Die Studenten von Paris – Saloth Sars Weg an die Spitze der Partei

In einer Pariser Wohnung trafen sich Anfang der 1950er Jahre junge Kambodschaner, die sehr unterschiedliche Fächer studierten, sich aber mit denselben politischen Fragen auseinandersetzten. Die Wohnung gehörte Keng Vannsak, einem kambodschanischen Intellektuellen, der sich der Geschichte und Sprache seines Landes widmete. Zu seinem Umfeld gehörten Studenten, die später wichtige Ämter in Kambodscha übernahmen. Unter ihnen befanden sich Saloth Sar, Ieng Sary und weitere Angehörige jener Generation, aus der später ein großer Teil der Führung der Roten Khmer hervorging.

Sie diskutierten über die französische Kolonialherrschaft und die kambodschanische Monarchie. Auch der Kommunismus beschäftigte sie. Einige traten der Kommunistischen Partei Frankreichs bei. Saloth Sar gehörte ebenfalls dazu. Jahrzehnte später sollte die Führung der Roten Khmer gern das Bild einer Revolution verbreiten, die aus den Bauern und ihrer praktischen Erfahrung hervorgegangen sei. Ihre eigene Biografie sah anders aus. Viele führende Kader stammten aus vergleichsweise privilegierten Verhältnissen und hatten höhere Schulen besucht. Anschließend verbrachten sie Jahre an französischen Universitäten.

Vom Königspalast nach Paris

Saloth Sar war 1925 in der Provinz Kampong Thom geboren worden. Sein Vater besaß Land und gehörte damit zu den wohlhabenderen Bauern der Region. Die Familie verfügte zudem über Verbindungen zum Königshof. Eine Schwester Sars lebte als königliche Konkubine im Palast, ein Bruder arbeitete dort im Protokolldienst. Noch als Kind kam Saloth Sar deshalb nach Phnom Penh und besuchte später eine katholische Schule.

1949 erhielt er ein staatliches Stipendium für Frankreich. Er studierte in Paris Radioelektronik, doch sein Studium verlief wenig erfolgreich. Politisch fand er dagegen schnell Anschluss. In der französischen Hauptstadt traf er auf andere kambodschanische Studenten, deren Familien ebenfalls häufig zur schmalen Bildungs- und Verwaltungselite des Landes gehörten.

Ieng Sary studierte ebenfalls in Frankreich. Son Sen erhielt 1950 ein Stipendium und beschäftigte sich mit Philosophie und Geschichte. Auch Khieu Samphan und Hou Youn kamen nach Paris. Beide schlossen ihre Studien später mit wirtschaftswissenschaftlichen Arbeiten über Kambodscha ab. Son Sen trat ebenso wie Saloth Sar und Ieng Sary der französischen kommunistischen Partei bei.

Die Studenten lasen kommunistische Autoren. Ebenso wichtig war für sie der kambodschanische Nationalismus. Sie fragten sich, weshalb ihr Land seine frühere Macht verloren hatte und weshalb es unter französischer Herrschaft stand. Dabei verbanden sich antikoloniale Vorstellungen mit der Kritik an der Monarchie.

Saloth Sar verwendete für einen seiner Texte das Pseudonym Khmer daöm, was sich mit ursprünglicher Khmer übersetzen lässt. Schon diese Wahl zeigte, wie eng kommunistische und nationale Vorstellungen in seinem Denken nebeneinanderstanden.

Vorlesung an der Sorbonne, 1950

Monarchie oder Demokratie?

1952 veröffentlichte Saloth Sar in der kambodschanischen Studentenzeitung Khmer Niseut einen Artikel mit dem Titel „Monarchie oder Demokratie?“. König Norodom Sihanouk hatte kurz zuvor die gewählte Regierung entlassen. Sar griff den König deshalb scharf an und stellte dessen Herrschaft als absolutistisch dar.

Die politische Auseinandersetzung in der Heimat war für die Studenten in Paris keineswegs fern. Viele von ihnen standen mit kambodschanischen Politikern in Verbindung. Einige hatten ihre Stipendien gerade solchen Beziehungen zu verdanken. Angehörige der Demokratischen Partei verkehrten im Pariser Umfeld der Studenten und unterstützten einzelne von ihnen.

Schon zuvor hatte sich ein Teil der Gruppe dem Kommunismus angenähert. Die Studenten organisierten einen Lesezirkel und beschäftigten sich mit Marx und Lenin. Im Sommer 1950 reiste eine Gruppe kambodschanischer und französischer Studenten nach Jugoslawien, wo sie an einer sozialistischen Arbeitsbrigade teilnahm.

