Die Ungleichen Verträge und ihre Folgen

Chronik der Qing-Dynastie – Folge 17

Am 8. November 1843 trifft der erste britische Konsul, George Balfour, in Shanghai ein. Er mietet ein chinesisches Wohnhaus im Stadtzentrum, um von dort aus seine Tätigkeit aufzunehmen. Am 17. November wird der Hafen offiziell für den Außenhandel geöffnet. Diese Öffnung setzt die Bestimmungen des im August 1842 unterzeichneten Vertrags von Nanking um. Der Vertrag beendet den militärischen Konflikt zwischen Großbritannien und dem Qing-Reich, nachdem britische Truppen mehrere Küstenstädte besetzt und den Jangtse befahren hatten. Mit der Öffnung entsteht in Shanghai ein eigener Verwaltungsraum innerhalb des Qing-Reiches.

Vertrag und Stadt

Der Vertrag von Nanking aus dem Jahr 1842 verpflichtet das Chinesen zur Öffnung von Kanton, Xiamen, Fuzhou, Ningbo und Shanghai. Britische Untertanen erhalten Niederlassungsrecht. Zölle werden festgeschrieben.

In den folgenden Jahren schließen auch die Vereinigten Staaten und Frankreich vergleichbare Verträge mit dem Qing-Reich. In ergänzenden Abkommen entsteht das Prinzip der Exterritorialität. Es wird 1843 und 1844 in weiteren Verträgen präzisiert und festgelegt. Untertanen der Vertragsmächte unterstehen fortan in China ihrer eigenen Gerichtsbarkeit.

In Shanghai bildet sich eine britische Niederlassung mit eigener Organisation. Grundstücke werden vermessen, Straßen angelegt, Mietverträge geschlossen. Qing-Behörden behalten formal die territoriale Oberhoheit. Innerhalb der Niederlassung übernehmen ausländische Beamte polizeiliche und gerichtliche Aufgaben. In der Stadt bestehen damit zwei Verwaltungsebenen mit unterschiedlichen Zuständigkeiten.

Neue Machtverhältnisse im Handel

Die Öffnung der Häfen hebt das bisherige Kanton-System auf. Das staatlich regulierte Monopol weniger chinesischer Kaufmannshäuser endet. Britische Handelshäuser treten direkt mit chinesischen Produzenten in Verbindung. Dolmetscher und Mittelsmänner vermitteln zwischen beiden Seiten.

In Shanghai knüpfen chinesische Kaufleute enge Beziehungen zu europäischen und amerikanischen Firmen. Sie organisieren Transporte und sichern Zahlungen ab. Silberströme verlagern sich. Küstenhandel und Binnenhandel verbinden sich enger mit dem internationalen Markt.

Mit der Ausweitung des Handels nehmen auch Streitfälle zu. Schulden und Lieferverträge betreffen Akteure, die unterschiedlichen Rechtsordnungen unterstehen. Damit wird der Handel selbst zu einem Auslöser juristischer Konflikte.

Recht im geteilten Raum

Britische Architektur in Shanghai, The Bund, 2025

Die Exterritorialität schafft parallele Rechtsräume. Ein britischer Kaufmann, der in Shanghai einen Konflikt mit einem chinesischen Händler austrägt, erscheint vor dem britischen Konsulargericht. Chinesische Beteiligte unterstehen weiterhin Qing-Gerichten. In gemischten Fällen klären ausländischer Vertreter und lokaler Magistrat von Fall zu Fall, wer zuständig ist.

Diese Zuständigkeitsfragen betreffen auch einfache Stadtbewohner. Gerät ein chinesischer Arbeiter in einen Streit mit einem ausländischen Vorgesetzten, kann der Magistrat das Verfahren nicht allein führen. Festnahmen von Angehörigen der Vertragsmächte erfordern die Mitwirkung ihrer Vertretung. Für Bewohner der Stadt wird damit sichtbar, dass Rechtsprechung vom jeweiligen Beteiligten abhängt.

Die Exterritorialität bildet zugleich die Grundlage für die Tätigkeit christlicher Missionare.

Missionare und neue soziale Räume

Mit den Folgeverträgen stehen christliche Missionare unter dem Schutz ihrer jeweiligen nationalen Vertretung. In den Hafenstädten entstehen Kirchen und Schulen; Druckereien verbreiten religiöse Schriften.

Kommt es zu Konflikten zwischen Missionaren und lokalen Behörden, wenden sich die Betroffenen an ihre Vertretung. Ein Missionar, der früher vor dem chinesischen Magistrat erscheinen musste, fällt nun unter die Zuständigkeit seiner eigenen Gerichte. Auch chinesische Konvertiten suchen diesen Schutz. Streitfälle, die zuvor innerhalb der Stadt entschieden wurden, gelangen dadurch auf die Ebene diplomatischer Korrespondenz.

Verwaltung unter Druck

Unmittelbar nach 1843 bleibt die Zollverwaltung in Qing-Hand. In Shanghai ist der Taotai für die Erhebung der Zölle verantwortlich. Die vertraglich festgelegten Tarife begrenzen seinen Spielraum. Einnahmen fließen weiterhin an Provinz- und Zentralregierung, doch Kontrolle über Händler der Vertragsmächte ist eingeschränkt.

Die Qing-Verwaltung kann in den Küstenstädten weiter agieren. Ihr direkter Zugriff auf Angehörige der Vertragsmächte bleibt begrenzt. Erst während des Taiping-Aufstands, als 1853 die lokale Verwaltung in Shanghai zusammenbricht, entsteht eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen chinesischen und ausländischen Beamten, aus der später der Imperial Maritime Customs Service hervorgeht. In den 1840er Jahren liegt die Zollhoheit noch bei den Qing-Behörden.

Eine veränderte Küste

Bis in die 1850er Jahre hinein entwickeln sich die Vertragshäfen zu eigenständigen urbanen Zentren. Neue Wohnviertel entstehen. Werften und Lagerhäuser verändern das Stadtbild. Chinesische Arbeitskräfte finden Beschäftigung bei Firmen der Vertragsmächte.

Die Verträge bilden den rechtlichen Rahmen dieser Entwicklung. Qing-Herrschaft bleibt in den Küstenstädten präsent. Zugleich besteht dort eine fremde Rechtsordnung, die von den Vertretungen der Vertragsmächte selbst angewendet und vollzogen wird.


Shanghai 1843, Gemälde im Shanghai Museum

Zum Weiterlesen

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Bildnachweis

Titel: Unterzeichnung des Vertrages von Nanking an Bord der HMS Cornwallis.

Alle Abbildungen eigene Aufnahmen und gemeinfrei.

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