Im Teehaus am Qianmen-Tor in Peking hebt der Sänger die Stimme. Hinter ihm schlägt der Trommler einen harten Rhythmus, die Geige setzt ein, ein Darsteller in aufwendigem Kostüm tritt vor und führt eine präzise Drehung aus. Das Publikum kennt jede Geste. Es verfolgt den Gesang, die Bewegungen, die klar codierten Farben im Gesicht des Helden. Diese Szene aus der Peking-Oper steht am Beginn einer Geschichte, die später auf der Leinwand weitergeführt wird.
Peking-Oper und urbane Unterhaltungskultur
Seit dem 19. Jahrhundert prägt die Peking-Oper das kulturelle Leben der Hauptstadt. Wandertruppen ziehen zwischen Peking, Tianjin und Shanghai, spielen historische Stoffe, Loyalitätsdramen, Episoden aus dem Roman „Die Räuber vom Liang-Shan-Moor“. Die Bühne arbeitet mit festgelegten Rollenfächern. Sheng für den männlichen Helden, Dan für weibliche Figuren, Jing für kraftvolle Charaktere mit bemaltem Gesicht, Chou für komische Rollen. Jede Bewegung besitzt Bedeutung.
Diese Theaterform bildet eine Schule für Gestik, Musik und dramatische Verdichtung. Sie schafft Stars, deren Namen überregional bekannt sind. Spielorte sind feste Theaterhäuser, Teegärten und temporäre Bühnen bei Festen. In Shanghai entsteht um 1900 eine dichte Unterhaltungslandschaft aus Opern, Varieté, Akrobatik, Schattenspiel und später auch westlichen Zirkusnummern.
Diese urbane Mischkultur bildet den Boden, auf dem das Kino Fuß fasst. Es tritt nicht in ein kulturelles Vakuum. Es reiht sich ein in eine bestehende Praxis des gemeinsamen Zuschauens, des Kommentierens und der starbezogenen Verehrung.
Die ersten Filmvorführungen und „Dingjunshan“

1896 erreichen Filmprogramme aus Europa zunächst Shanghai, kurz darauf Peking und Tianjin. Händler und Schausteller zeigen kurze „Ansichten“ aus Europa, Militärparaden, Straßenszenen. Die Projektion bleibt zunächst Attraktion im Rahmen größerer Unterhaltungsabende.
1905 entsteht in Peking eine Aufnahme, die in der chinesischen Filmgeschichtsschreibung als symbolischer Anfang gilt. Gefilmt wird eine Szene aus dem Opernstück „Dingjunshan“, gespielt von dem berühmten Darsteller Tan Xinpei. Die Kamera steht frontal, die Bühne bleibt klar erkennbar. Der Film überträgt ein Opernfragment auf Zelluloid. Er entwickelt noch keine eigenständige Filmsprache. Dennoch markiert er einen entscheidenden Schritt: eine lokale Aufführung wird reproduzierbar und transportabel.
In diesen frühen Jahren dominieren importierte Filme den Markt. Westliche Produktionen laufen in den internationalen Konzessionen Shanghais. Gleichzeitig beginnen chinesische Unternehmer, eigene Firmen zu gründen. 1909 entsteht die Asia Film Company, an der auch ausländische Kapitalgeber beteiligt sind. Die Produktionsbedingungen bleiben instabil. Geräte, Rohfilm und Know-how stammen häufig aus dem Ausland.
Shanghai in den 1910er Jahren
Shanghai wird rasch zum Zentrum. Die Stadt besitzt dichte Handelsnetze, ein wohlhabendes Bürgertum, ausländische Konzessionen mit relativ liberalem Wirtschaftsrecht und eine wachsende Mittelschicht.
In den 1910er Jahren entstehen erste Spielhandlungen jenseits der bloßen Opernaufzeichnung. 1913 produziert die Xinmin Company Kurzfilme mit dramatischem Inhalt. Die Themen greifen moralische Konflikte auf, orientieren sich an populären Erzählungen oder aktuellen Skandalen.
Die Produktion bleibt unregelmäßig. Bürgerkrieg und politische Instabilität nach dem Sturz der Qing-Dynastie 1911 erschweren langfristige Planung. Dennoch entwickelt sich in Shanghai ein Milieu aus Schauspielern, Bühnenautoren, Technikern und Unternehmern. Zeitungen beginnen, über Filmvorführungen zu berichten. Anzeigen bewerben neue Programme.
In dieser Phase konkurriert das Kino weiterhin mit Oper, Sprechtheater und Varieté. Es übernimmt von ihnen Stoffe und Darsteller. Die Grenzen zwischen Bühne und Leinwand bleiben durchlässig.
Öffentlichkeit, Moral und Kontrolle

Bereits in den 1910er Jahren entstehen Debatten über Moral und Einfluss des Kinos. Reformorientierte Intellektuelle sehen im Film ein Instrument zur Erziehung der Bevölkerung. Andere warnen vor sittlicher Gefährdung durch Sensationsstoffe.
Mit der wachsenden Produktion der 1920er Jahre verschärft sich diese Diskussion. Lokale Behörden beginnen, Vorführungen zu regulieren. Zensur bleibt zunächst uneinheitlich, doch die Frage nach politischer Kontrolle begleitet das Medium von Anfang an.
Den Übergang zum abendfüllenden Spielfilm markierte 1921 der Welterfolg „Yan Ruisheng“, ein semidokumentarisches Drama über einen realen Kriminalfall in Shanghai. Als erster chinesischer Langfilm setzte er neue Maßstäbe in Sachen Realismus und Kommerzialität, indem er Originalschauplätze nutzte und die Grenzen zwischen Sensation und moralischer Belehrung auslotete.
Gleichzeitig entwickelt sich ein Star-System. Schauspielerinnen wie Hu Die werden zu bekannten Gesichtern. Fan-Magazine erscheinen. Filmplakate prägen das Straßenbild. Das Kino wird Teil einer modernen urbanen Identität.
Ein neues Medium im alten Gefüge

Die Anfänge des chinesischen Kinos liegen nicht in radikaler Neuerfindung. Sie liegen in der Transformation bestehender Formen. Die Peking-Oper liefert Gesten, Dramaturgie und Stars. Die internationale Hafenstadt Shanghai liefert Kapital, Technik und ein Publikum, das an neue Unterhaltungsformen gewöhnt ist.
Zwischen Bühne und Leinwand, zwischen einheimischer Tradition und globalem Handel entsteht in den 1910er Jahren eine fragile Industrie. Sie besitzt noch keine stabile Struktur, doch sie verfügt bereits über alle Elemente, die in den folgenden Jahrzehnten ausgebaut werden: Produktionsfirmen, Presseöffentlichkeit, Starverehrung und moralische Debatten.
Mit dem Ende der 1910er Jahre ist das Kino in China keine Jahrmarktsattraktion mehr. Es ist ein städtisches Massenmedium geworden. In Shanghai formiert sich nun eine Branche, die in den 1920er und 1930er Jahren ihre erste große Blüte erleben wird.
Zum Weiterlesen
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Zhang, Y. (2004): Chinese National Cinema.* Überblick über die Entwicklung des chinesischen Films von den Anfängen bis zur Gegenwart.
Berry, C. und Farquhar, M. (2006): China on Screen. Cinema and Nation.* Analyse des Verhältnisses von Film, Öffentlichkeit und Nation in China.
Bildnachweis
Titel: Yan Ruisheng, 1921.
Alle Bilder gemeinfrei.



