Phagpa am Hof des Khans

Mönche im Kloster Sakya, 2006.

1269 stellte der tibetische Lehrer Phagpa Khubilai eine neue Schrift vor. Sie sollte sich für die unterschiedlichen Sprachen eignen, die im Herrschaftsgebiet des mongolischen Khans gebraucht wurden. Ihre Buchstaben gingen überwiegend auf tibetische Formen zurück; geschrieben wurde jedoch senkrecht. Khubilai ließ sie für amtliche Dokumente und Siegel vorschreiben.

Der Auftrag zeigt, wie weit Phagpas Tätigkeit über religiöse Unterweisung hinausging. Er war als Kind mit seinem Onkel Sakya Pandita aus Tibet gekommen und hatte die mongolischen Höfe kennengelernt. Nun wirkte er an der Regierung eines Reiches mit, zu dem große Teile Chinas gehörten. Zugleich hing an seiner Stellung die Macht des Klosters Sakya in Tibet.

Lehrer eines Herrschers

Nach Sakya Panditas Tod 1251 blieben seine beiden Neffen in der mongolischen Welt. Phagpa kam in Khubilais Nähe und bewegte sich zwischen den verschiedenen religiösen Lehrern, die dessen Hof aufsuchten. Wer dort wirkte, musste mit konkurrierenden Gruppen umgehen und dem Herrscher den besonderen Wert seiner Lehre vermitteln.

Porträt Khubilai Khans aus der Yuan-Zeit.
Porträt Khubilai Khans aus der Yuan-Zeit.

Phagpa gab Khubilai tantrische Unterweisungen. Eine solche Einweihung begründete nach buddhistischem Verständnis eine besondere Verpflichtung zwischen Lehrer und Schüler. Der Schüler sollte den Lehrer achten und dessen Anleitung befolgen. Das brachte für einen militärischen Machthaber einen ungewöhnlichen Anspruch mit sich: In der religiösen Praxis sollte er sich von einem anderen Menschen führen lassen.

Die Beziehung ließ Khubilais weltliche Herrschaft bestehen. Er konnte Ämter vergeben und Armeen entsenden. Phagpas Möglichkeiten beruhten darauf, dass der Khan ihn unterstützte. Beide verbanden deshalb unterschiedliche Formen von Vorrang: die religiöse Autorität des Lehrers mit den Mitteln des Herrschers, die dieser für den Schutz der Lehre einsetzte.

Der Hof verlieh Phagpa zunächst den Rang eines Staatslehrers und später den höheren Titel eines kaiserlichen Lehrers. Diese Ämter gaben ihm eine herausgehobene Stellung innerhalb der buddhistischen Angelegenheiten des Reiches. Seine Herkunft aus Sakya machte sie zugleich für die Machtverteilung in Tibet bedeutsam.

Befugnisse für Sakya

In den 1260er Jahren stattete Khubilai Phagpa mit Urkunden aus, die den Vorrang Sakyas in Tibet bekräftigten. Die Zentralregionen wurden über größere Verwaltungsbezirke organisiert, die gewöhnlich als Myriarchien bezeichnet werden. Ihr Name bezog sich auf die gedachte Größe von zehntausend Haushalten; die tatsächlichen Einheiten konnten davon erheblich abweichen. Die Bezirke mussten in die Erhebung von Abgaben und die Weitergabe von Anordnungen eingebunden werden.

Phagpa kehrte mit dem Rückhalt des Hofes nach Tibet zurück. In Sakya ließ sich dieser Anspruch allerdings kaum allein durch ein Schriftstück durchsetzen. Andere religiöse Gemeinschaften verfügten über eigene Gebiete und Förderer. Besonders die Anhänger Drikungs widersetzten sich der Ausweitung sakyapischer Macht.

Hinter ihnen standen zudem andere Mitglieder der mongolischen Herrscherfamilie. Die Konflikte in Tibet verbanden sich dadurch mit der Rivalität auswärtiger Machthaber. Während Sakya auf Khubilai setzte, fanden seine Gegner Unterstützung bei den mongolischen Herrschern in Persien. Eine allgemeine Berufung auf „die Mongolen“ verdeckt deshalb die verschiedenen Interessen ihrer Höfe.

Verhandlungen sollten zunächst Gebietsansprüche regeln. Wo sie scheiterten, griffen Truppen ein. Khubilais Soldaten konnten Sakyas Gegner zum Rückzug zwingen. Die tibetischen Partner gewannen damit größere Durchsetzungskraft, machten ihren Vorrang aber auch von Hilfe abhängig, über deren Entsendung der Kaiser entschied.

