Samlaut 1967 – Der Aufstand im Nordwesten

Am 2. April 1967 griffen Bewaffnete bei Samlaut im Süden der Provinz Battambang eine staatliche Landwirtschaftseinrichtung in Stung Kranhoung an und setzten sie in Brand. Anschließend stürmten sie mehrere Armeeposten. Zwei Soldaten kamen ums Leben. Fast gleichzeitig meldeten Behörden auch aus anderen Teilen Kambodschas Angriffe und kommunistische Propaganda.

Seit Monaten verschärften sich die Spannungen auf dem Land. Ministerpräsident Lon Nol hatte seinen Sitz zeitweise nach Battambang verlegt und dort eine Kampagne zur staatlichen Erfassung der Reisernte vorangetrieben. Große Mengen Reis waren zuvor über die Grenze nach Vietnam verkauft worden, wodurch dem Staat Einnahmen entgingen. Nun sollten staatliche Komitees den Reis direkt von den Bauern aufkaufen. Die festgesetzten Preise lagen teilweise weit unter denen des Schwarzmarktes.

Für die kommunistische Untergrundbewegung bot dieser Konflikt eine Gelegenheit. Ihre Führung um Saloth Sar hatte sich inzwischen aus Phnom Penh zurückgezogen und bereitete sich auf einen Kampf gegen die Regierung Norodom Sihanouks vor. Später stellte die Partei die Ereignisse von Samlaut gern als spontane Antwort bedrängter Bauern auf staatliche Gewalt dar. Eine interne Parteigeschichte, die im September/Oktober 1967 erschien, feierte die Ereignisse dagegen ausdrücklich als Ergebnis der eigenen Führung. Wie weit die Parteizentrale die Aktionen tatsächlich vorbereitet und gesteuert hatte, bleibt umstritten.

Reis und politische Kontrolle

Sihanouk selbst erklärte später, dass die neuen Ankaufskomitees zugleich die Arbeit kommunistischer Zellen erschwert hätten. Der Staat wollte also sowohl die Vermarktung der wichtigsten Exportware kontrollieren als auch seine Präsenz in den Dörfern verstärken.

Lon Nol, 1972

Lon Nol ging während Sihanouks Abwesenheit Anfang 1967 gegen kommunistische Aktivisten vor. Verhaftungen und Hinrichtungen wurden aus mehreren Provinzen gemeldet. In Battambang rückten Regierungstruppen in Gebiete ein, in denen die Untergrundbewegung Anhänger besaß. Tausende Bewohner flohen nach Angaben einer rückblickenden Parteidarstellung in die Wälder.

Auch in Phnom Penh nahm die Unruhe zu. Studenten und buddhistische Mönche protestierten gegen die Militäroperationen im Westen und warfen der Armee vor, gegen die eigene Bevölkerung vorzugehen. Sie verlangten außerdem den Rücktritt der Regierung Lon Nol.

Sihanouk reagierte mit einer Warnung. In einer öffentlichen Rede erinnerte er die kambodschanische Linke an die kurz zuvor erfolgte Vernichtung der Kommunistischen Partei Indonesiens. Für die Zuhörer war die Botschaft eindeutig. Der Prinz stellte klar, dass auch in Kambodscha die staatliche Gewalt gegen die Kommunisten eingesetzt werden konnte.

Damit griff der Konflikt von den Reisfeldern Battambangs auf die Hauptstadt über.

Kämpfe um Samlaut

Die Angriffe Anfang April blieben nicht auf Samlaut beschränkt. In der östlichen Provinz Kampong Cham drang eine bewaffnete Gruppe unter Anhängern So Phims in einen Ort ein und tötete einen früheren Verwaltungsbeamten. In Kampong Thom und Kampong Speu verbreiteten kommunistische Netzwerke gleichzeitig Propaganda gegen die Regierung.

Gerade diese Gleichzeitigkeit ist für die Einordnung wichtig. Ältere Darstellungen beschrieben Samlaut häufig als lokalen Bauernaufstand, den die kommunistische Führung erst nachträglich für sich beanspruchte. Eine andere Deutung stützt sich auf die Parteidokumente und sieht darin eine landesweit vorbereitete Aktion, die zugleich von konkreten lokalen Konflikten angetrieben wurde. Das erklärt auch, weshalb die Erhebung von Ort zu Ort sehr unterschiedlich verlief.

Die kommunistische Führung erzielte zunächst keinen entscheidenden Erfolg. Regierungstruppen gingen mit überlegener Bewaffnung gegen die Aufständischen vor. Gleichzeitig verschärften Berichte über die Repression den politischen Druck auf Lon Nol. Ende April trat er als Ministerpräsident zurück. Am 2. Mai übernahm Son Sann das Amt.

