Die Chronik der Yuan-Dynastie – Folge 8
Möngkes Soldaten kamen 1259 vor der Festung Diaoyu in Sichuan zum Stehen. Der Großkhan hatte den Feldzug persönlich übernommen. Die Einnahme befestigter Orte sollte seinen Heeren den Weg durch das obere Flussgebiet des Jangtse öffnen. Doch über dem Jialing-Fluss behaupteten sich die Verteidiger unter Wang Jian. Der mongolische Herrscher blieb mit seiner Armee vor einer Stellung, die sich weder durch einen raschen Angriff noch durch die bloße Anwesenheit des Großkhans zur Aufgabe bewegen ließ.
Im Sommer starb Möngke im Lager. Die Nachricht veränderte den Krieg gegen die Song, bevor eine militärische Entscheidung gefallen war. Denn mit dem Tod des Mannes, dem die Heere unterstanden, wurde die Frage nach ihrem nächsten Befehlshaber zur Frage nach dem nächsten Herrscher des Reiches.
Ein Enkel Dschingis Khans übernimmt
Möngke war ein Sohn Toluis und damit ein Enkel Dschingis Khans. Er gelangte 1251 nach heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der Herrscherfamilie an die Spitze des Mongolenreiches. Zuvor hatten mit Ögödei und dessen Sohn Güyük zwei Herrscher eines anderen Familienzweiges den Großkhantitel getragen.
Die Zustimmung einflussreicher Fürsten gab Möngke die Möglichkeit, seine Gegner nach der Erhebung zu entmachten. Gegen Angehörige der unterlegenen Gruppen wurde mit großer Härte vorgegangen. Der Wechsel betraf damit die Vergabe von Ämtern ebenso wie die Stellung einzelner Familien innerhalb des Reiches.
Möngke wollte die Abgaben aus den eroberten Gebieten zuverlässiger erfassen. Seine Beauftragten registrierten Haushalte und überprüften bestehende Forderungen. Wer Soldaten aufstellen oder einen Feldzug versorgen sollte, musste wissen, woher die Mittel kamen. Dabei trafen die Anordnungen des Großkhans auf Fürsten, die eigene Einkünfte und Gefolgsleute besaßen.
Seine Brüder erhielten weitreichende Aufgaben. Hülegü zog nach Westasien. Khubilai wurde vor allem im chinesischen Raum tätig. Möngke verteilte die Kriegsschauplätze unter engsten Angehörigen und hielt an dem Anspruch fest, ihre Unternehmungen von der Spitze des Reiches aus zu lenken.
Ein Weg um die Song herum
Die südlichen Song verfügten über dicht besiedelte Landschaften, deren Flüsse den Verteidigern Transportwege und den Angreifern Hindernisse boten. Die Mongolen konnten dort mit Reiterheeren in das offene Land vorstoßen. Für dauerhafte Erfolge mussten sie aber Städte und Übergänge halten, an denen sich neue Truppen und Vorräte sammeln ließen.
1253 führte Khubilai einen Feldzug nach Dali im heutigen Yunnan. Die Eroberung brachte den Mongolen ein weiteres Königreich und eröffnete Zugänge südwestlich der Song. Das neue Gebiet ließ sich allerdings nur schrittweise sichern. Lokale Herrscher blieben wichtig, weil mongolische Garnisonen die Täler und Bergregionen nicht überall selbst kontrollieren konnten.
Der Angriff gegen die Song sollte von mehreren Seiten erfolgen. Möngke rückte in Sichuan vor, während andere Verbände weiter östlich oder aus dem Süden operierten. Die Verteidiger sollten ihre Kräfte aufteilen müssen. Zugleich mussten die mongolischen Heere über weite Entfernungen hinweg zusammenarbeiten, obwohl Gelände und Wasserstände ihr Tempo unterschiedlich beeinflussten.
Die Festungen von Sichuan
Die Song hatten in Sichuan aus früheren Angriffen gelernt. Ihre Kommandeure bezogen befestigte Stellungen auf Höhen, die den Zugang zu wichtigen Flusswegen beherrschten. Dort konnten sie Vorräte konzentrieren und Angreifer zwingen, auf ungünstigem Gelände zu kämpfen.

