Der Protest der Mönche – Kambodschas Kommunisten vor Pol Pot

Am 17. Juli 1942 verhaftete die französische Kolonialverwaltung in Phnom Penh den buddhistischen Mönch Hem Chieu. Er hatte in einer Pagode gegen die französische Herrschaft gepredigt. Schon die Art seiner Festnahme empörte viele Mönche, weil die Polizei dabei die religiösen Regeln missachtete, die für den Umgang mit Angehörigen des buddhistischen Ordens galten.

Kurz darauf zogen Mönche durch Phnom Penh. Zivile Unterstützer schlossen sich ihnen an. Nach einer späteren Zeugenschätzung beteiligten sich rund 700 Mönche und etwa 2.000 weitere Menschen an der Demonstration. Unter ihnen befanden sich Männer, deren Wege für die Geschichte des kambodschanischen Kommunismus wichtig werden sollten. Zwei von ihnen waren Son Ngoc Minh und Tou Samouth. Der Name Son Ngoc Minh war ein Deckname. Beide hatten ihre politische Laufbahn im buddhistischen Umfeld begonnen. Wenige Jahre später gehörten sie zu den wichtigsten Organisatoren einer kommunistischen Bewegung, in der Pol Pot noch keinerlei führende Rolle spielte.

Politik zwischen Pagode und Kolonialverwaltung

Der Protest von 1942 hatte eine längere Vorgeschichte. Seit den 1930er Jahren hatte sich in Phnom Penh eine kleine gebildete Öffentlichkeit entwickelt. Das buddhistische Institut wurde zu einem Treffpunkt für Mönche und Intellektuelle. Die Zeitung Nagara Vatta, deren Name auf Angkor Wat verwies, diskutierte die Lage des Landes und wandte sich zunehmend gegen die Bevorzugung von Vietnamesen innerhalb der französischen Kolonialverwaltung.

Noch blieb dieser Nationalismus auf eine kleine städtische Schicht beschränkt. Kambodscha verfügte kaum über weiterführende Schulen. Erst 1935 erhielt Kambodscha mit dem Lycée Sisowath eine vollwertige säkulare höhere Schule. Aus diesem Umfeld gingen viele Männer hervor, die in den folgenden Jahrzehnten auf sehr unterschiedlichen Seiten die Politik des Landes bestimmen sollten.

Kommunistische Organisationen existierten ebenfalls bereits. Die Kommunistische Partei Indochinas war seit den frühen 1930er Jahren in Kambodscha aktiv. Ihre Mitglieder waren jedoch zunächst überwiegend Vietnamesen. Die Partei organisierte vor allem Arbeiter auf Plantagen und orientierte sich am antikolonialen Kampf in Vietnam. Unter der Khmer-Bevölkerung blieb ihr Einfluss gering.

Das änderte sich während des Zweiten Weltkriegs.

Japan verdrängt Frankreich

Japanische Truppen rückten während des Krieges nach Französisch-Indochina vor, ließen die französische Verwaltung aber zunächst weiterarbeiten. Im März 1945 änderte Tokio seine Politik. Japan entmachtete die französischen Kolonialbehörden und drängte König Norodom Sihanouk dazu, die Unabhängigkeit Kambodschas zu verkünden.

Son Ngoc Thanh (1908-1977)

Am 13. März 1945 erklärte Sihanouk das französische Protektorat für beendet. Son Ngoc Thanh, einer der bekanntesten Nationalisten des Landes, kehrte aus seinem Exil in Japan zurück und übernahm zunächst das Außenministerium. Im August wurde er Premierminister.

Die Unabhängigkeit währte nur wenige Monate. Französische Truppen kehrten nach Kambodscha zurück. Am 15. Oktober 1945 ließen sie Son Ngoc Thanh verhaften und brachten ihn zunächst nach Saigon, später nach Frankreich.

Damit standen die kambodschanischen Gegner Frankreichs erneut vor einer Entscheidung. Ein Teil setzte auf Parteien und politische Verhandlungen. Andere gingen in den bewaffneten Widerstand.

Son Ngoc Minh und Tou Samouth

Son Ngoc Minh und Tou Samouth entschieden sich für den zweiten Weg. Beide hatten Verbindungen zum buddhistischen Milieu und gehörten zu den Nationalisten, die der Protest von 1942 politisiert hatte. Nach der Rückkehr der Franzosen legten sie ihre Mönchsgewänder ab und widmeten sich der politischen Arbeit.

