Im Jahr 1291 erhielt Shanghai unter der Yuan-Dynastie den Rang eines eigenständigen Verwaltungssitzes. Der Ort lag am Huangpu, nicht weit von der Stelle entfernt, an der das Flusssystem des Jangtse-Deltas den Zugang zur Küste öffnete. Über Flüsse und Kanäle konnten Boote von hier aus das dicht besiedelte Hinterland erreichen.
Shanghai war damit eine Stadt, stand jedoch noch deutlich im Schatten größerer Nachbarn. Suzhou gehörte zu den bedeutendsten wirtschaftlichen und kulturellen Zentren des unteren Jangtse. Hangzhou hatte unter der südlichen Song-Dynastie sogar als kaiserliche Hauptstadt gedient. Shanghai besaß weniger Prestige, verfügte aber über einen Vorteil, der mit der Zeit immer wichtiger werden sollte: Die Stadt verband das Hinterland des Deltas mit dem Meer.

Eine Stadt schützt sich
Im 16. Jahrhundert machten Raubzüge von See her deutlich, dass Shanghai inzwischen mehr war als ein kleiner Handelsplatz. Küstenräuber griffen während der Ming-Zeit wiederholt Orte entlang der chinesischen Küste an. In den 1550er Jahren erhielt deshalb auch Shanghai eine Stadtmauer.
Die Befestigung umschloss den administrativen Kern. Hinter ihren Mauern lagen Wohnviertel und Behörden. Tempel prägten das städtische Leben, während Geschäfte und Werkstätten die Bewohner versorgten. Wasserläufe verbanden die Stadt mit dem umliegenden Land.
Die Mauer sollte vor allem Menschen und Waren schützen. Zugleich zeigt ihr Bau, dass Shanghai bereits Mitte des 16. Jahrhunderts über wichtige Behörden, Werkstätten und Warenlager verfügte, deren Schutz erhebliche Anstrengungen rechtfertigte.
Außerhalb der Mauern folgten Handel und Verkehr vor allem den Wasserwegen. Boote brachten Produkte aus dem Jangtse-Delta nach Shanghai und nahmen andere Waren für die Weiterfahrt entlang der Küste auf.
Xu Guangqi und die Jesuiten

Um 1600 eröffnete sich für Shanghai eine neue Form der Verbindung zur Außenwelt.
Xu Guangqi, ein aus Shanghai stammender Gelehrter und später hoher Beamter der Ming-Dynastie, kam mit europäischen Jesuiten in Kontakt. Eine enge Zusammenarbeit entwickelte sich mit Matteo Ricci. Xu ließ sich christlich taufen und nahm den Namen Paul an.
Seine Konversion blieb nicht ohne Folgen für seine Heimatregion. Weitere Missionare kamen nach Shanghai und fanden dort chinesische Christen. Im 17. Jahrhundert entstanden in der Umgebung zahlreiche Kapellen.
Diese Gemeinden machten Shanghai noch nicht zu einer international geprägten Stadt. Europäer bildeten keine bedeutende Bevölkerungsgruppe, und der Handel mit westlichen Ländern spielte hier weiterhin eine geringe Rolle. Die Kontakte zeigen jedoch, dass Menschen aus Shanghai bereits lange vor dem 19. Jahrhundert mit europäischen Gelehrten und Missionaren in Verbindung standen.
Ein Hafen für das Jangtse-Delta
Während der Qing-Dynastie gewann Shanghai weiter an wirtschaftlicher Bedeutung.
Das bereits etablierte Netz aus Flüssen und Kanälen verband die Stadt mit einer der produktivsten Regionen Chinas. Dörfer und größere Städte des Jangtse-Deltas lieferten Waren, die über Shanghai an die Küste gelangen konnten.
Besonders wichtig wurde der Baumwollhandel. Im Umland bauten zahlreiche Familien Baumwolle an. Andere Haushalte versponnen die Fasern oder stellten Stoffe her. Große Fabriken gab es noch nicht. Produktion und Verarbeitung verteilten sich auf viele Haushalte, die über Händler miteinander verbunden waren.