Wer in Tibet die Geschäfte führte

Die Verwaltung lag wesentlich in den Händen eines weltlichen leitenden Beamten von Sakya. Dieser Amtsträger wird häufig als Pönchen bezeichnet. Er stand in einem Verhältnis zum religiösen Oberhaupt und zum kaiserlichen Hof, musste aber vor Ort Entscheidungen durchsetzen. Die Stellung des Lamas am Hof und die Leitung der tibetischen Regierung konnten deshalb von verschiedenen Personen ausgeübt werden.

Das war schon durch die Entfernung nötig. Ein Lehrer, der sich bei Khubilai aufhielt, konnte in Tibet kaum jede örtliche Auseinandersetzung selbst entscheiden. Der Pönchen verfügte dagegen über Verbindungen und Verwaltungskenntnisse im Land. Aus dieser Arbeitsteilung konnten eigene Machtansprüche entstehen. Die Anerkennung derselben Oberordnung verhinderte keinen Streit innerhalb der Führung Sakyas.

Zur mongolischen Herrschaft gehörten auch Verfahren, mit denen sich das Land erfassen und verbinden ließ. Erhebungen dienten der Festlegung von Abgaben. Stationen an den Verkehrswegen ermöglichten die Beförderung von Nachrichten und Beauftragten. So bekam die Verbindung zum Hof eine alltägliche Seite, die weit weniger feierlich war als eine religiöse Einweihung, für die Bevölkerung aber unmittelbare Verpflichtungen bedeutete.

Eine Schrift und ihre Grenzen

Auch Phagpas Schriftprojekt sollte unterschiedliche Teile des Reiches miteinander verbinden. Die Regierung musste Anordnungen in mehreren Sprachen ausfertigen. Eine gemeinsame Schrift versprach, ihre schriftliche Form zu vereinheitlichen, ohne die verschiedenen gesprochenen Sprachen zu beseitigen. Phagpas Erfahrung mit mehreren Schrifttraditionen war dafür besonders nützlich.

Der Erlass Khubilais sicherte der neuen Schrift amtliche Verwendung. Ihre Verbreitung blieb jedoch an die Förderung durch die mongolische Regierung gebunden. Mit dem Ende der Yuan-Herrschaft verlor sie den politischen Rückhalt, der ihren Gebrauch gestützt hatte. Die Schrift wurde damit zu einem besonders gut sichtbaren Zeugnis der Zeit, in der ein tibetischer Lehrer an zentralen Vorhaben des Hofes beteiligt gewesen war.

Phagpa selbst verbrachte seine letzten Jahre wieder in Tibet. 1276 kehrte er nach Sakya zurück. Dort versuchte er, durch eine große religiöse Versammlung die verfeindeten Gruppen zusammenzubringen. Unterstützung erhielt er aus Khubilais Familie; den Vorsitz überließ er einem Gelehrten aus einer anderen buddhistischen Tradition. Die gemeinsame Religion sollte einen Raum für Verständigung schaffen, den die vorausgegangenen Eingriffe der Armeen kaum dauerhaft gesichert hatten.

Phagpa starb 1280. Bald kursierte die Beschuldigung, ein früherer leitender Verwalter habe ihn vergiftet. Der Vorwurf ist von einer gesicherten Todesursache zu unterscheiden. Khubilai nahm die Nachricht zum Anlass, erneut Truppen zu schicken. Der beschuldigte Beamte und seine Anhänger wurden getötet. Selbst die Nachfolge eines besonders geehrten religiösen Lehrers wurde damit durch die bewaffnete Gewalt seines kaiserlichen Förderers entschieden.


Zum Weiterlesen

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van Schaik, S. (2011): Tibet: A History*. Verfolgt Phagpas Verbindung zu Khubilai und die Konflikte um die Herrschaft Sakyas.

Sperling, E. (2004): The Tibet-China Conflict: History and Polemics. Ordnet Ämter und Verwaltungsrechte der Mongolenzeit in die Diskussion über Tibets politischen Status ein.

Bildnachweis

Titel: Mönche im Kloster Sakya, 2006. Wikimedia Commons, Luca Galuzzi ( Lucag ). CC BY-SA 2.5.

Abbildung: Porträt Khubilai Khans aus der Yuan-Zeit. Wikimedia Commons, Araniko zugeschrieben. Gemeinfrei.

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