1946 traten beide der Kommunistischen Partei Indochinas bei. Damit verband sich der kambodschanische Unabhängigkeitskampf enger mit dem Krieg im benachbarten Vietnam. Ho Chi Minhs Viet Minh kämpften dort gegen die Wiederherstellung der französischen Kolonialherrschaft. Für kambodschanische Kommunisten bot diese Bewegung militärische Erfahrung sowie Waffen und organisatorische Unterstützung.

Die Zusammenarbeit war jedoch von Anfang an kompliziert. Viele Khmer misstrauten Vietnam aufgrund jahrhundertelanger Konflikte zwischen beiden Ländern. Gleichzeitig konnten kambodschanische Kommunisten in den ersten Nachkriegsjahren kaum eine schlagkräftige Organisation ohne vietnamesische Hilfe aufbauen.

Son Ngoc Minh und Tou Samouth rekrutierten Anhänger unter den Khmer im Mekongdelta und knüpften Kontakte zu Widerstandsgruppen innerhalb Kambodschas. Andere Aktivisten kauften in Thailand Waffen oder schlossen sich dort den Khmer Issarak an. Der Begriff Issarak bedeutet unabhängig oder frei. Unter diesem Namen versammelten sich sehr unterschiedliche Gruppen, die vor allem die Ablehnung der französischen Herrschaft verband.

Die Bewegung blieb zunächst zersplittert. Nationalisten um Son Ngoc Thanh verfolgten andere Ziele als kommunistische Kader. Manche lokale Befehlshaber kämpften weitgehend auf eigene Rechnung. Dazu kamen persönliche Rivalitäten und unterschiedliche Beziehungen zu Thailand oder Vietnam.

Eine kommunistische Organisation entsteht

Son Ngoc Minh (1920-1972)

Am 17. April 1950 versammelten sich etwa 200 Delegierte in der Provinz Kampot. Sie schufen einen kommunistisch geführten Zusammenschluss der Issarak-Bewegung. Son Ngoc Minh übernahm eine führende Rolle. Der Aufbau eigener Verwaltungen und militärischer Verbände erhielt damit eine feste Führung.

Im folgenden Jahr entstand die Revolutionäre Volkspartei der Khmer, die in der englischsprachigen Literatur meist als Khmer People’s Revolutionary Party bezeichnet wird. Son Ngoc Minh und Tou Samouth gehörten zu ihren führenden Köpfen. Die Gründung erfolgte unter enger Mitwirkung vietnamesischer Kommunisten.

Damit verfügte Kambodscha erstmals über eine eigene kommunistische Partei mit einer nennenswerten Basis innerhalb der Khmer-Bevölkerung. Die Partei gewann ihre Mitglieder besonders auf dem Land. Auch buddhistische Mönche spielten weiterhin eine wichtige Rolle. Der Historiker Ben Kiernan schätzt, dass die Partei bis 1954 mehr als 1.000 Mitglieder gewonnen hatte. Die mit ihr verbundene Issarak-Bewegung verfügte zu diesem Zeitpunkt über rund 5.000 kambodschanische Kämpfer sowie örtliche Milizen.

Die Kommunisten blieben dennoch regional sehr unterschiedlich stark. In Phnom Penh gelang ihnen der Aufbau einer festen Basis nur langsam. Dort verfügten andere Nationalisten über größeren Einfluss. Besonders Son Ngoc Thanh konnte unter Studenten und Teilen der städtischen Opposition zahlreiche Anhänger mobilisieren.

Auf dem Land sah die Lage anders aus. Dort kontrollierten Issarak-Verbände zeitweise größere Gebiete, während die französischen Truppen ihre Kräfte zunehmend auf den Krieg in Vietnam konzentrierten.

Eine Regierung im Widerstand

1952 gingen die Kommunisten einen weiteren Schritt. Sie errichteten eine eigene Widerstandsregierung. Son Ngoc Minh übernahm deren Präsidentschaft. Tou Samouth wurde Innenminister. Weitere Führungspositionen erhielten erfahrene Issarak-Kader.

Die Organisation versuchte damit, sich als politische Alternative zur Regierung in Phnom Penh zu präsentieren. Gleichzeitig blieb ihre militärische Stärke eng mit dem Krieg in Vietnam verbunden. Kambodschanische Kader erhielten dort Ausbildung, und vietnamesische Einheiten kämpften zeitweise auf kambodschanischem Gebiet.

Gerade diese Verbindung sollte später zu einem der wichtigsten Konflikte innerhalb des kambodschanischen Kommunismus werden. In den frühen 1950er Jahren überwog jedoch noch das gemeinsame Ziel, Frankreich aus Indochina zu verdrängen.