Saloth Sar widmete seiner politischen Tätigkeit immer mehr Zeit. Sein Studium brachte er nicht zum Abschluss. Andere Angehörige seines Umfeldes schlugen zunächst eine akademische Laufbahn ein. Gerade diese Unterschiede sollten nach ihrer Rückkehr nach Kambodscha von Bedeutung sein.

Zwei Wege zurück nach Kambodscha

Saloth Sar kehrte im Januar 1953 nach Kambodscha zurück und schloss sich der kommunistischen Untergrundbewegung an. Die Partei, die er dort vorfand, war jedoch von einer anderen Generation aufgebaut worden.

Sihanouk, 1953

Tou Samouth und Son Ngoc Minh hatten ihre politische Erfahrung im Kampf gegen Frankreich gesammelt. Viele ihrer Mitstreiter waren ehemalige Mönche oder Bauern. Sie hatten eng mit vietnamesischen Kommunisten zusammengearbeitet. Nach der Unabhängigkeit 1953 akzeptierten Teile dieser älteren Führung zunächst Sihanouks außenpolitische Neutralität. Saloth Sar und die jüngeren Kommunisten aus Paris betrachteten den König dagegen weiterhin als Gegner.

Die politischen Bedingungen halfen ihnen. Sihanouk setzte nach der Unabhängigkeit die offene Linke unter Druck. Bei den Wahlen von 1955 erhielten weder die Demokratische Partei noch die von den Kommunisten unterstützte Pracheachon einen Parlamentssitz. Son Ngoc Minh war bereits 1954 nach den Genfer Vereinbarungen mit zahlreichen Parteimitgliedern nach Nordvietnam gegangen. Andere erfahrene Kommunisten blieben zwar im Land, mussten jedoch zunehmend im Verborgenen arbeiten. Die jüngeren, gut ausgebildeten Aktivisten aus Paris gewannen dadurch innerhalb der Bewegung an Gewicht.

Andere Rückkehrer versuchten zunächst, innerhalb der legalen Politik zu arbeiten. Khieu Samphan gründete die französischsprachige Zeitung L’Observateur und erwarb sich einen Ruf als Kritiker von Korruption. Hou Youn und Hu Nim arbeiteten ebenfalls öffentlich. Zeitweise erhielten Angehörige dieses linken intellektuellen Milieus sogar Posten in der Regierung Sihanouks.

Damit existierten Anfang der 1960er Jahre zwei Wege nebeneinander. Ein Teil der jungen Linken arbeitete offen in Phnom Penh. Saloth Sar und seine engsten Verbündeten bauten ihre Stellung innerhalb der geheimen Partei aus.

Ein Parteitag am Bahnhof

Phnom Penh Hauptbahnhof, 2012

1960 traf sich eine kleine Gruppe kambodschanischer Kommunisten zu einem Parteikongress in Phnom Penh. Der Versammlungsort lag im Bereich des Hauptbahnhofs. Nur etwa 20 Personen nahmen teil.

Die geringe Teilnehmerzahl zeigt, wie schwach die Partei zu diesem Zeitpunkt noch war. Dennoch fiel auf dieser Zusammenkunft eine Entscheidung, die später große Bedeutung erhielt. Die Organisation nannte sich fortan Arbeiterpartei Kampucheas. Tou Samouth blieb ihr führender Mann. Saloth Sar rückte in das Zentralkomitee auf. Nuon Chea, der in Bangkok studiert und sich dort der thailändischen kommunistischen Partei angeschlossen hatte, wurde stellvertretender Parteisekretär.

Jahrzehnte später veränderte die Partei ihre eigene Geschichte. Sie erklärte 1960 nachträglich zum Gründungsjahr und verdrängte damit den Parteiaufbau von 1951, bei dem die vietnamesischen Kommunisten und die ältere Generation um Son Ngoc Minh und Tou Samouth eine zentrale Rolle gespielt hatten. Diese Neudatierung machte aus dem Moment, in dem Saloth Sar in die Führung aufstieg, den vermeintlichen Beginn der Partei selbst.

Noch stand Sar jedoch nicht an ihrer Spitze.

Das änderte sich innerhalb weniger Jahre.

Das Verschwinden Tou Samouths

Tou Samouth verschwand 1962 und wurde ermordet. Was genau geschah, lässt sich bis heute nicht zweifelsfrei klären.