Für einen kurzen Moment schien damit eine Beruhigung möglich.

Sihanouk fährt nach Samlaut

Anfang Mai besuchte Sihanouk selbst das Unruhegebiet. Er forderte jene Bewohner, die aus Angst oder wegen ihrer Verbindung zu den Kommunisten in die Wälder geflohen waren, zur Rückkehr auf und versprach ihnen Begnadigung.

Ein Teil der Rebellen blieb jedoch bewaffnet.

Im Gebiet des Phnom Veay Chap entstand im Mai ein größerer Stützpunkt. Der bewaldete Hügel bot Schutz und verfügte über Wasser. Spätere kommunistische Funktionäre erinnerten sich an diesen Ort als eine wichtige frühe Erfahrung des bewaffneten Kampfes. Regierungstruppen schlossen das Gebiet ein und gingen mit schweren Waffen gegen die Aufständischen vor.

Am 18. Juni erklärte Sihanouk den Aufstand für beendet. Viele Familien waren tatsächlich in ihre Dörfer zurückgekehrt. Doch anschließend begannen weitere Strafaktionen. Häuser wurden durchsucht und teilweise zerstört. Bewohner flohen erneut in die Wälder. Auch buddhistische Mönche schlossen sich den Flüchtenden an.

Damit entstand genau jene Situation, die die Regierung hatte verhindern wollen. Menschen, die zuvor keine bewaffneten Revolutionäre gewesen waren, fanden sich nun in Gebieten wieder, in denen kommunistische Kader operierten.

Die Kämpfe von 1967 hinterließen im Nordwesten einen tiefen Eindruck. Noch Jahre später erinnerten sich dortige Parteifunktionäre an die Militäroperationen Sihanouks. Die Ereignisse wurden später sogar innerhalb der Kommunistischen Partei zum Streitpunkt, weil Funktionäre aus dem Nordwesten beklagten, dass die Parteiführung ihre Rolle in der offiziellen Revolutionsgeschichte herunterspielte.

Drei Politiker verschwinden

Parallel zu den Kämpfen auf dem Land geriet die legale Linke in Phnom Penh unter immer größeren Druck.

Hou Youn, Khieu Samphan und Hu Nim hatten jahrelang öffentlich Politik betrieben. Sie gehörten zum gebildeten linken Milieu der Hauptstadt und hatten Mandate in der Nationalversammlung übernommen. Ihre Stellung wurde nun unhaltbar.

Khieu Samphan, 2014

Hou Youn und Khieu Samphan verschwanden zuerst. Hu Nim folgte 1967, nachdem auch ihm eine Verhaftung drohte. Für mehrere Jahre hörte die Öffentlichkeit kaum noch etwas von ihnen. Viele Kambodschaner glaubten, Sihanouks Sicherheitskräfte hätten die drei Männer ermordet. Deshalb wurden sie später als die drei Geister bekannt. Tatsächlich hatten sie sich dem kommunistischen Untergrund angeschlossen.

Ihr Verschwinden hatte erhebliche politische Folgen. Bis dahin hatte es neben der geheimen Partei eine öffentlich sichtbare Linke gegeben, die in Zeitungen und im Parlament auftreten konnte. Dieser politische Raum wurde 1967 immer enger. Ein Teil seiner prominentesten Vertreter befand sich nun ebenfalls im Untergrund.

Das stärkte jene Kräfte innerhalb der kommunistischen Bewegung, die einen bewaffneten Kampf gegen Sihanouk bereits für notwendig hielten.

Der 17. Januar 1968

Nach den Rückschlägen von 1967 bereitete die Parteiführung eine neue Erhebung vor. Später erklärte sie den 17. Januar 1968 zum Beginn ihres bewaffneten Kampfes.

Wieder begann die Bewegung im Nordwesten. Mitte Januar wurden in der Gegend um Samlaut Brücken zerstört und Regierungsposten angegriffen. Ende Februar folgte eine größere, koordinierte Aktion. Bewaffnete Gruppen griffen in mehreren Provinzen isolierte staatliche Stellungen an und erbeuteten Gewehre und Maschinengewehre.

Sihanouk erkannte, dass die Angriffe miteinander verbunden waren. Anfang März sprach er offen von einem Krieg.

