Nishida Kitaro wurde 1870 in der Präfektur Ischikawa geboren und starb 1945. Er gilt als Begründer der sogenannten Kioto-Schule, einer Strömung moderner japanischer Philosophie, die westliches Denken mit buddhistischen Konzepten zu verbinden versuchte. Er studierte in Tokio westliche Philosophie, insbesondere Kant, Hegel und William James, und wurde später Professor an der Kaiserlichen Universität Kioto.
Kontext der Modernisierung

Nishida lebte in einer Zeit der rasanten Modernisierung Japans. Die Meiji-Restauration hatte das Land in das internationale Staatensystem eingebunden, westliche Wissenschaft und Bildung wurden gezielt gefördert. In diesem Umfeld stellte sich die Frage, wie traditionelle Begriffe in ein modernes Denken überführt werden konnten, ohne in bloße Nachahmung westlicher Philosophie zu verfallen.
Nishidas frühes Hauptwerk Zen no Kenkjū, Untersuchung des Guten, entwickelte die Idee der reinen Erfahrung, Junsui Keiken. Diese Erfahrung ist ein nicht-dualer Zustand, in dem Subjekt und Objekt noch nicht getrennt sind. Erst durch Reflexion und Sprache wird aus ihr ein Bewusstsein über ein Ich gegenüber einer Welt. Reine Erfahrung ist damit ein Ursprungspunkt, der sowohl erkenntnistheoretisch als auch ethisch relevant ist.
Ort und absolutes Nichts
In späteren Schriften wandte sich Nishida stärker der Logik und Metaphysik zu. Er entwickelte das Konzept des Ort-Ichs, Bascho, eines Ortes oder Feldes, in dem Gegensätze wie Selbst und Welt, Subjekt und Objekt, Sein und Nichts sich begegnen, durchdringen und verwandeln. Dieser Ort ist kein physischer Raum, sondern ein Ort des Bewusstseins, der grundlegend strukturiert ist durch absolutes Nichts, Zettai Mu, eine Leere, die nicht bloße Negation, sondern schöpferisches Potenzial bedeutet.
Nishida griff dabei nicht nur auf westliche Philosophen zurück, sondern auch auf Zen, insbesondere Dogen. Seine Philosophie versucht nicht, östliches Denken in westliche Kategorien zu pressen, sondern eine eigene Form zu finden, in der Gegensätze nicht aufgehoben, sondern aufeinander bezogen bleiben.
Einfluss und Rezeption
Nishida hatte großen Einfluss auf das intellektuelle Leben Japans im 20. Jahrhundert. Er war der erste japanische Philosoph von internationalem Rang, dessen Denken nicht auf bloßer Rezeption westlicher Autoren beruhte. Die von ihm begründete Kioto-Schule wurde von Schülern wie Tanabe Hadschime, Nishitani Keidschi und Ueda Schizuteru weiterentwickelt.
International wurde Nishida besonders in der Auseinandersetzung mit Zen und westlicher Phänomenologie rezipiert. Sein Versuch, buddhistische Leere und hegelsche Dialektik in ein gemeinsames Denken zu bringen, bleibt ein herausragendes Beispiel interkultureller Philosophie. In Japan selbst wurde er lange Zeit ambivalent bewertet, da einige seiner Begriffe während des Zweiten Weltkriegs nationalistisch vereinnahmt wurden. In der heutigen Forschung wird sein Werk jedoch wieder differenziert gelesen.
Zum Weiterlesen
Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.
Nishida, K. (2001): Über das Gute. Eine Untersuchung der Grundlagen von Moral und Religion.*
Ohashi, R. (2014): Die Philosophie der Kyoto-Schule. Texte und Einführung.*
Bildnachweis
Titel: Philosophenweg, Kyoto. Wikimedia Commons, Moja~commonswiki. CC BY-SA 3.0.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.


