Diệms Aufstieg und das Referendum von 1955

In Saigon zählten die Wahlkommissionen am Abend des 23. Oktober 1955 mehr Stimmen für Ngô Đình Diệm, als die Stadt Wahlberechtigte besaß. Rund 605.000 Bürger wählten vermeintlich Ministerpräsidenten, obwohl kaum 450.000 in den Listen standen; landesweit wies das amtliche Ergebnis ihm 98,2 Prozent zu. Die Zahl verriet das Verfahren, das sie beglaubigen sollte, denn ein Ergebnis, das die Zahl der Stimmberechtigten übersteigt, kann nur gefälscht sein. Mit diesem Plebiszit setzte Diệm den Staatschef Bảo Đại ab und machte sich selbst zum Präsidenten einer neu ausgerufenen Republik Vietnam. Wie ein katholischer Mandarin ohne eigene Hausmacht binnen anderthalb Jahren an diesen Punkt gelangte, ist die eigentliche Geschichte hinter der grotesken Arithmetik jenes Oktobertages.

Ein Mandarin ohne Hausmacht

Indochina-Konferenz, 1954

Als Bảo Đại im Juni 1954 – während in Genf noch über die Teilung des Landes verhandelt wurde – Ngô Đình Diệm zum Ministerpräsidenten des Staates Vietnam ernannte, übernahm dieser ein Amt fast ohne Grundlage. Der Süden, in dem sich die französischen und antikommunistischen Kräfte gemäß der Genfer Waffenstillstandsregelung sammelten, glich weniger einem Staat als einem Flickenteppich rivalisierender Mächte: Im Mekongdelta herrschten die bewaffneten Anhänger der religiösen Bewegungen Cao Đài und Hòa Hảo, in Saigon selbst kontrollierte das Verbrechersyndikat der Bình Xuyên die Polizei und das lukrative Glücksspiel- und Rotlichtgewerbe, während die Verwaltung Bảo Đạis kaum mehr besaß als den Schatten einer Armee.

Diệm brachte für diese Aufgabe eine ungewöhnliche Biografie mit. Er stammte aus einer katholischen Mandarinfamilie aus Huế, hatte den Franzosen ebenso die Gefolgschaft verweigert wie den Kommunisten und lehnte 1946 sogar ein Angebot Hồ Chí Minhs ab, weil die Việt Minh im Jahr zuvor seinen Bruder Ngô Đình Khôi getötet hatten. In den frühen fünfziger Jahren lebte er in katholischen Seminaren in den Vereinigten Staaten, wo er einflussreiche Fürsprecher fand, unter ihnen den Kardinal Francis Spellman und den jungen Senator John F. Kennedy. Seine glühende Ablehnung des Kommunismus und sein katholischer Glaube empfahlen ihn amerikanischen Politikern als möglichen Gegenspieler Hồ Chí Minhs, auch wenn ihn viele für einen weltfremden Einzelgänger hielten. Der amerikanische Botschafter in Paris warnte, Diệm wirke wie ein Mystiker – ein Urteil, das die Zweifel spiegelte, ob dieser Mann eine zerfallende Gesellschaft würde zusammenhalten können.

Der Kampf um Saigon

Zunächst hing Diệms Herrschaft an einem seidenen Faden. General Nguyễn Văn Hinh, der Stabschef der südvietnamesischen Armee, drohte 1954 offen mit einem Sturz des Ministerpräsidenten, und in Washington wuchs die Neigung, auf ein anderes Pferd zu setzen. Präsident Eisenhower entsandte den General J. Lawton Collins als Sonderbeauftragten nach Saigon, und dieser kam im Frühjahr 1955 zu dem Schluss, Diệm sei der Lage nicht gewachsen; das Außenministerium bereitete bereits eine Weisung vor, die den unbequemen Schützling fallen lassen sollte.

Diệm jedoch kam der Absetzung mit einem Gewaltstreich zuvor. Ende April 1955 ließ er seine Truppen gegen die Bình Xuyên vorgehen, deren Verbände sich in den Straßen von Saigon und im angrenzenden Chợ Lớn verschanzt hatten. Tagelange Kämpfe legten ganze Viertel in Schutt und Asche und trieben Zehntausende in die Flucht, doch am Ende zerschlug die Armee die Macht des Syndikats. Anschließend unterwarf Diệm auch die Privatarmeen der Sekten im Delta. Der Erfolg auf dem Schlachtfeld entschied die Frage in Washington, die die Diplomatie offengelassen hatte: Wer eben noch als untragbar galt, erschien nun als der starke Mann, den man gesucht hatte, und die Eisenhower-Regierung stellte sich hinter ihn. Beraten wurde Diệm dabei von dem amerikanischen Geheimdienstoffizier Edward Lansdale, dessen Team in Saigon operierte und dessen Rat den Aufstieg des Ministerpräsidenten von nun an begleitete.

