Der fünfte Dalai Lama übernimmt die Macht

Panorama des Potala und seines Vorplatzes, 2010.

Im Frühjahr 1642 kapitulierte der Herrscher von Tsang nach einer langen Belagerung seiner Festung in Shigatse. Güshi Khan hatte mit seinem mongolischen Heer die stärksten Gegner der Gelug-Schule geschlagen. Bei der anschließenden Begegnung mit dem fünften Dalai Lama übertrug er diesem die Herrschaft über die eroberten Gebiete.

Der Dalai Lama, Ngawang Lobsang Gyatso, war ein junger buddhistischer Lehrer. Sein religiöser Rang hatte ihn bisher kaum vor den Machtkämpfen Zentraltibets geschützt. Nun konnte er mit Unterstützung des Siegers eine Regierung aufbauen. Güshi Khan behielt jedoch seine eigene Stellung als militärischer Schutzherr und den Titel eines Königs von Tibet. Was 1642 entstand, musste deshalb zwischen mehreren Trägern von Macht ausgehandelt werden.

Thangka mit dem fünften Dalai Lama, 18. Jahrhundert.
Thangka mit dem fünften Dalai Lama, 18. Jahrhundert.

Eine bedrohte Nachfolge

Die Gelug-Schule hatte seit dem späten 16. Jahrhundert enge Beziehungen zu mongolischen Förderern geknüpft. Ihr Ansehen und ihre großen Klöster gaben ihr erheblichen Einfluss im Raum Lhasa. In Tsang, westlich davon, herrschte jedoch ein Fürstenhaus, das andere buddhistische Schulen bevorzugte und seine Macht nach Osten ausdehnte.

Nach dem Tod des vierten Dalai Lama gerieten die Gelug-Klöster in eine besonders schwierige Lage. Der Herrscher von Tsang untersagte zunächst die Anerkennung eines Nachfolgers. Die Suche wurde dennoch fortgesetzt. Schließlich kam ein Kind aus einer adligen Familie zum Zuge, das im Umfeld von Drepung auf seine künftigen Aufgaben vorbereitet wurde. Der spätere fünfte Dalai Lama war damit schon als Kind Teil eines politischen Konflikts.

Die Ausweichmöglichkeiten der führenden Gelug-Geistlichen waren begrenzt. Sie konnten sich mit dem Herrscher von Tsang verständigen und eine Stellung unter mehreren von ihm geförderten Schulen suchen. Sie konnten aber auch auf auswärtige Unterstützung setzen, um das militärische Kräfteverhältnis zu verändern. Ein Teil ihrer Führung entschied sich für den zweiten Weg.

Dabei gingen religiöse Zugehörigkeiten und persönliche Lehrbeziehungen kaum vollständig ineinander auf. Der junge Dalai Lama interessierte sich auch für Unterweisungen der Nyingma-Tradition. Seine Gegner waren deshalb keineswegs einfach alle Menschen außerhalb der eigenen Schule. Der Kampf betraf Herrschaft über Land und Menschen, auch wenn seine Beteiligten ihn mit dem Schutz der Religion begründeten.

Güshi Khan und der Desi

Ein neuer Förderer trat mit Güshi Khan hervor, dem Anführer der Choschuten. Diese mongolische Gruppe hatte sich der Gelug-Tradition zugewandt. 1637 kam Güshi Khan nach Erfolgen im Gebiet des Kokonor-Sees nach Lhasa und traf den Dalai Lama. Der Besuch bekräftigte eine Beziehung, in der der Lama religiösen Rang vermittelte und der Khan Schutz versprach.

Die politischen Verbindungen pflegte besonders Sönam Chöphel, ein leitender Vertrauter des Dalai Lama. Er führte den Titel Desi, also Regent oder leitender weltlicher Verwalter. Während der Dalai Lama sich seiner Ausbildung und religiösen Praxis widmete, konnte der Desi in den Verhandlungen mit dem mongolischen Förderer weitgehend selbstständig handeln.

Güshi Khan zog zunächst gegen einen Gegner der Gelug-Schule in Osttibet. Anschließend setzte er den Feldzug nach Zentraltibet fort. Wie weit der Dalai Lama selbst diesen zweiten Schritt veranlasst hatte, bleibt eine Frage der Quellenperspektive. In seiner autobiografischen Darstellung gab er dem Desi die Verantwortung für die Ausweitung des Krieges. Die Behauptung völliger Unkenntnis lässt sich jedoch schwer unabhängig überprüfen.

