Am 17. April 1895 besiegelte der Vertrag von Shimonoseki das Ende des Ersten Japanisch-Chinesischen Krieges und das Schicksal Taiwans. Während die Qing-Regierung die Insel offiziell an das siegreiche Japan abtrat, verweigerten die lokalen Eliten den Gehorsam und riefen im Mai die „Republik Formosa“ aus. Den Kern der militärischen Abwehr bildete die Black Flag Army unter Liu Yongfu mit etwa 5.000 erfahrenen Kämpfern. Zusammen mit Milizen standen den japanischen Invasoren schätzungsweise mehrere zehntausend Verteidiger gegenüber. Doch die ungleichen Verbände arbeiteten kaum zusammen. Als japanische Einheiten Ende Mai im Norden landeten, zerfiel die politische Führung der jungen Republik rasch. Die Kämpfe verlagerten sich in den Süden, wo sie im Oktober 1895 kollabierten.
Die Etablierung der Kolonialmacht
Die neuen Machthaber unter Generalgouverneur Kodama Gentarō und seinem zivilen Administrator Gotō Shinpei beendeten die Unruhen in den Ebenen bis 1902 gewaltsam. Parallel dazu bauten Beamte einen zivilen Apparat auf, der jeden Winkel der Insel erfasste. Sie führten eine neue Währung ein und ordneten den Grundbesitz in einem exakten Verzeichnis, dem Kataster, neu. Eine dichte Polizeipräsenz sicherte den staatlichen Zugriff bis in die kleinsten Dörfer ab. Japan formte Taiwan so zum Musterbeispiel einer fest in das Kaiserreich eingegliederten Provinz.

Bahngleise und Zuckerrohr
Die Kolonialregierung beseitigte die Isolation der einzelnen Regionen durch gezielte Investitionen. Ingenieure trieben den Bau der Nord-Süd-Eisenbahn voran, bis am 20. April 1908 die durchgehende Verbindung zwischen Keelung im Norden und Takao (heute Kaohsiung) im Süden feierlich eröffnet wurde. Diese Schienenwege beschleunigten den Transport von Truppen und Waren erheblich. Die Landwirtschaft diente nun dem Export: Japanische Konzerne errichteten große Raffinerien für die Zuckerindustrie. Neben Zucker wurde Reis zum wichtigsten Gut für das Mutterland. Die neuen Gleise und hygienischen Standards verbesserten zwar den Alltag, doch flossen die Gewinne primär nach Japan. Unter der lokalen Bevölkerung festigte sich das Gefühl, lediglich als Rohstofflieferant für das Kaiserreich zu fungieren.
Der Kampf um das Bergland: Das Musha-Ereignis

An den unwegsamen Bergketten stieß der japanische Ordnungswille auf erbitterte Gegenwehr. Die indigenen Völker wehrten sich über Jahrzehnte gegen den Raubbau in ihren Wäldern. Die Behörden reagierten mit der Errichtung von „Aiyusen“ – bewachten Kontrolllinien mit Elektrozäunen. Diese Spannungen entluden sich am 27. Oktober 1930 im Musha-Ereignis: Angehörige der Seediq unter Führung von Mona Rudao griffen japanische Siedler während eines Sportfestes an. Das Militär schlug den Aufstand mit brutaler Härte nieder und setzte dabei Flugzeuge sowie Gasgranaten ein. Während japanische Quellen den Einsatz von Tränengas anführten, das 1930 völkerrechtlich noch eine Grauzone darstellte, legen Zeugenaussagen den Einsatz weitaus aggressiverer chemischer Kampfstoffe nahe. Die Niederlage der Seediq beendete die bewaffneten Kämpfe im Bergland endgültig.
Alltag, Bildung und Mobilmachung

In den Städten ersetzte der Staat die militärische Gewalt zunehmend durch kulturelle Umerziehung, um die Loyalität der Untertanen zu sichern. Ein flächendeckendes Schulwesen verbreitete die japanische Sprache und band die Jugend an die kaiserliche Ideologie. Japanische Siedler besetzten die privilegierten Positionen, während Taiwanern der Aufstieg in höhere Ämter meist verwehrt blieb. In den 1920er Jahren forderten lokale Intellektuelle vergeblich politische Mitsprache. Mit dem Ausbruch des Pazifikkrieges forcierte das Regime die „Kominka“-Politik: Beamte drängten die Bewohner nun, japanische Namen anzunehmen und in Shinto-Schreinen dem japanischen Kaiser zu huldigen. Die Insel diente als logistische Drehscheibe für die Expansion nach Süden, weshalb alliierte Bomber gegen Kriegsende schwere Luftangriffe auf Taiwan flogen.
Das Ende der Epoche
Die japanische Herrschaft endete am 25. Oktober 1945 mit der offiziellen Übergabezeremonie in Taipeh. Dieser „Retrocession Day“ markierte den Übergang unter die Verwaltung der Republik China. Die fünf Jahrzehnte unter japanischer Flagge hinterließen jedoch ein Netz aus Schienen und Häfen sowie eine Behördenstruktur, die das öffentliche Leben grundlegend umgestaltet hatte. Diese tiefgreifenden Veränderungen unterschieden die Insel bei der Rückgabe zunehmend von den Verhältnissen auf dem chinesischen Festland.
Zum Weiterlesen
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– Murray A. Rubinstein (Hg.): Taiwan. A New History (2018) – Standardwerk zur politischen und sozialen Geschichte der Insel.
Bildnachweis
Titel: Die Kaiserliche Garde besiegt den Gegner in erbitterten Kämpfen bei Keelung auf der Insel Taiwan, 1885.
Alle Bilder gemeinfrei.



