1791 erreichten nepalesische Soldaten das Kloster Tashilhunpo bei Shigatse. Sie plünderten den wohlhabenden Sitz des Panchen Lama; der junge Amtsinhaber wurde nach Lhasa in Sicherheit gebracht. Ein Streit, den die tibetische Regierung wenige Jahre zuvor durch Verhandlungen hatte beenden wollen, war erneut zum Krieg geworden.
Der Qing-Kaiser Qianlong entsandte schließlich eine Armee, die die Angreifer über die Grenze zurückdrängte und bis in die Nähe Kathmandus vorrückte. Nach dem militärischen Erfolg nahm der Hof auch die Regierung Tibets ins Visier. Seine Beauftragten sollten künftig stärker darauf achten, wie politische Entscheidungen und die Auswahl bedeutender religiöser Würdenträger zustande kamen.
Münzen und umstrittenes Eigentum
Die Konflikte hatten mehrere miteinander verbundene Ausgangspunkte. In Tibet waren seit Langem Silbermünzen aus Nepal in Umlauf. Nach dem Aufstieg der Gorkha-Herrscher in Kathmandu entstand Streit über den Wert älterer Münzen und über neu auszugebendes Geld. Eine Abwertung konnte diejenigen treffen, die die bisherigen Stücke besaßen und mit ihnen Handel trieben.
Zu den wirtschaftlichen Auseinandersetzungen kam ein Konflikt im Umfeld des Panchen Lama. Nach dessen Tod 1780 waren wertvolle Geschenke vom Qing-Hof nach Tashilhunpo gelangt. Ein Bruder des Verstorbenen verwaltete sie dort. Ein anderer, der zehnte Shamar Lama aus der Karma-Kagyu-Tradition, beanspruchte einen Anteil als Familienbesitz.
Der Shamar Lama konnte seine Forderung gegenüber den tibetischen Autoritäten nicht durchsetzen und floh nach Nepal. Dort suchte er Unterstützung bei der Regierung. Aus einem Streit über die Zugehörigkeit der Geschenke wurde damit eine Angelegenheit zwischen zwei politischen Mächten. Welche Verantwortung ihm für den folgenden Krieg zukam, beurteilten tibetische Darstellungen aus der Sicht seiner Gegner.
Der Hof in Kathmandu hatte eigene Interessen und benötigte keineswegs allein einen tibetischen Einflüsterer, um einen Feldzug zu erwägen. Die Auseinandersetzung um das Münzgeld und weitere Handelsfragen boten ihm Anlässe, Forderungen zu stellen. Der Shamar Lama konnte Kenntnisse und Verbindungen beisteuern. Die Entscheidung zum Einsatz der Armee blieb bei den nepalesischen Herrschern.
Ein Abkommen ohne dauerhaften Frieden
1788 überschritten nepalesische Truppen die Grenze. Die tibetische Verteidigung konnte ihren Vormarsch kaum aufhalten. Die kaiserlichen Vertreter in Lhasa, die Ambane, meldeten die Lage an Qianlong. Zunächst zielte die Reaktion auf eine rasche Vereinbarung, die einen größeren Feldzug vermeiden sollte.
Das ausgehandelte Abkommen verpflichtete die tibetische Seite zu wiederkehrenden Zahlungen. Für die Regierung in Lhasa war damit eine Belastung entstanden, deren Gegenleistung vor allem im Ausbleiben neuer Angriffe lag. Als sie sich später günstigere Bedingungen verschaffen wollte und die Zahlungen ausblieben, behandelte die nepalesische Regierung dies als Bruch der Verständigung.
Erneute Verhandlungen scheiterten. 1791 rückten die Truppen wieder ein und gelangten diesmal bis Tashilhunpo. Die Plünderung machte deutlich, dass das frühere Abkommen die verwundbare Grenze kaum dauerhaft gesichert hatte. Auch die Flucht des Panchen Lama betraf einen Würdenträger, dessen Beziehung zum Qing-Hof besonders eng war.
In Lhasa wuchs die Sorge vor einem weiteren Vormarsch. Der achte Dalai Lama musste die Bewohner beruhigen, während die Regierung eine militärische Antwort organisierte. Religiöse Schutzrituale begleiteten die Verteidigung. Sie ersetzten jedoch weder die Versorgung der Soldaten noch die Möglichkeit, die Verbindungen des Gegners über die Gebirgspässe zu unterbrechen.