Die französische Position verschlechterte sich währenddessen rapide. Der Krieg in Vietnam band immer mehr Soldaten und Geld. In Kambodscha erkannte Sihanouk, dass sich die politische Lage verändert hatte.

Sihanouk übernimmt den Kampf um die Unabhängigkeit

Norodom Sihanouk (1922-2012)

Im Februar 1953 begann der König seinen sogenannten königlichen Kreuzzug für die Unabhängigkeit. Sihanouk reiste nach Frankreich und warb anschließend im Ausland für seine Forderung nach vollständiger staatlicher Souveränität. Danach zog er sich demonstrativ nach Siem Reap zurück.

Der Zeitpunkt war günstig gewählt. Frankreich stand militärisch unter Druck und musste immer größere Zugeständnisse machen. Am 9. November 1953 erklärte Sihanouk Kambodscha für vollständig unabhängig.

Für die bewaffneten Gegner der Monarchie veränderte dieser Erfolg die Lage grundlegend. Viele Issarak-Kämpfer hatten ihre Waffen aufgenommen, um die französische Herrschaft zu beenden. Dieses Ziel schien nun erreicht. Zahlreiche nichtkommunistische Gruppen lösten sich auf oder akzeptierten eine Amnestie.

Die Kommunisten standen vor einem anderen Problem. Ihr Kampf hatte sich ebenfalls gegen die Kolonialmacht gerichtet, doch sie wollten zugleich eine andere politische Ordnung schaffen. Sihanouk konnte nun für sich beanspruchen, die Unabhängigkeit erreicht zu haben, während Son Ngoc Minh und seine Anhänger weiterhin auf die Unterstützung der Viet Minh angewiesen waren.

Genf verändert die Bewegung

Die entscheidende Zäsur folgte 1954. Am 7. Mai fiel die französische Festung Điện Biên Phủ in Vietnam. Einen Tag später begannen in Genf die Verhandlungen über die Zukunft Indochinas.

Die kambodschanische Widerstandsregierung erhielt dort keine eigenständige Vertretung. Ihre Forderung nach einem eigenen Gebiet innerhalb Kambodschas setzte sich ebenfalls nicht durch. Die Vereinbarungen bestätigten stattdessen die internationale Stellung der Regierung Sihanouks und sahen den Abzug ausländischer Truppen aus Kambodscha vor.

Damit verloren die kambodschanischen Kommunisten ihren wichtigsten militärischen Verbündeten im Land. Rund 1.000 Issarak-Anhänger verließen Kambodscha gemeinsam mit den abziehenden Viet Minh und gingen nach Nordvietnam. Unter ihnen befanden sich viele erfahrene Organisatoren. Nach Kiernans Zählung gehörten 190 Mitglieder der kommunistischen Partei zu dieser Gruppe. Führende Persönlichkeiten wie Son Ngoc Minh gingen ebenfalls nach Norden.

Tou Samouth blieb dagegen in Kambodscha. Eine kleine Parteiorganisation arbeitete im Untergrund weiter.

Der Bruch von 1954 veränderte damit das Kräfteverhältnis unter den kambodschanischen Kommunisten. Viele Männer, die den kommunistischen Widerstand gegen Frankreich aufgebaut hatten, saßen nun in Hanoi. Andere mussten sich unter Sihanouks Regierung neu orientieren.

Genau in diesem Moment trat eine jüngere Generation stärker hervor. Ihre Mitglieder hatten den Krieg gegen Frankreich überwiegend fern der Guerilla verbracht. Einige von ihnen hatten in Paris studiert und dort den Kommunismus kennengelernt.

Einer dieser Studenten hieß Saloth Sar.

Später nannte er sich Pol Pot.


Zum Weiterlesen

Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.

Kiernan, B. (2004): How Pol Pot Came to Power. Colonialism, Nationalism, and Communism in Cambodia.* Ausführliche Untersuchung der kambodschanischen kommunistischen Bewegung von der Kolonialzeit bis zur Machtübernahme 1975.

Kiernan, B. (2008): The Pol Pot Regime. Race, Power, and Genocide in Cambodia under the Khmer Rouge, 1975–79.* Standardwerk zur Herrschaft der Roten Khmer, mit einer knappen Einführung in die Vorgeschichte der Bewegung.

Bultmann, D. (2017): Kambodscha unter den Roten Khmer. Die Erschaffung des perfekten Sozialisten.* Überblick über Entstehung, Herrschaft und Fortleben der Roten Khmer mit besonderem Augenmerk auf Organisation und Gesellschaftsumbau.

Bildnachweis

Titel: Buddhistisches Institut Phnom Penh, 1930.

Alle Bilder gemeinfrei.

Schreibe einen Kommentar