Songtsen Gampo – ein König setzt sich durch

Namri Songtsen wird im frühen 7. Jahrhundert vergiftet. Der Herrscher von Yarlung, einem Tal im Süden Tibets, hatte mehrere mächtige Familien in Zentraltibet an sich gebunden. Nach seinem Tod wenden sich einige von ihnen gegen seinen Sohn Songtsen Gampo. Der muss erst um die Herrschaft kämpfen, die sein Vater ihm hinterlassen hat.

So schildert die alttibetische Chronik die Nachfolgekrise. Sie entstand später; den genauen Ablauf können wir deshalb nicht sicher rekonstruieren. Songtsen setzte sich jedoch durch. In den folgenden Jahrzehnten erweiterte er den Machtbereich seines Herrscherhauses weit über die Täler Zentraltibets hinaus.

Die Familien von Yarlung

Songtsens Vater hatte seinen Machtbereich vom Yarlung-Tal aus erweitert. Er gewann Verbündete aus benachbarten Tälern und besiegte andere Herrscher. Den Titel Tsenpo, „der Mächtige“, hatte er von seinen Vorgängern übernommen. Mit diesem Titel beanspruchte er, über den übrigen Anführern zu stehen. Seine Macht im Alltag hing davon ab, dass diese Männer ihm folgten.

Die Chronik berichtet, Songtsen habe den Verantwortlichen für die Vergiftung seines Vaters hinrichten lassen und die Aufständischen niedergeworfen. Danach musste er die Unterstützung der mächtigen Anführer sichern. Wie eine solche Bindung aussehen konnte, zeigt ein überlieferter Eid der Familie dBa‘: Ihre Angehörigen gelobten, Songtsen und seinen Nachkommen treu zu bleiben und keinen anderen Oberherrn zu suchen. Der König versprach ihnen Schutz und die Wahrung ihrer Stellung.

Solche Bündnisse gaben dem Herrscher Soldaten für seine Feldzüge. Sie machten seine Herrschaft zugleich anfällig für Streit am Hof: Wer Krieger stellte und eroberte Gebiete verwaltete, konnte selbst Macht beanspruchen. Einer dieser Männer war Gar Tongtsen. Er wurde Songtsens wichtigster Minister und verhandelte in dessen Namen mit dem chinesischen Kaiserhof.

Nepal und der Tang-Kaiser

Im Süden fand Songtsen einen weiteren Verbündeten. Narendradeva, ein Angehöriger der Herrscherfamilie im Tal von Kathmandu, lebte zeitweise am tibetischen Hof. Tibetische Truppen unterstützten seine Rückkehr und halfen ihm, die Herrschaft in Nepal zu übernehmen. Über das Tal von Kathmandu führte eine wichtige Verbindung zwischen Tibet und Nordindien; mit Narendradevas Aufstieg gewann Songtsen dort Einfluss.

Statue von Songtsen in Dehradun (Indien)

Im Osten regierte Taizong das chinesische Tang-Reich. 634 sandte Songtsen Gesandte zu ihm. Einige Jahre später bat er um eine Prinzessin aus der Kaiserfamilie. Eine Heirat hätte die Verbindung zwischen beiden Herrschern gefestigt und Songtsens Rang gegenüber seinen Nachbarn sichtbar gemacht. Taizong lehnte zunächst ab.

Darauf folgten Kämpfe an der Grenze. Songtsens Truppen gingen gegen die Azha vor, die zwischen Tibet und dem Tang-Reich lebten, und bedrohten Gebiete unter chinesischem Einfluss. Taizong schickte seinerseits Soldaten. Schließlich nahmen beide Seiten die Verhandlungen wieder auf. Gar Tongtsen reiste in die chinesische Hauptstadt Chang’an; 641 kam Prinzessin Wencheng nach Tibet. Die Ehe verband die Herrscherfamilien. Ob Wencheng ursprünglich für Songtsen oder für seinen Thronfolger bestimmt war, beurteilen die Quellen unterschiedlich.

Eine Heirat und ein Hinterhalt

Auch im Westen suchte Songtsen eine Verbindung zu einem benachbarten Herrscher. Seine Schwester Sadmarkar heiratete den König von Zhangzhung, dessen Reich große Teile Westtibets umfasste.

Die alttibetische Chronik erzählt, Sadmarkar habe ihren Bruder später über die Bewegungen ihres Mannes unterrichtet. Songtsen habe daraufhin Soldaten in einen Hinterhalt gelegt und den König töten lassen. Die Einzelheiten dieser Erzählung lassen sich schwer überprüfen. Zhangzhung geriet jedoch während Songtsens Herrschaft unter tibetische Kontrolle.

Damit gewann er ein Gebiet weit westlich der Täler, in denen sein Königshaus aufgestiegen war. Seine Heerführer mussten dort die neue Macht des Tsenpo durchsetzen, während er in Zentraltibet weiterhin auf die Treue seiner Verbündeten angewiesen blieb.

Eine Schrift für die Herrschaft

Die Feldzüge und Bündnisse vergrößerten auch die Aufgaben der Regierung. Songtsens Minister mussten festhalten, welche Familien Soldaten stellten und wer in neu gewonnenen Gebieten Abgaben einziehen durfte. Gesandtschaften brauchten Schriftstücke für ihre Verhandlungen.

Um die Mitte des 7. Jahrhunderts entwickelte sich die tibetische Schrift nach südasiatischen Vorbildern. Spätere Überlieferungen nennen Tönmi Sambhota als ihren Schöpfer. Songtsen soll ihn nach Indien geschickt haben, damit er dort das Schreiben erlernte. Für diese Lebensgeschichte fehlen zeitnahe Belege.

Auch ein Gesetzeswerk schreiben spätere Texte dem König zu. Die alttibetischen Annalen verzeichnen die schriftliche Abfassung von Gesetzen jedoch für 655. Da war Songtsen bereits einige Jahre tot.

Sein Sohn war noch vor ihm gestorben, sodass ein junger Enkel die Königswürde erbte. Gar Tongtsen blieb der Mann, der Heere führte und Entscheidungen durchsetzte. Unter ihm richtete sich der Blick des tibetischen Hofes noch weiter nach Westen, auf die Städte der Seidenstraße.


Songtsen Gampo (Mitte), Bhrikuti Devi aus Nepal (links) und Prinzessin Wencheng (rechts)

Zum Weiterlesen

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van Schaik, S. (2011): Tibet: A History.* Quellenorientierte Darstellung der tibetischen Geschichte mit einem Schwerpunkt auf den frühen Königen und den alttibetischen Zeugnissen.

Snellgrove, D. L.; Richardson, H. (2003): A Cultural History of Tibet. Überblick über die frühen Herrscher von Yarlung und ihre Beziehungen zu den Nachbarreichen.

Bildnachweis

Titel: Kaiser Taizong empfängt den tibetischen Gesandten.

Songtsen Gampo: Wikimedia Commons, Bhavna Sayana. CC BY-SA 2.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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