Shanghai diente dabei als Sammel- und Umschlagplatz. Kaufleute konnten Produkte aus dem Hinterland in der Stadt übernehmen und über den Seeweg weitertransportieren. In umgekehrter Richtung gelangten Waren von der Küste über Shanghai in das Delta.
Die Stadt profitierte damit von einem Handelssystem, das weitgehend ohne europäische Beteiligung funktionierte.
1725 und 1730: Die Verwaltung folgt dem Handel
Auch die Qing-Verwaltung reagierte auf die wachsende Bedeutung des Ortes.
1725 wurde der weiterhin in Suzhou ansässige Intendant des Su-Song-Bezirks zusätzlich mit der Aufsicht über den Seezoll in Shanghai betraut. Damit gewann der Hafen innerhalb der regionalen Verwaltung an Gewicht.
1730 folgte der wichtigere Schritt: Der Daotai, ein hochrangiger kaiserlicher Beamter des übergeordneten Verwaltungsbezirks, verlegte seinen Amtssitz nach Shanghai. Im folgenden Jahr entstand dort sein Amtsgebäude.
Von nun an saß ein wichtiger Vertreter der Qing-Verwaltung unmittelbar in der Stadt. Er beschäftigte Mitarbeiter und beaufsichtigte Aufgaben, die über den eigentlichen Landkreis Shanghai hinausreichten.
Die Verlegung des Amtssitzes war das Ergebnis einer Entwicklung, die bereits im Gang war. Handel und Schifffahrt hatten Shanghai für die Verwaltung wichtiger gemacht.
Kaufleute aus anderen Teilen Chinas
Mit dem Handel kamen immer mehr Menschen aus anderen Regionen nach Shanghai.
Kaufleute und andere Zugewanderte schlossen sich häufig nach ihrer Herkunft zusammen. Dafür entstanden huiguan und gongsuo, Vereinigungen, die ihren Mitgliedern Kontakte vermittelten und bei wirtschaftlichen Angelegenheiten halfen. Einige dieser Organisationen bestanden bereits vor dem Opiumkrieg; einzelne reichten bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück.
Für einen Händler, der neu nach Shanghai kam, konnten solche Verbindungen entscheidend sein. Landsleute halfen beim Zugang zu Geschäftspartnern oder unterstützten Mitglieder in schwierigen Situationen. Eigene Versammlungsgebäude machten diese Gemeinschaften auch im Stadtbild sichtbar.
Shanghai entwickelte sich so zunehmend zu einer Stadt der Zuwanderung. Viele Menschen kamen wegen der wirtschaftlichen Möglichkeiten an einen Ort, an dem sich wichtige Handelswege kreuzten.

Handel über die chinesische Küste hinaus
Shanghai war dabei keineswegs nur mit seinem unmittelbaren Umland verbunden.
Schon vor dem Opiumkrieg liefen über den Hafen Waren, die zwischen verschiedenen Teilen Chinas und Südostasien zirkulierten. Schiffe aus anderen chinesischen Küstenregionen legten am Huangpu an. Einige Handelsverbindungen reichten darüber hinaus nach Südostasien.
Anders sah es beim Handel mit Europa aus. Hier dominierte bis ins frühe 19. Jahrhundert Kanton. Die Qing-Regierung konzentrierte den regulären Handel westlicher Kaufleute auf den südchinesischen Hafen. Britische und andere europäische Händler konnten deshalb nicht einfach Niederlassungen in Shanghai eröffnen.
Die internationalen Verbindungen Shanghais verliefen zu dieser Zeit vor allem innerhalb Ost- und Südostasiens. Erst im frühen 19. Jahrhundert begannen britische Händler, den Hafen systematisch als möglichen Zugang zum chinesischen Binnenmarkt zu betrachten.
Europäer erkunden den Hafen
Britische Kaufleute und Missionare suchten nach Möglichkeiten, die Beschränkungen des Handels über Kanton zu umgehen. Sie wollten wissen, welche Häfen weiter nördlich Zugang zu großen Absatzmärkten bieten könnten.