1641 rückte das mongolische Heer gegen Tsang vor. Die Kämpfe zwangen dessen Herrscher schließlich in seine Festung in Shigatse. Die Belagerung zog sich hin und machte deutlich, dass der Gegner keineswegs allein durch die Drohung eines Einmarsches nachgeben würde. Erst seine Kapitulation im folgenden Jahr verschaffte Güshi Khan und seinen tibetischen Verbündeten den entscheidenden Vorteil.

Der Sieg wird durchgesetzt

Die öffentliche Übertragung der Herrschaft an den Dalai Lama beendete den Widerstand noch kaum. Unterstützer des besiegten Fürsten und Angehörige anderer religiöser Gemeinschaften konnten weiterhin eigene Verbände zusammenbringen. Die neue Führung musste entscheiden, ob sie solche Gegner einband oder ihre Machtmittel zerstörte.

Gegen das große Lager des Karmapa gingen mongolische und tibetische Soldaten vor. Der zehnte Karmapa entkam; seine Gemeinschaft wurde schwer getroffen. In Kongpo, südöstlich von Lhasa, schlugen Güshi Khans Truppen einen weiteren Aufstand nieder. Auch der gefangene Herrscher von Tsang wurde schließlich getötet. Die Gewalt gegen mögliche Gegenkandidaten sicherte den neuen Machthabern ihren Vorrang.

Die Folgen reichten in die Klosterlandschaft hinein. Einrichtungen der Kagyu-Tradition wurden in Gelug-Klöster umgewandelt. Später trafen solche Maßnahmen auch Jonang, dessen führende Lehrer zuvor die Herrscher von Tsang unterstützt hatten. Zur Begründung wurden philosophische Streitfragen angeführt. Zugleich verloren konkurrierende Gemeinschaften mit ihren Klöstern Einkünfte und örtliche Macht.

Der Dalai Lama gewann dadurch eine stärkere Stellung, als sie seine Vorgänger besessen hatten. Trotzdem regierte er kaum überall im tibetischen Kulturraum in gleicher Weise. Regionale Herrschaften und große Klöster behielten eigene Möglichkeiten. Seine Regierung entstand im Kern aus der Neuordnung Zentraltibets und aus den Beziehungen zu den Männern, die den militärischen Sieg errungen hatten.

Die Regierung des Ganden-Phodrang

Die neue Ordnung wurde als Ganden-Phodrang bekannt. Der Name ging auf die Residenz des Dalai Lama im Kloster Drepung zurück. Er bezeichnete fortan auch die Regierung, deren religiöses Oberhaupt der Dalai Lama war. Die laufenden weltlichen Geschäfte führte wesentlich der Desi.

Güshi Khan und seine Familie bildeten daneben eine militärische Stütze. Die Aufgaben waren damit auf verschiedene Personen verteilt. Der Dalai Lama konnte als religiöser Lehrer und übergeordneter Herrscher auftreten, während ein Verwalter die Regierungsgeschäfte führte und der mongolische Förderer bewaffnete Hilfe leistete. Ihre Zusammenarbeit war eine Voraussetzung dafür, die im Krieg gewonnene Stellung in dauerhafte Herrschaft zu überführen.

Das Verhältnis veränderte sich mit der Zeit. Der Dalai Lama gewann gegenüber seinen Förderern und Amtsträgern an Eigenständigkeit. Dafür war hilfreich, dass sein Rang über die Lebenszeit eines einzelnen mongolischen Herrschers hinaus Bestand beanspruchte. Der Tod eines Schutzherrn hob weder seine religiöse Anerkennung noch die in Lhasa eingerichtete Regierung auf.

Eine Residenz über Lhasa

1645 begann auf dem Roten Hügel über Lhasa der Bau des Potala. Der Ort wurde mit dem frühen König Songtsen Gampo verbunden. Eine Residenz dort stellte den Dalai Lama in einen Zusammenhang mit der alten Königsherrschaft. Zugleich erhielt seine Regierung einen weithin sichtbaren, befestigten Sitz.

Der Name Potala bezog sich auf den mythischen Aufenthaltsort Avalokiteshvaras, des Bodhisattva des Mitgefühls. Als dessen Erscheinungsform wurde der Dalai Lama verehrt. Der Bau verband damit eine religiöse Aussage mit dem Anspruch auf politische Herrschaft. Wer nach Lhasa kam, sah die neue Stellung bereits über der Stadt aufragen.