Die Kommunisten waren inzwischen stärker als ein Jahr zuvor. In mehreren westlichen Provinzen zogen Tausende Dorfbewohner in die Wälder. Die Rebellen besaßen weiterhin wenige Waffen, konnten aber durch Überfälle auf kleine Stützpunkte ihren Bestand vergrößern.

Die Parteiführung hatte damit eine Strategie gefunden, die sich in den folgenden Jahren wiederholen sollte. Ihre Einheiten sollten Waffen möglichst vom Gegner erbeuten und sich in schwer zugänglichen Gebieten festsetzen.

Doch selbst jetzt handelte die Partei keineswegs geschlossen.

Streit im Osten

So Phim leitete die kommunistische Organisation im Osten des Landes. Dort lagen die Stützpunkte nahe an Vietnam, und die lokalen Kader standen weiterhin in engem Kontakt mit vietnamesischen Kommunisten.

Hanoi betrachtete einen offenen Krieg gegen Sihanouk mit Sorge. Für Nordvietnam war das neutrale Kambodscha von großer strategischer Bedeutung. Ein Sturz Sihanouks konnte die Versorgung der vietnamesischen Streitkräfte gefährden und Kambodscha näher an die Vereinigten Staaten führen.

Als die Parteizentrale 1968 ihre Organisationen aufforderte, Waffen zu erbeuten und den Kampf auszuweiten, zögerte die Führung im Osten. Erst Monate später beteiligten sich dortige Einheiten stärker an den Angriffen.

Damit trat ein Konflikt hervor, der die kambodschanischen Kommunisten später tief spalten sollte. Saloth Sars Führung wollte die Revolution zunehmend unabhängig von Vietnam betreiben. Teile der älteren Bewegung pflegten dagegen weiterhin die Verbindungen, die seit dem gemeinsamen Kampf gegen Frankreich bestanden hatten.

Der Aufstand von Samlaut hatte also zugleich die Stärke und die Grenzen der neuen Parteiführung sichtbar gemacht.

Ein Gegner, den die Partei noch nicht besiegen konnte

Ende der 1960er Jahre verfügten die Kommunisten über bewaffnete Einheiten und Rückzugsgebiete. Sie hatten Anhänger in verschiedenen Provinzen gewonnen. Viele Vertreter der offenen politischen Linken arbeiteten inzwischen ebenfalls im Untergrund.

Für einen landesweiten Sieg reichte das nicht.

Sihanouk besaß weiterhin erhebliches Ansehen unter der ländlichen Bevölkerung. Seine Neutralitätspolitik erschwerte es den Kommunisten zusätzlich, ihn als Werkzeug einer ausländischen Macht darzustellen. 1969 musste die Parteiführung erkennen, dass sie mit ihrem bisherigen Kurs kaum weiterkam.

Daraufhin erwog die Führung um Saloth Sar eine gemeinsame Front mit Sihanouk gegen die erstarkende Rechte und ließ die Propaganda gegen ihn einstellen.

Im März 1970 nahmen andere Männer in Phnom Penh Saloth Sar diese Entscheidung ab. Norodom Sihanouk befand sich im Ausland, als die Nationalversammlung ihn entmachtete. An der Spitze des neuen Regimes stand Lon Nol.

Für die kommunistische Bewegung änderte dieser Staatsstreich innerhalb weniger Tage die Voraussetzungen des gesamten Krieges.


Reisbauer in Kambodscha

Zum Weiterlesen

Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.

Kiernan, B. (2004): How Pol Pot Came to Power. Colonialism, Nationalism, and Communism in Cambodia.* Ausführliche Untersuchung der kambodschanischen kommunistischen Bewegung von der Kolonialzeit bis zur Machtübernahme 1975.

Kiernan, B. (2008): The Pol Pot Regime. Race, Power, and Genocide in Cambodia under the Khmer Rouge, 1975–79.* Standardwerk zur Herrschaft der Roten Khmer, mit einer knappen Einführung in die Vorgeschichte der Bewegung.

Bultmann, D. (2017): Kambodscha unter den Roten Khmer. Die Erschaffung des perfekten Sozialisten.* Überblick über Entstehung, Herrschaft und Fortleben der Roten Khmer mit besonderem Augenmerk auf Organisation und Gesellschaftsumbau.

Bildnachweis

Titel: Reisfeld in der Provinz Takeo in Kambodscha.Stefan Fussan. Wikimedia Commons, . CC BY-SA 3.0.

Khieu Samphan: Wikimedia Commons, https://www.flickr.com/photos/krtribunal/14663612890/. CC BY-SA 2.0.

Bauer: Wikimedia Commons, International Rice Research Institute. CC BY-SA 2.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

Schreibe einen Kommentar