Die Chronik der Yuan-Dynastie – Folge 7
Der Song-Feldherr Meng Gong führte im Herbst 1233 seine Soldaten vor Caizhou. Dort verteidigte der letzte Hof der Jin eine Stadt, die mongolische Truppen bereits eingeschlossen hatten. Meng Gong kam mit frischen Kämpfern und Lebensmitteln. Die Kaiser der Song, deren Vorfahren ein Jahrhundert zuvor ihre nördlichen Besitzungen an die Jin verloren hatten, halfen nun dabei, das verbliebene
Herrschaftsgebiet ihres alten Gegners zu erobern.
Für die Eingeschlossenen bedeutete die Ankunft der Song das Ende einer Hoffnung. Sie konnten sich kaum noch nach Süden zurückziehen oder von dort Vorräte erhalten. Die beiden Feinde, zwischen denen die Jin zuletzt noch hatten bestehen wollen, arbeiteten vor ihren Mauern zusammen.
Ein Kaiserhof auf der Flucht
Die Jin-Dynastie war von den Jurchen gegründet worden. Ihre Herrscher stammten aus dem Nordosten, regierten aber seit dem 12. Jahrhundert große Teile Nordchinas. Sie beschäftigten chinesische Beamte und beherrschten Städte, in denen Landsteuern und Handel die Mittel für ihre Heere lieferten.
Der Verlust Zhongdus, des heutigen Peking, im Jahr 1215 hatte dieses Reich schwer getroffen. Er beseitigte es jedoch nicht. Der Hof war zuvor nach Kaifeng ausgewichen, südlich des Gelben Flusses. Von dort aus führte er den Krieg weiter. Die Mongolen kontrollierten zwar zunehmend das nördliche Umland, mussten aber um zahlreiche befestigte Orte noch lange kämpfen.

Nach Dschingis Khans Tod übernahm Ögödei 1229 die Stellung des Großkhans. Er setzte den Krieg gegen die Jin mit großen Verbänden fort. Sein Bruder Tolui führte einen Teil der Armee von Westen her in das Gebiet südlich des Gelben Flusses. Damit wurden die Stellungen um Kaifeng auch aus einer Richtung bedroht, die der Jin-Hof nur unter großen Schwierigkeiten sichern konnte.
1232 verloren die Jin eine wichtige Feldarmee in der Schlacht bei Sanfengshan in Henan. Die Niederlage schwächte ihre Fähigkeit, belagerte Städte zu entsetzen. Kaifeng geriet selbst unter starken Druck. Hunger und Krankheit verschärften die Lage der Menschen hinter den Mauern.
Kaiser Aizong verließ die Stadt. Seine Flucht führte ihn schließlich nach Caizhou im heutigen Henan. Er konnte noch Befehle erlassen und auf den Kaisertitel verweisen. Doch die Truppen, die diesen Anspruch in den Provinzen hätten durchsetzen müssen, waren geschlagen oder von ihm abgeschnitten.
Die Entscheidung der Song
Der Hof der südlichen Song beobachtete den Zusammenbruch seines nördlichen Nachbarn mit eigenen Erwartungen. Die Jin hatten 1127 die Song-Hauptstadt Kaifeng erobert und Mitglieder des Kaiserhauses gefangen genommen. Die Song waren nach Süden ausgewichen. An ihrem Hof blieb der Anspruch lebendig, die verlorenen Gebiete eines Tages zurückzugewinnen.
Die Mongolen benötigten für den letzten Angriff auf die Jin Hilfe aus dem Süden. Ihre Gesandten verhandelten mit den Song über Truppen und Getreide. Für die Song bot sich die Gelegenheit, den alten Gegner zu beseitigen und dafür Land in Henan zu erhalten.
Wie weit die Versprechen der Mongolen tatsächlich reichten, war weniger klar als der unmittelbar erwartete Gewinn. Die Vereinbarung legte keine dauerhafte Friedensordnung zwischen zwei gleichberechtigten Reichen fest. Sie sollte einen gemeinsamen Feldzug ermöglichen. Die Song schickten Soldaten und versorgten die Belagerer mit Reis.
