1717 zogen dsungarische Truppen gegen Lhasa. Unter den tibetischen Mönchen verbreitete sich die Nachricht, die Angreifer brächten den siebten Dalai Lama mit. Für viele war das ein Grund, sich von Lhazang Khan abzuwenden, dem mongolischen Herrscher in der Stadt. Doch das Versprechen erwies sich als falsch: Der Junge befand sich weit entfernt in Osttibet.
Lhazangs Verteidiger hielten den Angriff längere Zeit auf. Schließlich gelangten die Eindringlinge in die Stadt, und der Khan wurde auf der Flucht getötet. Wer von seiner Ablösung die Rückkehr eines anerkannten Dalai Lama erwartet hatte, stand nun vor einer Besatzungsmacht, die den erhofften Nachfolger weder bei sich hatte noch rasch herbeischaffen konnte.
Ein Herrscher verliert seine Verbündeten
Lhazang Khan gehörte zur Familie Güshi Khans, der 1642 den fünften Dalai Lama an die Spitze einer neuen tibetischen Regierung gebracht hatte. Spätere Angehörige dieser mongolischen Familie waren zunehmend hinter die Regierung in Lhasa zurückgetreten. Lhazang wollte seine eigene Stellung als König von Tibet wieder stärker zur Geltung bringen.
Dabei geriet er mit dem Desi Sangye Gyatso in Konflikt. Dieser hatte nach dem Tod des fünften Dalai Lama die Regierung weitergeführt und den Tod lange verborgen gehalten. Als der sechste Dalai Lama schließlich öffentlich eingesetzt wurde, blieb das Verhältnis zwischen religiösem Oberhaupt und weltlichem Verwalter schwierig. Lhazang nutzte den Streit, um die bisherige Führung zu stürzen.
1705 setzte er sich militärisch gegen Sangye Gyatso durch. Der frühere Desi wurde anschließend getötet. Lhazang konnte nun unmittelbar in die Regierung eingreifen. Dauerhaften Rückhalt bei den großen Klöstern verschaffte ihm der Sieg jedoch kaum. Besonders sein Vorgehen gegen den sechsten Dalai Lama vertiefte die Ablehnung.
Wer war der richtige Dalai Lama?
Der sechste Dalai Lama, Tsangyang Gyatso, hatte die Erwartungen vieler leitender Geistlicher enttäuscht. Er wollte die vorgeschriebene monastische Lebensform nicht fortführen. Seine dichterische Begabung und sein Umgang mit Menschen außerhalb des Klosters machten ihn zugleich bei vielen Bewohnern Lhasas beliebt. Lhazang musste deshalb gegen einen Mann vorgehen, dessen Ansehen über die Zustimmung der leitenden Äbte hinausreichte.

Der Khan veranlasste seine Absetzung und holte dafür die Unterstützung des Qing-Kaisers Kangxi ein. Als der Dalai Lama aus Lhasa fortgebracht werden sollte, griffen Mönche aus Drepung ein und brachten ihn in ihr Kloster. Lhazangs Truppen konnten den Widerstand jedoch überwinden. 1706 wurde Tsangyang Gyatso in Richtung Norden abgeführt; sein Tod auf der Reise wurde noch im selben Jahr gemeldet.
Um seinen Tod entstanden später andere Erzählungen. Manche ließen ihn überleben und unerkannt weiterreisen. Für die unmittelbare politische Lage war entscheidend, dass er in Lhasa fehlte. Lhazang präsentierte einen anderen Geistlichen als rechtmäßigen Dalai Lama. Dieser Kandidat fand bei großen Teilen der Bevölkerung und der Klosterwelt wenig Anerkennung.
In Litang in Osttibet wurde dagegen ein Kind als Wiedergeburt Tsangyang Gyatsos anerkannt. Der Junge hieß Kelsang Gyatso. Seine Unterstützer sahen in ihm den siebten Dalai Lama und bestritten damit Lhazangs Eingriff in die Nachfolge. Sein Vater brachte ihn vor den Leuten des Khans in Sicherheit. Der Streit um religiöse Anerkennung wurde so zum Streit darüber, wer in Lhasa regieren durfte.