Die Verantwortung wird unterschiedlich beurteilt. Eine Deutung sieht Hinweise auf eine mögliche Beteiligung von Saloth Sars Gruppe. Demnach könnten Informationen an Sihanouks Sicherheitsapparat weitergegeben worden sein. Eine andere hält es für wahrscheinlich, dass Sihanouks Polizei den Mord verübte.

Sicher ist dagegen, wer politisch von Samouths Tod profitierte. Im Februar 1963 übernahm Saloth Sar die Führung der Partei. Nuon Chea blieb sein Stellvertreter. Son Sen rückte ebenfalls in das geheime Zentralkomitee auf. Damit befanden sich mehrere Männer an der Spitze, deren Beziehungen teilweise bis in die Pariser Studienzeit zurückreichten. Son Sen war ein langjähriger Vertrauter Sars.

Die Generation der antikolonialen Kämpfer verlor damit weiter an Einfluss. An ihre Stelle traten Männer, die ihre Ausbildung überwiegend in Städten erhalten und zum Teil in Frankreich studiert hatten. Zugleich wuchs ihr Misstrauen gegenüber Vietnam.

Flucht aus Phnom Penh

Die neue Führung konnte ihre Arbeit in Phnom Penh nicht lange fortsetzen. Sihanouks Sicherheitsapparat erhöhte den Druck auf die kommunistische Opposition. Saloth Sar und mehrere seiner Mitstreiter verließen die Hauptstadt und gingen in den Untergrund.

Son Sen folgte 1964 auf ungewöhnlichem Weg. Helfer brachten ihn im Kofferraum eines chinesischen Diplomatenwagens aus Phnom Penh. Anschließend stieß er zu Saloth Sar und anderen Kommunisten in einer vietnamesischen Basis an der Grenze zwischen Kambodscha und Vietnam, die als Office 100 bezeichnet wurde. Je nach militärischer Lage wurde das Lager auf das Gebiet des jeweils anderen Landes verlegt.

Die kambodschanischen Kommunisten waren damit auf vietnamesische Unterstützung angewiesen, während Teile ihrer neuen Führung Vietnam immer stärker misstrauten. Diese Spannung prägte die folgenden Jahre.

Saloth Sar reiste 1965 zunächst nach Vietnam und anschließend nach China. In Peking traf er auf eine kommunistische Führung, die in scharfem Konflikt mit der Sowjetunion stand und Nordvietnam im Krieg gegen die USA unterstützte. Dort erlebte er die politische Atmosphäre unmittelbar vor Beginn der Kulturrevolution und begegnete Vertretern der chinesischen Parteiführung.

1966 kehrte Sar nach Kambodscha zurück. Im September änderte die Partei erneut ihren Namen. Aus der Arbeiterpartei Kampucheas wurde die Kommunistische Partei Kampucheas.

Der neue Name blieb geheim. Auch Saloth Sars Führungsposition kannte außerhalb eines kleinen Kreises kaum jemand.

1967 begann im Westen des Landes ein Konflikt zwischen Bauern und staatlichen Behörden zu eskalieren. Sein Zentrum lag im Distrikt Samlaut. Die kommunistische Führung hatte diesen Aufstand zunächst weder geplant noch kontrolliert. Doch Saloth Sar und seine Mitstreiter erkannten bald, welche Möglichkeiten er ihnen eröffnete.


Karte von Kambscha heute

Zum Weiterlesen

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Kiernan, B. (2004): How Pol Pot Came to Power. Colonialism, Nationalism, and Communism in Cambodia.* Ausführliche Untersuchung der kambodschanischen kommunistischen Bewegung von der Kolonialzeit bis zur Machtübernahme 1975.

Kiernan, B. (2008): The Pol Pot Regime. Race, Power, and Genocide in Cambodia under the Khmer Rouge, 1975–79.* Standardwerk zur Herrschaft der Roten Khmer, mit einer knappen Einführung in die Vorgeschichte der Bewegung.

Bultmann, D. (2017): Kambodscha unter den Roten Khmer. Die Erschaffung des perfekten Sozialisten.* Überblick über Entstehung, Herrschaft und Fortleben der Roten Khmer mit besonderem Augenmerk auf Organisation und Gesellschaftsumbau.

Bildnachweis

Titel: Königspalast Phnom Penh, 2012.

Sorbonne: Wikimedia Commons, NuBIS. CC BY-SA 4.0.

Hauptbahnhof: Wikimedia Commons, Anilakeo. CC BY-SA 3.0.

Alle weiteren Bilder eigene Aufnahmen oder gemeinfrei.

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