Das Siegel des Kaisers – Die Christenverfolgung unter Minh Mạng

Das Zinnober-Edikt

In den ersten Januartagen des Jahres 1833 drückt Kaiser Minh Mạng das schwere Zinnober-Siegel auf ein Dokument, das in die Geschichte Vietnams als Fanal der Intoleranz eingehen wird. Das Edikt erklärt die Ausübung des christlichen Glaubens zu einem Verbrechen gegen den Staat. Für den tief im Konfuzianismus verwurzelten Monarchen ist die „Religion des Herrn des Himmels“ mehr als nur ein fremder Glaube; sie ist ein Angriff auf die moralische Architektur seines Reiches. Die Weigerung der Christen, vor den Ahnentafeln zu knien, rüttelt an der kindlichen Pietät (hiếu), dem wichtigsten Pfeiler der vietnamesischen Gesellschaft. In den Augen des Kaisers setzen die Gläubigen den Gehorsam gegenüber einer fernen Macht in Rom über die Treue zum eigenen Vater und zum Kaiser.

Der Aufstand von Saigon

Hinrichtung des Joseph Marchands, 1835

Die Lage eskaliert, als sich religiöse Spannungen mit politischem Widerstand mischen. In der Provinz Gia Định, im wirtschaftlich starken Süden, herrscht seit dem Tod des mächtigen Statthalters Lê Văn Duyệt eine explosive Stimmung gegen die Zentralisierungspolitik des Kaisers. 1833 bricht unter der Führung von Lê Văn Khôi, dem Adoptivsohn des verstorbenen Statthalters, eine gewaltige Rebellion aus. Viele christliche Gemeinden und europäische Missionare schließen sich Khôi an. Sie hoffen auf eine Rückkehr zu der pragmatischen Toleranz, die unter Minh Mạngs Vater Gia Long geherrscht hatte.

Für Minh Mạng ist dies der endgültige Beweis: Das Christentum ist untrennbar mit Verrat und Rebellion verbunden. Als seine Truppen nach einer langen und grausamen Belagerung die Zitadelle von Saigon im Jahr 1835 zurückerobern, kennt die kaiserliche Rache keine Grenzen. Über zweitausend Rebellen werden hingerichtet. Unter ihnen befindet sich auch der französische Priester Joseph Marchand, der beschuldigt wird, den Aufstand geistig unterstützt zu haben.

Die Mechanik der Unterdrückung

Die Verfolgung wird nun systematisch. In den Dörfern müssen die Bewohner beweisen, dass sie der „perversen Lehre“ abgeschworen haben. Die Behörden nutzen das Verfahren des quá bình: Die Gläubigen werden gezwungen, öffentlich über ein auf den Boden gelegtes Kruzifix zu treten. Wer sich weigert, wird als Staatsfeind gebrandmarkt. Die Strafen sind abgestuft, aber drakonisch: Von der Zwangsarbeit in fernen Grenzregionen über die Brandmarkung der Wangen bis hin zur Hinrichtung durch Strangulation oder Enthauptung.

Missionare wie Jean-Charles Cornay oder Pierre Borie werden in engen Käfigen durch das Land transportiert und zur Schau gestellt, bevor sie ihr Martyrium erleiden. Bis zu seinem Tod im Jahr 1841 lässt der Kaiser mindestens zehn europäische Kleriker und eine unbekannte Zahl vietnamesischer Katecheten und Gläubiger hinrichten. Doch die Unterdrückung erreicht ihr Ziel nicht; stattdessen festigen die Berichte über die Standhaftigkeit der Opfer den Zusammenhalt in den Gemeinden, die sich in versteckten Kellern und entlegenen Wäldern organisieren.

Die Saat der Kolonialisierung

Minh Mạngs Kampf für die konfuzianische Reinheit hat langfristige Folgen, die er selbst nicht mehr miterlebt. Die Briefe der Missionare und die Berichte über ihre grausamen Hinrichtungen verbreiten sich in Europa. In Frankreich und im Vatikan entsteht eine Welle der Empörung, die religiöse Eiferer und Kolonialstrategen gleichermaßen mobilisiert. Die „Märtyrer von Tonkin“ werden zum moralischen Kapital der französischen Politik.

Obwohl Minh Mạng glaubte, durch die Ausrottung des Christentums die Unabhängigkeit Vietnams zu sichern, lieferte er seinen Feinden ungewollt das perfekte Argument. Jahrzehnte später nutzt Napoleon III. den Schutz der Missionen als offiziellen Vorwand, um die ersten Kanonenboote nach Tourane (heute Đà Nẵng) zu schicken. Was als Verteidigung der Tradition begann, endet in der kolonialen Unterwerfung. Die Christenverfolgung unter Minh Mạng war somit nicht nur ein religiöses Drama, sondern ein entscheidender Katalysator für das Ende der vietnamesischen Souveränität.


Zum Weiterlesen

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Lulei, W. (2017): Geschichte Vietnams: Von den Hung-Königen bis zur Gegenwart.*

Bildnachweis

Titel: Prozess gegen drei Katholiken in Ninh Bình im Jahr 1838.

Hinrichtung Marchands: Wikimedia Commons, PHGCOM. CC BY-SA 3.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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