Entstehung, Herrschaft und Fortleben der Roten Khmer mit besonderem Augenmerk auf Organisation und Gesellschaftsumbau.
Bildnachweis
Titel: Preah Monivong Boulevard, eine der Hauptstraßen auf denen die Menschen aus der Stadt vertrieben wurden. Wikimedia Commons, Kiensvay. CC BY-SA 3.0.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.