Hilfe von einem anderen Mongolenherrscher
Die Dsungaren waren ebenfalls Mongolen, gehörten aber einer anderen politischen Macht an als Lhazangs Familie. Ihr Herrscher suchte seinen Einfluss auf Tibet auszudehnen. Die Verbindung zur Gelug-Schule versprach religiöses Ansehen und einen Vorteil in der Rivalität mit dem Qing-Reich. Lhazang wiederum war auf Unterstützung des Qing-Hofes angewiesen.
Gegner des Khans in den großen tibetischen Klöstern suchten deshalb Hilfe bei den Dsungaren. Beide Seiten konnten das Vorgehen als Schutz der anerkannten Dalai-Lama-Linie darstellen. Die religiöse Sprache verdeckte jedoch, dass die Verbündeten unterschiedliche Ziele verfolgten. Die tibetischen Geistlichen wollten den Einfluss Lhazangs brechen; die dsungarischen Befehlshaber wollten selbst über die Verhältnisse in Lhasa bestimmen.
Der Einmarsch von 1717 brachte diese Unterschiede zum Vorschein. Die Verteidigung der Stadt brach nach langem Widerstand zusammen, und Lhazangs Macht endete mit seinem Tod. Den siebten Dalai Lama konnten die Sieger dennoch nicht einsetzen. Ohne ihn mussten sie ihre Stellung unmittelbar auf die Anwesenheit ihrer Soldaten stützen.
Unter den neuen Besatzern
Die Angreifer griffen hart in das religiöse Leben ein. Besonders Einrichtungen der Nyingma-Tradition gerieten unter Druck. Sie standen Praktiken feindlich gegenüber, die von verheirateten religiösen Spezialisten ausgeübt wurden, und gingen gegen Lehrer vor, denen sie unzulässige Rituale vorwarfen. Das Kloster Mindroling wurde schwer getroffen; sein Gelehrter Lochen Dharmashri wurde getötet.
Auch innerhalb der Gelug-Klöster beanspruchten die Besatzer, über die richtige Lebensführung zu urteilen. Geistliche wurden überprüft und ausgeschlossen. Die Berufung auf den Schutz der Schule gab den führenden tibetischen Mönchen daher keinen verlässlichen Schutz vor Eingriffen. Die auswärtigen Helfer bestimmten selbst, wen sie als geeigneten Vertreter der Lehre anerkannten.
Der italienische Jesuit Ippolito Desideri, der damals in Tibet lebte, berichtete von der Gewalt der Besatzung. Sein Zeugnis stammt aus einer anderen religiösen Perspektive als die tibetischen Klostergeschichten. Es bestätigt, dass die Eroberung für die Bewohner keineswegs einfach einen erwünschten Herrscherwechsel bedeutete. Verfolgung und Übergriffe beschädigten die Unterstützung, auf die die Angreifer beim Vormarsch hatten hoffen können.
Inzwischen bereitete Kangxi ein militärisches Eingreifen vor. Schon vor seinem Tod hatte Lhazang ihn um Hilfe gebeten. Nun ging es für den Kaiser um die Vertreibung der Dsungaren und um die Frage, wer danach in Tibet regieren sollte. Außerhalb ihrer Reichweite befand sich weiterhin Kelsang Gyatso, dessen Anerkennung den Einmarsch ursprünglich hatte rechtfertigen sollen.
Zum Weiterlesen
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van Schaik, S. (2011): Tibet: A History*. Verfolgt den Streit um den sechsten Dalai Lama bis zur dsungarischen Besetzung Lhasas.
Snellgrove, D. L.; Richardson, H. (2003): A Cultural History of Tibet*. Ordnet die konkurrierenden mongolischen Förderer und die Eingriffe in das Klosterleben ein.
Bildnachweis
Titel: Hauptgebäude des Klosters Mindroling in Tibet, 2008. Wikimedia Commons, Angus Cepka. CC BY-SA 3.0.
Abbildung: Darstellung des sechsten Dalai Lama Tsangyang Gyatso. Wikimedia Commons, Künstler unbekannt. Gemeinfrei.