Dabei rückte Shanghai in ihr Blickfeld.
1832 erreichte das britische Schiff Lord Amherst auf einer Erkundungsfahrt entlang der chinesischen Küste auch Shanghai. An Bord befanden sich der Kaufmann Hugh Hamilton Lindsay und der Missionar Karl Gützlaff. Ihre Reise sollte Informationen über Häfen sammeln, die für einen erweiterten britischen Handel interessant sein könnten.
Shanghai fiel durch den regen Schiffsverkehr auf dem Huangpu und seine engen Verbindungen mit dem Jangtse-Delta auf.
Shanghai in den 1830er Jahren
In den Jahren unmittelbar vor dem Opiumkrieg hatte Shanghai bereits eine beträchtliche Größe erreicht.
Die Bevölkerungsangaben schwanken, doch gängige Schätzungen gehen für die 1830er Jahre von rund 200.000 bis 300.000 Einwohnern aus. Shanghai verfügte über eine ummauerte Innenstadt und ausgedehnte Vorstädte.
In der Stadt arbeiteten Händler und Handwerker. Behörden verwalteten den Hafen, während Vereinigungen von Kaufleuten und Zugewanderten eigene Versammlungshäuser unterhielten. Tempel und andere religiöse Einrichtungen gehörten ebenfalls zum Stadtbild.
Vor allem aber füllten Boote den Huangpu und die angrenzenden Wasserwege. Über sie gelangten Waren aus dem Jangtse-Delta nach Shanghai und von dort weiter entlang der Küste.
Vor der erzwungenen Öffnung
Am Vorabend des Opiumkrieges gehörte Shanghai noch nicht zu den berühmtesten Städten Chinas. Suzhou und Hangzhou besaßen weiterhin größeres kulturelles Prestige.
Shanghai hatte sich jedoch längst von einem regionalen Verwaltungssitz zu einem bedeutenden Handelszentrum entwickelt. Seine Stadtmauer stand seit fast drei Jahrhunderten. Der Daotai residierte seit 1730 vor Ort. Händler aus verschiedenen Teilen Chinas hatten sich niedergelassen, und der Hafen verband das Jangtse-Delta mit der Küste.
Vor diesem Hintergrund führt die später verbreitete Vorstellung in die Irre, westliche Kaufleute hätten in den 1840er Jahren ein unbedeutendes Fischerdorf vorgefunden. Sie trafen auf eine chinesische Handelsstadt, deren bestehende Verkehrswege und wirtschaftliche Verbindungen für sie gerade den besonderen Wert des Ortes ausmachten.
Der Einschnitt kam dennoch tiefgreifend.
Nach der britischen Niederwerfung Chinas im Ersten Opiumkrieg musste die Qing-Regierung 1842 den Vertrag von Nanjing akzeptieren. Shanghai gehörte zu den Häfen, die künftig für den britischen Handel geöffnet werden sollten. Im November 1843 wurde diese Öffnung vor Ort wirksam.
Damit begann nicht die Geschichte Shanghais als Stadt. Es begann die Geschichte eines bereits bedeutenden chinesischen Hafens unter völlig neuen Bedingungen.

Zum Weiterlesen
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Wasserstrom, Jeffrey N. (2009): Global Shanghai, 1850–2010.* A History in Fragments. Routledge. Besonders hilfreich zur älteren Stadtgeschichte und zur Kritik am Mythos vom vor 1843 bedeutungslosen Fischerdorf.
Horesh, Niv (2014): Shanghai, Past and Present*: A Concise Socio-Economic History. Liverpool University Press. Überblick über die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Shanghais von den frühen Handelsstrukturen bis zur Gegenwart.
Bergère, M.-C. (2009): Shanghai: China’s Gateway to Modernity.* Stanford University Press. Umfassende Geschichte der Stadt mit besonderem Blick auf den Übergang vom chinesischen Handelszentrum zur modernen Metropole.
Bildnachweis
Titel: Shanghai, Malerei aus dem 17. Jahrhundert.
Alle weiteren Bilder sind gemeinfrei.



