Die Chronik der Yuan-Dynastie – Folge 4
Der Staub der zehntausend Hufe legte sich nicht mehr. Seit dem Khuriltai von 1206 war die Steppe vereinigt, doch die Krieger hungerten nach dem Reichtum, den Dschingis Khan ihnen versprochen hatte. Im Jahr 1211 richtete sich der Blick der Mongolen nach Süden, über die festungsartigen Wallanlagen der Grenze hinweg. Dort lag das Reich der Jin-Dynastie – jenes Imperium der Städte und Paläste, das den Mongolen über Generationen mit Arroganz begegnet war.
Der Funke, der den Krieg entfachte, sprang inmitten der Steppe über: Als ein Botschafter der Jin den rituellen Kniefall forderte, weigerte sich Dschingis Khan offen, dem neuen Kaiser die Ehre zu erweisen. Die spätere Überlieferung der Geheimen Geschichte schildert, wie der Khan den Herrscher als unfähig beschimpfte. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, setzte er seine Mingghan in Bewegung – der Angriff markierte den Beginn eines Konflikts, der das Gesicht Asiens verändern sollte.
Die Kunst der Belagerung

Die Mongolen waren Meister des Bewegungskrieges, doch die Jin schützten ihre Macht mit gewaltigen Mauern und tiefen Gräben. Für die Nomaden der Steppe stellten diese steinernen Barrieren ein völlig neues Hindernis dar. Dschingis Khan lernte jedoch schnell von seinen Feinden: Er zwang gefangene chinesische Ingenieure, ihre Wurfmaschinen in den Dienst der Mongolen zu stellen. Katapulte, die tonnenschwere Steine und Brandgeschosse schleuderten, wurden nun zu Werkzeugen der Steppenmacht.
Der Krieg entwickelte sich zu einer jahrelangen, zermürbenden Belagerung. Die Mongolen lernten, Städte systematisch auszuhungern. Während sie das Umland verwüsteten, blieben die befestigten Zentren wie isolierte Inseln zurück, bis die Not hinter den Wällen unerträglich wurde.
Die Agonie der „Goldenen Hauptstadt“

Im Jahr 1214 erreichten die Mongolen die Tore von Chung-tu, dem heutigen Peking. Die „Goldene Hauptstadt“ galt mit ihren kilometerlangen Verteidigungsanlagen als nahezu uneinnehmbar. Dschingis Khan verzichtete auf einen blutigen direkten Sturm und ließ die Metropole vollständig einschließen.
Monatelang gelangte kein Körnchen Reis mehr in die Stadt. In den Gassen von Chung-tu brach nackte Verzweiflung aus; Chronisten berichten von Hunger so extrem, dass die Bewohner vor den grausamsten Taten nicht mehr zurückschreckten. Als der Jin-Kaiser schließlich versuchte, Frieden zu kaufen, forderte der Khan einen Preis der totalen Demütigung: Neben Unmengen an Gold und Seide verlangte er – so berichten es die Chroniken – Hunderte von Knaben und Mädchen sowie tausende Pferde.
Der Fall von Chung-tu
Doch der Friede war brüchig. Als der Kaiser seinen Hof aus Angst vor den Nomaden nach Süden verlegte, kehrten die Mongolen im Mai 1215 zurück. Diesmal kannten sie keine Gnade mehr. Chung-tu fiel.
Die Krieger des Khans plünderten die einstige Residenz mit einer Wucht, die selbst abgehärtete Zeitzeugen erschütterte. Karawanen schleppten die Schätze der Jin – kostbares Porzellan und feinste Stoffe – zurück in die Steppe, zusammen mit dem geraubten Wissen chinesischer Gelehrter. Der Fall von Chung-tu bewies der Welt, dass keine Mauer den Kriegern des Khans dauerhaft standhalten konnte. Das Rückgrat des Jin-Reiches war gebrochen; die Mongolen hatten bewiesen, dass sie sesshafte Weltreiche dem Erdboden gleichmachen konnten.
Zum Weiterlesen
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- Franke, H. & Twitchett, D. (1994): The Cambridge History of China, Vol. 06: Alien Regimes and Border States, 907-1368.*
- Weatherford, J. (2005): Genghis Khan and the Making of the Modern World.*
Bildnachweis
Titel: Kampf der Mongolen mit den Chinesen. Aus dem Buch Jami‘ al-tawarikh von Rashid al-Din (13. Jhdt.).
Alle Bilder gemeinfrei.