Diaoyu lag im Raum des heutigen Hechuan in Chongqing. Die erhöhte Stellung erlaubte den Verteidigern, die Annäherung des Gegners zu beobachten. Für die Mongolen bedeutete das, dass sie den Vorteil ihrer Beweglichkeit nur begrenzt einsetzen konnten. Ein Heer konnte an einer solchen Festung vorbeiziehen; blieb die Garnison kampffähig, bedrohte sie aber Verbindungen im Rücken der Angreifer.
Unter Wang Jians Führung hielten die Verteidiger den wiederholten Angriffen von Möngkes Truppen stand. Während sich die Belagerung über Monate hinzog, erschwerte Regen das Leben im mongolischen Lager und belastete die Versorgung. Unter den Soldaten traten zugleich Krankheiten auf.
Die Entscheidung, vor der Festung zu bleiben, band auch den Herrscher selbst an diese Schwierigkeiten. Möngke befand sich nicht in einer weit entfernten Residenz, aus der er Ersatz schicken konnte, während ein General das unmittelbare Risiko trug. Sein Lager war Teil des belagernden Heeres.
Eine Nachricht verlässt das Feldlager
Möngke starb im August 1259. Über seine Todesursache gibt es verschiedene Berichte. Die Erkrankungen im Heer machen einen Tod durch Krankheit plausibel; andere Überlieferungen verbinden sein Ende mit einer Verwundung. Eine eindeutig gesicherte Erklärung lässt sich daraus nicht gewinnen.
Für die Verteidiger war entscheidend, dass der Angriff seinen wichtigsten Träger verlor. Die Mongolen konnten den Feldzug nicht einfach unter unveränderten Bedingungen fortsetzen. Ihre Heerführer mussten die Lage in Sichuan gegen das abwägen, was nun in der Steppe und an den Höfen der Prinzen geschehen würde.
Khubilai kämpfte zu dieser Zeit selbst gegen die Song. Als ihn die Nachricht erreichte, musste auch er seine Absichten neu bestimmen. Ein militärischer Erfolg im Süden konnte ihm Ansehen bringen. Blieb er jedoch zu lange fern, konnten andere Fürsten die Erhebung eines neuen Großkhans vorbereiten, ohne dass er rechtzeitig eingriff.
Für den jüngsten Bruder Ariq Böke war die Lage anders. Er hielt sich im mongolischen Kernland auf und besaß dort unmittelbaren Zugang zu wichtigen Teilen des Hofes. Die Brüder gingen mit unterschiedlichen Truppen und Verbindungen in die Nachfolgeauseinandersetzung.
Ein Aufschub für die Song
Der Song-Hof gewann Zeit. Seine Kommandeure hatten ein Heer aufgehalten, dessen Sieg den westlichen Zugang zum Reich weiter gefährdet hätte. Zugleich löste sich die Bedrohung nicht auf: Die Mongolen hielten an ihrem Anspruch fest und verfügten über Stützpunkte, von denen neue Feldzüge ausgehen konnten.
Der Tod eines Großkhans beendete deshalb den Eroberungswillen seiner Familie nicht. Er unterbrach aber die Zusammenarbeit jener Männer, die den Krieg bisher auf verschiedenen Schauplätzen geführt hatten. 1260 ließen sich sowohl Khubilai als auch Ariq Böke zum Großkhan erheben. Die Truppen und Vorräte, die gegen die Song hätten eingesetzt werden können, wurden nun auch für den Kampf zwischen den Brüdern gebraucht.
Diaoyu blieb nach Möngkes Tod in den Händen der Song. Die Festung überstand damit den Feldzug des Großkhans und behielt ihre Bedeutung noch lange, während anderswo neue Armeen gegen das südliche Reich aufgestellt wurden.
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- Franke, H. & Twitchett, D. (1994): The Cambridge History of China, Vol. 06: Alien Regimes and Border States, 907-1368.*
- Weatherford, J. (2005): Genghis Khan and the Making of the Modern World.*
Bildnachweis
Titel: Audienz bei Möngke in Diaoyu, 1438.
Alle Bilder gemeinfrei.



