Krakatau 1883 – Der Vulkan, der die Welt verdunkelte

Kurz vor Mitternacht am 9. Mai 1883 erzitterte das Ziegelsteinfundament des Leuchtturms Vierde Punt bei Anyer an der Westküste Javas. Der diensthabende Wärter blickte in die Dunkelheit der Sundastraße und beobachtete ein ungewöhnliches maritimes Phänomen: Die ansonsten unruhige Meeresoberfläche lag für einen kurzen Moment spiegelglatt da, bevor die reguläre Dünung zurückkehrte. Das Beben gehörte zu den ersten dokumentierten Anzeichen der bevorstehenden Eruption. Welcher Vorgang tief unter dem Meeresboden die Erschütterung auslöste, lässt sich nicht mehr sicher bestimmen.

Die Expeditionen zum rauchenden Krater

Der Krakatau-Archipel lag an einer geologischen Nahtstelle, an der die indo-australische Platte unter die eurasische Landmasse tauchte. Diese anhaltende Subduktion erzeugte massive tektonische Spannungen. Nach einer mehr als zweihundertjährigen Ruhephase riss am 20. Mai 1883 die Gesteinsdecke auf. Der aufgestaute Druck entlud sich in anfänglichen Eruptionen, welche die Aufmerksamkeit der Kolonialbeamten in Niederländisch-Indien auf sich zogen.

Bevor offizielle Stellen handelten, weckte das Naturschauspiel jedoch zunächst ziviles Interesse. Am 27. Mai erreichte eine Ausflugsgruppe von etwa 90 Personen an Bord des Dampfschiffs Gouverneur-Generaal Loudon die Insel. Mehrere Teilnehmer stiegen bis zum noch aktiven Krater des Perboewatan hinauf. Eine amtliche Untersuchung folgte erst am 11. August unter der Leitung des niederländischen Topografieingenieurs H. J. G. Ferzenaar. Er inspizierte mehrere aktive Krater sowie zahlreiche dampfende Schlote und warnte nach seiner Rückkehr eindringlich vor weiteren Landungen. Wenige Wochen später verschwanden weite Teile der von ihm kartografierten Landschaft in einer der gewaltigsten Eruptionen der jüngeren Erdgeschichte.

Der Kollaps der Magmakammer

Krakatau, Lithographie von 1888

Die Zerstörung großer Teile der Insel vollzog sich in den späten Augusttagen. Ab dem 25. August brach der Vulkan wieder heftiger aus; die Gewalt steigerte sich bis zum Vormittag des 27. August. Um 10:02 Uhr ereignete sich die stärkste von vier aufeinanderfolgenden Explosionen dieses Morgens. Weil der Vulkan gewaltige Mengen an Magma und Gestein auswarf, verlor die unterirdische Magmakammer rasch an Volumen. Während oder unmittelbar nach dieser explosiven Schlussphase brachen große Teile der Hauptinsel in die sich bildende Caldera ein. Welche Rolle nachströmendes Meerwasser oder die Vermischung unterschiedlich heißen Magmas bei diesen Explosionen spielten, bleibt in der geologischen Forschung umstritten.

Der Knall dieser Haupteruption gilt als das lauteste historisch verzeichnete Geräusch. Er erreichte das über 3.000 Kilometer entfernte westaustralische Perth, während Zeugen auf der Insel Rodrigues im Indischen Ozean noch ein tiefes Grollen wahrnahmen.

Forscher machen heute vor allem den schnellen Eintritt enormer pyroklastischer Ströme in das Meer für den nachfolgenden Tsunami verantwortlich. Die Wellen türmten sich an den Küsten Sumatras und Javas auf bis zu 40 Meter Höhe auf. Sie zerschmetterten unzählige Küstensiedlungen und zerstörten den Leuchtturm Vierde Punt. In seiner direkten Umgebung hob der Tsunami massive Korallenblöcke vom Meeresboden und schleuderte diese weit an Land, wenngleich das Ziegelsteinfundament des alten Leuchtturms den Kräften standhielt. Im Hafen von Telok-Betong erfasste das Wasser das niederländische Dampfschiff Berouw und drückte den schweren Rumpf rund drei Kilometer weit ins Landesinnere. Über 36.000 Menschen starben durch die hereinbrechenden Fluten und die heißen Gas-Asche-Wolken, die rasend schnell über das Meer auf die benachbarten Küstenstriche trafen.

Globale atmosphärische Störungen

Die Wucht der Eruption schleuderte Schätzungen zufolge knapp 20 Kubikkilometer vulkanisches Material in die Atmosphäre. Die aufsteigende Gas- und Aschesäule erreichte dabei vermutlich eine Höhe von 40 bis 50 Kilometern. Während schwimmender Bims große Meeresflächen bedeckte, stiegen feinste Aerosole bis in die Stratosphäre auf. Hohe Windströmungen verteilten diese Partikel binnen weniger Tage über weite Teile der Erdhalbkugel. Die atmosphärischen Trübungen streuten einen Teil des einfallenden Sonnenlichts, woraufhin die globale Durchschnittstemperatur im Folgejahr um bis zu ein halbes Grad Celsius sank.

Gleichzeitig brachen diese Partikel das Licht in den Abendstunden so stark, dass Himmelsbeobachter weltweit blutrote Sonnenuntergänge notierten. Dank der neu verlegten Telegrafenverbindungen verbreiteten sich die Nachrichten über die Zerstörung rasch und machten den Ausbruch in Niederländisch-Indien zu einem der ersten global rezipierten Medienereignisse.

Das stetige Wachstum des Anak Krakatau

Die geologischen Kräfte unter der Sundastraße blieben nach dem Kollaps von 1883 aktiv. Ab 1927 durchstießen an der Stelle des vernichteten Hauptkraters wiederholt neue vulkanische Ablagerungen die Wasseroberfläche. Das Meer trug diese ersten Eilande rasch wieder ab, bevor sich im August 1930 eine dauerhafte Insel bildete. Dieser neue Vulkan erhielt den Namen Anak Krakatau (indonesisch: „Kind des Krakatau“) und wuchs über Jahrzehnte stetig heran. Der junge Berg war so instabil, dass im Dezember 2018 eine Flanke ins Meer abrutschte und erneut einen tödlichen Tsunami an den indonesischen Küsten auslöste. Der Anak Krakatau bleibt ein hochexplosives Zentrum der Region, dessen andauernde Aktivität – wie die massiven Ascheausstöße im September 2026 belegen – die regionale Schifffahrt und den Flugverkehr von und nach Jakarta weiterhin unmittelbar beeinflusst.


Anak Krakatau, 2018

Zum Weiterlesen

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Winchester, S. (2003): Krakatau. Der Tag, an dem die Welt zerbrach.*

Bildnachweis

Titel: Krakatau, vor dem Ausbruch. Collectie Wereldmuseum (v/h Tropenmuseum), part of the National Museum of World Cultures. CC BY-SA 3.0.

Anak Krakatau, Wikimedia Commons, Adhari Arief. CC BY-SA 4.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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