Der Gegenangriff

Tibetische Truppen bedrängten die Angreifer und schnitten ihre Nachschubwege ab. Auch Krankheiten belasteten das nepalesische Heer. Es zog sich aus dem Gebiet von Tashilhunpo zurück. Die mitgeführten Schätze und der zunächst weiter offene Konflikt zeigten allerdings, dass dieser Rückzug für Qianlong noch keinen ausreichenden Abschluss bedeutete.
Eine größere kaiserliche Armee setzte den Gegenangriff 1792 fort. Sie trieb die nepalesischen Verbände über die Grenze und folgte ihnen durch das Gebirge. Der Vormarsch in Richtung Kathmandu gab den Verhandlungen ein anderes Kräfteverhältnis als beim ersten Abkommen. Nun musste sich die Regierung Nepals mit einem Gegner verständigen, der auch ihr eigenes Kerngebiet bedrohen konnte.
Die Vereinbarung beendete den Feldzug und führte zur Rückgabe erbeuteter Güter. Für den Qing-Hof bestätigte der Erfolg seine Fähigkeit, militärischen Schutz in einer weit entfernten Grenzregion zu gewähren. Zugleich nahm Qianlong den Krieg zum Anlass, die bisherigen Zuständigkeiten in Tibet zu überprüfen. Wer Hilfe angefordert hatte, musste sich nun auch Eingriffe des Helfers gefallen lassen.
Die goldene Urne
1793 wurde ein Reformprogramm in neunundzwanzig Artikeln vorgelegt. Es sollte die kaiserliche Aufsicht stärken und die Möglichkeiten der Ambane gegenüber den tibetischen Amtsträgern erweitern. Zum Programm gehörten Bestimmungen über die Auswahl bedeutender Wiedergeburten, also jener Kinder, die als Nachfolger verstorbener religiöser Lehrer anerkannt wurden.
Qianlong misstraute der Häufung solcher Anerkennungen innerhalb einflussreicher Familien. Namen vorgeschlagener Kandidaten sollten deshalb auf Lose geschrieben und in eine goldene Urne gelegt werden. Die Ziehung unter Beteiligung tibetischer Geistlicher und kaiserlicher Vertreter sollte verhindern, dass eine kleine Gruppe die Nachfolge allein bestimmte.
Der Anspruch war weitreichend. Mit der Anerkennung eines Kindes wurden auch die Verfügung über eine religiöse Einrichtung und deren Einkünfte berührt. Ein Verfahren, bei dem ein Amban mitwirkte, gab dem Hof damit Einfluss auf künftige Träger politischer und wirtschaftlicher Macht. Die Auswahl blieb eine religiöse Angelegenheit und wurde zugleich Teil kaiserlicher Regierungspraxis.
Wie regelmäßig die Vorschriften angewandt wurden, unterschied sich nach Zeit und Fall. Die Urne beseitigte die älteren Suchverfahren und die Bedeutung tibetischer Beteiligter keineswegs vollständig. Ihre Verwendung ist aber in konkreten Nachfolgen belegt. Die Behauptung, sie sei bloß bedeutungslos gewesen, unterschätzt deshalb die Befugnisse, die der Qing-Hof nach dem Krieg tatsächlich beanspruchte und ausübte.
Die neue Urne wurde im Jokhang in Lhasa aufgestellt. An dem Ort, an dem tibetische Geistliche vor dem verehrten Buddha-Bild beteten, sollten sie nun gemeinsam mit kaiserlichen Vertretern einen Namen ziehen. Der Feldzug an der nepalesischen Grenze hatte damit Folgen bis in das Verfahren, durch das eine neue religiöse Führungsperson ihr Amt erhielt.
Zum Weiterlesen
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van Schaik, S. (2011): Tibet: A History*. Verbindet die Auseinandersetzung um Münzen und Eigentum mit den Kriegszügen nach Tibet.
Sperling, E. (2004): The Tibet-China Conflict: History and Polemics. Behandelt die tatsächlich ausgeübte Qing-Aufsicht und den historischen Gebrauch der goldenen Urne.
Bildnachweis
Titel: Die Einnahme von Camu im Krieg gegen Nepal, chinesische Darstellung des späten 18. Jahrhunderts. Wikimedia Commons, Künstler der Qing-Zeit, genaue Autorschaft ungeklärt. Gemeinfrei.
Abbildung: Kaiser Qianlong in Rüstung zu Pferd, Gemälde von Giuseppe Castiglione, 1739. Wikimedia Commons, Giuseppe Castiglione. Gemeinfrei.