Von den Jin kamen ebenfalls Unterhändler. Sie versuchten, den Song-Hof noch zu einer anderen Politik zu bewegen. Eine Einigung hätte den Kaisern der Jin möglicherweise einen Rückzugsraum eröffnet und den Song ihren bisherigen Puffer im Norden erhalten. Der Song-Hof entschied sich für das Bündnis mit der stärkeren Macht.
Die letzten Mauern
Vor Caizhou trafen die Folgen dieser Entscheidung zusammen. Die Mongolen belagerten die Stadt von außen, während Meng Gongs Truppen weitere Zugänge kontrollierten. Die Versorgung der Verteidiger brach zusammen. In den Berichten über die letzten Wochen nehmen Hunger und Erschöpfung großen Raum ein.
Die Jin hatten ihre Armeen in früheren Kriegsjahren auf befestigte Orte gestützt. Solange noch genügend Land und andere Städte gehalten wurden, konnten Garnisonen auf Nachschub oder Entsatz hoffen. In Caizhou fehlte dieser Rückhalt. Ein Ausbruch hätte den Hof nicht einfach in ein neues, gesichertes Herrschaftsgebiet geführt.
Im Februar 1234 brachen die Angreifer durch die Verteidigung. Kaiser Aizong übertrug den Kaisertitel noch an Wanyan Chenglin, einen militärischen Befehlshaber. Die neue Thronbesetzung sollte die Herrschaft in letzter Stunde fortführen. Aizong nahm sich das Leben; auch sein Nachfolger kam beim Untergang der Stadt um.
Die Dynastie hatte damit keinen Hof mehr, von dem aus sie ihre Truppen zusammenführen oder im eigenen Namen verhandeln konnte. Einzelne Angehörige des bisherigen Staatsapparats überlebten. Die politische Spitze, die diese Menschen durch Ämter und Befehle miteinander verbunden hatte, war beseitigt.
Ein Sieg mit zwei Ansprüchen
Die Song schickten die Nachricht vom Untergang des alten Gegners nach Süden. Ihr Anteil am Sieg konnte am Hof als Vergeltung für die Niederlagen des 12. Jahrhunderts erscheinen. Der Kaiser und seine Ratgeber mussten nun aber entscheiden, wie weit sie ihre Truppen in die frei gewordenen Gebiete vorschieben wollten.

Noch 1234 versuchten Song-Armeen, Städte in Henan zu besetzen. Kaifeng und Luoyang besaßen als frühere Residenzen besondere Bedeutung. Ihr Besitz sollte sichtbar machen, dass die Song nach Norden zurückkehrten. Die Unternehmung litt jedoch unter Versorgungsproblemen und stieß auf mongolischen Widerstand. Die vorübergehenden Erfolge ließen sich nicht sichern.
Die Mongolen betrachteten die eroberten Gebiete als ihren eigenen Gewinn. Mit dem Tod des Jin-Kaisers war der Anlass zur Zusammenarbeit entfallen. Bald standen sich an den nördlichen Zugängen zum Song-Reich jene Heere gegenüber, die gemeinsam vor Caizhou gekämpft hatten.
Für die Bevölkerung Henans bedeutete der Dynastiewechsel zunächst weitere militärische Forderungen. Neue Befehlshaber verlangten Getreide und Arbeitskräfte in einem Land, dessen Städte bereits jahrelang belagert worden waren. Der Name der Jin verschwand aus den kaiserlichen Befehlen. Die Auseinandersetzung darüber, wer die Felder und ihre Erträge beherrschen würde, setzte sich fort
Zum Weiterlesen
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- Franke, H. & Twitchett, D. (1994): The Cambridge History of China, Vol. 06: Alien Regimes and Border States, 907-1368.*
- Weatherford, J. (2005): Genghis Khan and the Making of the Modern World.*
Bildnachweis
Titel: Krönung des Ögedei, 14. Jhdt.
Alle Bilder gemeinfrei.