Rote und grüne Zettel

Bảo Đại, Paris, um 1950

Das letzte Hindernis seiner Alleinherrschaft saß in Frankreich: der Staatschef Bảo Đại. Dessen Absetzung kleidete Diệm in ein Plebiszit, das die Umwandlung des Staates in eine Republik unter seiner Präsidentschaft besiegeln sollte. Die Inszenierung überließ er wenig dem Zufall. Die Stimmzettel für ihn selbst waren rot gehalten, in der vietnamesischen Symbolik die Farbe des Glücks, jene für Bảo Đại grün, eine Farbe des Unglücks und der Schande. Wahlkabinen gab es zwar, doch musste die nicht verwendete Hälfte des Stimmzettels weggeworfen werden – ein Verfahren, das das Wahlgeheimnis faktisch unterlaufen konnte und Wähler des Ex-Kaisers unter Druck setzte. Lansdale soll den Ministerpräsidenten gewarnt haben, ein allzu triumphales Ergebnis werde niemand glauben, und ihm zu einer maßvolleren Mehrheit geraten haben. Der Rat verhallte: Diệms Bruder Ngô Đình Nhu, der die Wahlmaschinerie steuerte, ließ die 98,2 Prozent verkünden, deren Saigoner Überhang den Betrug für jeden sichtbar machte, der nachrechnete.

Am 26. Oktober 1955 rief Diệm die Republik Vietnam aus und übernahm ihre Präsidentschaft. Der Staat Bảo Đạis, ein Geschöpf der französischen Kolonialpolitik, hatte damit aufgehört zu bestehen, und mit ihm schwand der letzte formale Rest jener Ordnung, die Frankreich im Süden hinterlassen hatte. Kurz darauf zog Paris auch seine Armee ab, verbittert darüber, von den Amerikanern als führende westliche Macht in Vietnam verdrängt worden zu sein – ein Rückzug, der die Bindung zwischen Washington und Saigon noch enger knüpfte.

Ein Staat der Familie

Die Republik, die aus dem Plebiszit hervorging, trug von Beginn an die Züge einer Familienherrschaft. Diệm regierte im Verein mit seinen Brüdern, allen voran dem Berater und Geheimdienstlenker Nhu, und stützte sich auf die verdeckt organisierte Cần-Lao-Partei sowie auf einen wachsenden Sicherheitsapparat. Gegen die zurückgebliebenen Anhänger der Việt Minh richtete das Regime ab 1955 Denunziationskampagnen, in deren Verlauf mutmaßliche Kommunisten verhaftet und vielfach getötet wurden – eine Verfolgung, die weit über den harten Kern der Untergrundkämpfer hinausgriff und die Landbevölkerung gegen Saigon aufbrachte.

Auf internationaler Ebene ließ Diệm zugleich die folgenreichste Erwartung von Genf ins Leere laufen. Die für Juli 1956 vorgesehenen gesamtvietnamesischen Wahlen, die das Land wiedervereinigen sollten, standen in Ziffer 7 der Schlusserklärung – einem Text, den niemand unterzeichnete und dem der Staat Vietnam ausdrücklich widersprochen hatte, weshalb bis heute umstritten ist, wieweit Saigon rechtlich gebunden war. Diệms Regierung lehnte die Wahlen rundheraus ab und verweigerte jedes Gespräch mit Hanoi über deren Durchführung. Washington, das eine Abstimmung fürchtete, weil Hồ Chí Minh sie mit großer Wahrscheinlichkeit gewonnen hätte, ließ ihn gewähren. Die beiden Genfer Vorsitzmächte, Großbritannien und die Sowjetunion, wandten sich am 8. Mai 1956 mit gemeinsamen Botschaften an die Beteiligten und sammelten deren Antworten; ihre diplomatischen Vorstöße blieben jedoch wirkungslos, und zu einer Durchsetzung der Wahlen kam es nicht. Die Teilung, in Genf ausdrücklich als vorläufig bezeichnet, verhärtete sich damit zur Dauergrenze.

In den Vereinigten Staaten galt Diệm um 1957 vielen als Erfolgsgeschichte, als der Mann, der aus dem Chaos einen Staat geformt hatte; Kennedy nannte die junge Republik gar einen Grundpfeiler der freien Welt in Südostasien. Doch der Preis dieser Ordnung war eine Herrschaft, die ihre Legitimität aus gefälschten Zahlen bezog und ihre Sicherheit aus der Verfolgung. Auf dem Land, wo die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung lebte, ging das Regime binnen weniger Jahre dazu über, ganze Dörfer zwangsweise umzusiedeln, um sie den Aufständischen zu entziehen. Der Boden, auf dem der Aufstand wuchs, war damit bereitet.


Eisenhower empfängt Diệm in Washington, 1957

Zum Weiterlesen

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Marc Frey: Geschichte des Vietnamkriegs. München 2022.*
Gut lesbare und quellengestützte Einführung in Ursachen, Verlauf und internationale Verflechtung des Konflikts.

David L. Anderson (Hg.): The Columbia History of the Vietnam War. New York 2010.*
Umfassender Sammelband mit Beiträgen zu militärischer, gesellschaftlicher und außenpolitischer Dimension.

Bernd Greiner: Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam. Hamburg 2009.*
Analytisch fundierte Studie zur Kriegsführung, Kriegsverbrechen, Eskalationslogik und Gewaltpraxis der US-Armee.

Bildnachweis

Titel: Diem mit Militärs, Oktober 1954.

Alle Bilder gemeinfrei.

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