Der Ausbau erforderte zahlreiche Handwerker und Arbeitskräfte. Tibeter arbeiteten mit Kunsthandwerkern aus benachbarten Regionen zusammen. Nachdem der Weiße Palast fertiggestellt war, zog der Dalai Lama dort ein. Weitere Arbeiten gingen über seine Lebenszeit hinaus. Die heutige Anlage entstand dadurch in mehreren Bauphasen und lässt sich kaum auf einen einzigen Gründungsakt zurückführen.

Am Hof des Qing-Kaisers

Inzwischen hatte sich auch die Macht nördlich von Tibet verändert. Die Mandschu eroberten 1644 Peking und begründeten dort die Herrschaft der Qing-Dynastie. Ihr Hof pflegte Beziehungen zu tibetischen Lehrern und musste zugleich mit den unterschiedlichen mongolischen Gruppen umgehen. Der Dalai Lama war für ihn deshalb ein religiöser Würdenträger mit politisch wichtigen Verbindungen.

1652 brach der Dalai Lama auf Einladung des Kaisers nach Peking auf; 1653 traf er dort Shunzhi. Schon die Vorbereitung des Empfangs erforderte Verhandlungen darüber, wie beide Seiten ihren Rang wahrten. Der Kaiser ehrte den Gast und verlieh ihm einen Titel sowie ein goldenes Siegel. Aus dem Zeremoniell allein lässt sich jedoch kaum eine eindeutige Regelung sämtlicher politischen Beziehungen ableiten.

Der Besuch gab dem Dalai Lama eine Gelegenheit, seine neue Stellung außerhalb Tibets sichtbar zu machen. Für den Qing-Hof war die Verbindung zu ihm auch im Umgang mit mongolischen Förderern des Buddhismus nützlich. Die Beziehung dieser Zeit ist deshalb von den Eingriffen späterer Kaiser zu unterscheiden. Eine ständige Qing-Garnison in Lhasa und die dortige kaiserliche Aufsicht entstanden erst unter anderen Voraussetzungen.

Regierung ohne öffentliche Anwesenheit

Im Inneren förderte der Dalai Lama auch religiöse Traditionen außerhalb der Gelug-Schule. Das Nyingma-Kloster Mindroling erhielt seine Unterstützung beim Bewahren älterer Unterweisungen. Diese Förderung stand neben der gewaltsamen Unterordnung anderer Gemeinschaften. Seine Religionspolitik folgte damit sowohl persönlichen Lehrbeziehungen als auch den Interessen der Regierung.

Hauptgebäude des Klosters Mindroling in Tibet, 2008.
Hauptgebäude des Klosters Mindroling in Tibet, 2008.

Zudem musste er Streit innerhalb der siegreichen Schule regeln. Selbst bei großen Gebetsversammlungen führten Fragen des Vorrangs zu Auseinandersetzungen zwischen Klöstern. Der gemeinsame Erfolg von 1642 hatte deren eigene Interessen kaum aufgehoben. Die Regierung konnte sich deshalb auch gegenüber Einrichtungen der eigenen Tradition gezwungen sehen, Zuständigkeiten neu zu verteilen.

In den letzten Jahren führte der Desi Sangye Gyatso einen großen Teil der weltlichen Geschäfte. Nach dem Tod des Dalai Lama 1682 setzte er diese Tätigkeit fort und hielt dessen Tod geheim. Öffentlich hieß es, der Herrscher befinde sich in einer langen religiösen Zurückziehung. Die Verwaltung arbeitete weiter unter seinem Namen, während im Verborgenen bereits nach seiner nächsten Wiedergeburt gesucht wurde.


Zum Weiterlesen

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van Schaik, S. (2011): Tibet: A History*. Verbindet Güshi Khans Feldzüge mit der Regierung des fünften Dalai Lama und seiner Förderung unterschiedlicher religiöser Traditionen.

Snellgrove, D. L.; Richardson, H. (2003): A Cultural History of Tibet*. Erläutert die Entstehung des Ganden-Phodrang und die religiöse Bedeutung des Potala.

Bildnachweis

Titel: Panorama des Potala und seines Vorplatzes, 2010. Wikimedia Commons, Bgabel. CC BY-SA 3.0.

Abbildung: Thangka mit dem fünften Dalai Lama, 18. Jahrhundert. Wikimedia Commons, Künstler unbekannt. Gemeinfrei.

Abbildung: Hauptgebäude des Klosters Mindroling in Tibet, 2008. Wikimedia Commons, Angus Cepka. CC BY-SA 3.0.

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