Trance auf Bestellung – Die Wahrheit hinter Margaret Meads Meisterwerk

Im grellen Sonnenlicht des 16. Dezember 1937 heben junge balinesische Frauen scharfe Kris-Dolche. Während sie in Trance geraten, stoßen sie die Klingen ekstatisch gegen ihre eigenen Körper, ohne dass dabei Blut fließt. Hinter einer 16-Millimeter-Kamera dokumentieren die Anthropologen Margaret Mead und Gregory Bateson das Geschehen auf der indonesischen Insel Bali. Die Szene wirkt auf den Betrachter wie ein urtümliches Ritual, doch tatsächlich entsteht an diesem Tag eine sorgfältig geplante Aufführung, die Mead eigens für ihren Geburtstag in Auftrag gegeben hat.

Die Anpassung des Tanzes

Margaret Mead (1901-1978)

Mead und Bateson verbringen in den 1930er Jahren zwei Jahre auf Bali, um das Verhalten der Einheimischen systematisch aufzuzeichnen. Ihr Ziel besteht darin, die Perspektive der Balinesen durch teilnehmende Beobachtung fotografisch sowie filmisch zu fassen. Bateson fordert dafür aus der Heimat große Mengen an Filmmaterial an. Er beschafft zudem einen speziellen Schnellaufzug für seinen Fotoapparat, der ihm dichte Bildfolgen ohne lange Unterbrechungen ermöglicht.

Die traditionelle Darbietung des Kris-Tanzes konfrontiert das Forscherehepaar jedoch mit einem technischen Hindernis. Gewöhnlich vollziehen die Einheimischen dieses Ritual tief in der Nacht. Da Mead und Bateson über keinerlei Beleuchtungsausrüstung verfügen, drängen sie auf eine Verlegung in die Tagesstunden. Der Organisator greift für diese Sonderaufführung maßgeblich in die Besetzung ein und tauscht die älteren Frauen, die üblicherweise in der Dunkelheit tanzen, gegen junge Tänzerinnen aus. Mead rechtfertigt diesen Eingriff später in ihren Aufzeichnungen mit der Begründung, die jungen Frauen hätten das Verhalten, das sie ihr Leben lang beobachteten, vor der Kamera makellos reproduziert.

Kampf zwischen Drachen und Hexen

Der gefilmte Tanz versinnbildlicht den Kampf der guten Mächte in Gestalt von Drachen gegen das Böse, das durch maskierte Tjalonarang-Hexen verkörpert wird. Die Tänzerinnen fallen nacheinander in einen ekstatischen Zustand, aus dem sie am Ende mithilfe von Weihwasser wieder erweckt werden.

Was die Aufnahmen als zeitlose Tradition präsentieren, entspringt in Wahrheit einer jüngeren Entwicklung. Eine balinesische Gruppe hatte erst ein Jahr zuvor, im Jahr 1936, das Hexenspiel mit dem Barong-Tanz verschmolzen. Der auf Bali lebende Maler Walter Spies förderte diese neue Kombination gezielt, um sie westlichen Touristen vorzuführen. Die Kamera von Bateson fängt an jenem Dezembertag somit keine archaische Form ein, sondern dokumentiert das Produkt einer frischen kulturellen Synthese.

Der stumme Film

Aus dem umfangreichen Expeditionsmaterial von über 22.000 Fuß Film montieren Mead und Bateson unter anderem den Dokumentarfilm „Trance and Dance in Bali“, der erst im Jahr 1952 veröffentlicht wird. Während der Aufnahmen im Jahr 1937 zeichnen die Forscher keinen Originalton auf. Der fertige Film erhält eine Tonspur, die aus Meads erklärender Stimme sowie separat aufgenommener balinesischer Musik besteht.

Die balinesischen Akteure selbst erhalten keine Stimme. Eine Sekretärin notiert während der Dreharbeiten zwar das Kichern der älteren Frauen und die kurzen Rufe der Mädchen, doch diese akustischen Details dringen nicht in das finale Werk vor. Die Anthropologin Fatimah Tobing Rony kritisiert später genau diese Leerstelle, da die individuellen Tänzerinnen hinter Meads wissenschaftlichem Kommentar verschwinden.

Der Film prägt dennoch die visuelle Anthropologie entscheidend. Fünf Jahrzehnte nach den Dreharbeiten reisen die Hypnotherapeuten Jay Haley und Madeleine Richeport-Haley nach Bali, wo sie die verbliebenen Akteure von damals aufsuchen. In neuen Interviews rekontextualisieren sie das historische Bildmaterial von Mead und Bateson und montieren es in einen eigenen Film.


Zum Weiterlesen

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Vickers, Adrian (2012): Bali – A Paradise Created.*

Rony, F. T. (1996): The Third Eye: Race, Cinema, and Ethnographic Spectacle.*

Bildnachweis

Titel: Bild aus dem Film mit tanzenden Frauen mit dem Kris in der Hand.

Alle Bilder gemeinfrei.

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