641 reist Prinzessin Wencheng vom chinesischen Kaiserhof nach Tibet. Der Würdenträger Li Daozong begleitet sie im Auftrag des Tang-Kaisers Taizong. Songtsen Gampo, der tibetische Herrscher, kommt ihnen entgegen. Die ältere Tang-Geschichte schildert, wie er den Abgesandten mit den Ehren eines Schwiegersohns empfängt.
Mit der Reise findet eine lange Auseinandersetzung vorläufig ihren Abschluss. Songtsen hatte um eine Prinzessin aus der Kaiserfamilie gebeten. Taizong hatte ihn zunächst abgewiesen. Erst nach Kämpfen an der Grenze und neuen Verhandlungen stimmte der Kaiser einer Heirat zu.
Eine Ehe nach den Kämpfen
634 hatte Songtsen erstmals Gesandte an den Tang-Hof geschickt. Sein Machtbereich war aus den Tälern Zentraltibets herausgewachsen. Eine Ehe mit einer chinesischen Prinzessin hätte eine dauerhafte Verbindung zum Kaiserhaus geschaffen und seinen Rang gegenüber den Nachbarn sichtbar gemacht.
Nach der Ablehnung rückten tibetische Truppen gegen das Reich der Azha vor, das zwischen Tibet und dem Tang-Reich lag. Anschließend bedrohten sie chinesisches Gebiet. Taizong entsandte Soldaten. Nach den Kämpfen nahmen beide Seiten die Verhandlungen wieder auf.
Songtsens Minister Gar Tongtsen reiste nach Chang’an, der chinesischen Hauptstadt. Er führte die Gespräche über die Heirat und sollte die Prinzessin nach Tibet begleiten. Taizong nutzte solche Ehen auch bei anderen Nachbarn, um Beziehungen zu festigen. Songtsen konnte die Verbindung seinerseits als Anerkennung seiner gewachsenen Macht verstehen.
Spätere tibetische Erzähler machten aus Gars Mission einen Wettstreit mit den Gesandten anderer Herrscher. Der Minister habe schwierige Aufgaben lösen müssen, bevor er Wencheng für seinen König gewinnen konnte. Diese Geschichten rühmen seine Klugheit; sie entstanden lange nach dieser Gesandtschaft.
Wencheng am tibetischen Hof

Über Wenchengs Leben am tibetischen Hof geben die erhaltenen Texte nur begrenzt Auskunft. Ihre Gedanken zur Reise sind nicht überliefert. Die chinesischen Geschichtswerke nennen Songtsen als ihren Bräutigam. Die alttibetischen Annalen vermerken dagegen, dass sie mit ihm drei Jahre zusammenlebte, obwohl sie bei seinem Tod bereits länger in Tibet war.
Einige Forscher schließen daraus, dass Wencheng zunächst Songtsens Sohn und Thronfolger Gungsong Gungtsen heiratete und nach dessen frühem Tod die Frau des Vaters wurde. Damit hätte die Heirat von 641 beide Herrscherhäuser verbunden, während sich Wenchengs Stellung innerhalb der tibetischen Königsfamilie später änderte.
Die ältere Tang-Geschichte schildert auch, wie Songtsen chinesische Kleidung übernahm und wegen Wenchengs Missfallens den Brauch zurückdrängte, das Gesicht rot zu bemalen. Diese Darstellung betont den Einfluss des Kaiserhofes auf seinen Nachbarn. Wie weit Wencheng die Gewohnheiten des tibetischen Hofes tatsächlich veränderte, können wir daraus allein nicht bestimmen.
Eine Prinzessin und ein Buddha-Bild
In späteren tibetischen Erzählungen wird Wencheng vor allem als Förderin des Buddhismus sichtbar. Sie bringt demnach ein Buddha-Bild nach Tibet, das heute im Jokhang in Lhasa verehrt wird und zu den bedeutendsten Heiligtümern des Landes gehört. Die Erzählung von seiner Herkunft verbindet es bis heute mit der chinesischen Prinzessin.
Für 641 ist Wenchengs Reise nach Tibet besser belegt als die Herkunft des Buddha-Bildes. Ihre Verbindung zum Buddhismus lässt sich aber auch an einer anderen Überlieferung fassen: Ein Bericht über den Mönch Xuanzhao schildert, dass sie ihn auf seiner Reise durch Tibet empfing. Hier tritt sie als Gastgeberin eines buddhistischen Reisenden auf.
Wencheng überlebte Songtsen um mehrere Jahrzehnte. Seine Nachfolger verhandelten weiter mit dem Tang-Hof, führten aber auch Kriege gegen das chinesische Reich. 763, mehr als ein Jahrhundert nach Wenchengs Ankunft, nahmen tibetische Heere für kurze Zeit Chang’an ein – die Hauptstadt, aus der sie einst nach Tibet aufgebrochen war.
Zum Weiterlesen
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van Schaik, S. (2011): Tibet: A History.* Quellenorientierte Darstellung der tibetischen Geschichte mit einem Schwerpunkt auf den frühen Königen und den alttibetischen Zeugnissen.
Snellgrove, D. L.; Richardson, H. (2003): A Cultural History of Tibet. Überblick über die frühen Herrscher von Yarlung und ihre Beziehungen zu den Nachbarreichen.
Bildnachweis
Titel: Theaterstück „Prinzessin Wencheng“, 1962.
Statue Wengcheng: Wikimedia Commons, TibetInfopage. CC BY-SA 3.0.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.



