Dschingis Khans letzter Feldzug – Der Untergang der Tanguten

Die Chronik der Yuan-Dynastie – Folge 6

Dschingis Khan führte 1226 sein Heer gegen die Westlichen Xia. Die Städte dieses Reiches lagen an den Wegen zwischen der mongolischen Steppe und den Oasen im Westen. Seine Herrscher hatten dem Khan bereits früher nachgeben müssen. Nun wollte er ihnen die Möglichkeit nehmen, sich seiner Forderung nach militärischer Unterstützung erneut zu entziehen.

Der Feldzug traf ein Land, dessen bewässerte Felder und befestigte Städte den Mongolen vertraut waren. Ihr Angriff von 1209 hatte den Xia-Hof zur Unterordnung gezwungen. Die Hauptstadt und die Herrscherfamilie waren damals bestehen geblieben. Im Krieg von 1226 und 1227 stand auch ihr Fortbestand auf dem Spiel.

Ein Reich am Gelben Fluss

Die Westlichen Xia, auch Xi Xia genannt, waren von tangutischen Herrschern gegründet worden. Ihr Kernland lag im Gebiet des heutigen Ningxia und im angrenzenden Gansu. Um die Hauptstadt Zhongxing, das heutige Yinchuan, ermöglichten die Bewässerungsanlagen des Gelben Flusses ertragreiche Landwirtschaft. Weiter westlich kontrollierten die Xia wichtige Abschnitte des Hexi-Korridors, durch den die Wege nach Zentralasien führten.

Am Hof gab es eine eigene tangutische Schrift. Beamte führten Register und erhoben Abgaben; buddhistische Klöster ließen Texte übersetzen und vervielfältigen. Die Herrscher standen zwischen den mächtigen Nachbarn im Osten und den Verbänden der Steppe. Sie konnten mit ihren Städten den Warenverkehr schützen, mussten aber zugleich verhindern, dass ein Gegner diese Städte voneinander abschnitt.

Die Mongolen hatten beim Angriff von 1209 erfahren, welche Schwierigkeiten eine befestigte Hauptstadt bereitete. Ihr Versuch, Wasser gegen die Mauern zu lenken, war fehlgeschlagen. Dennoch war der Xia-Hof unter solchen Druck geraten, dass er sich dem Khan unterwarf. Die Unterordnung bedeutete vor allem, auf dessen Forderungen reagieren und im Krieg Unterstützung leisten zu müssen.

Die verweigerte Hilfe

Vor seinem Feldzug nach Zentralasien verlangte Dschingis Khan Truppen von den Xia. Der Hof verweigerte die geforderte Unterstützung. Die mongolische Überlieferung verbindet die Absage mit einer beleidigenden Antwort: Wenn der Khan einen Krieg nicht aus eigener Kraft führen könne, warum beanspruche er dann seinen Rang?

Solche überlieferten Reden lassen sich nicht wie ein Protokoll lesen. Sie machen aber deutlich, welchen Sinn die mongolischen Erzähler dem späteren Angriff gaben. Der Khan betrachtete die Verweigerung als Bruch einer Verpflichtung. Er hatte den Xia-Hof bestehen lassen und erwartete dafür Gefolgschaft.

Während er im Westen kämpfte, konnte er die Auseinandersetzung zurückstellen. Nach seiner Rückkehr gewannen die Verhältnisse an der chinesischen Grenze erneut an Gewicht. Die Xia waren zugleich in Beziehungen zur Jin-Dynastie eingebunden. Ein Herrscherhaus, das sich mongolischen Befehlen entzog und mit anderen Gegnern Verbindung hielt, gefährdete den Zugriff auf die eroberten Gebiete Nordchinas.

1226 marschierte Dschingis Khan deshalb selbst. Er überließ den Feldzug keinem entfernten Befehlshaber. Die Armee rückte gegen die westlichen Städte vor und näherte sich dem Kernland am Gelben Fluss.

Krieg gegen die Städte

Die Mongolen trennten befestigte Orte von ihrem Umland. Sie nahmen Vorräte an sich und verwüsteten die Gebiete, aus denen die Verteidiger Lebensmittel oder neue Kämpfer hätten erhalten können. Das traf auch Menschen, die hinter keiner Stadtmauer Schutz fanden.

Der Vormarsch wurde von Massakern begleitet. Den Herrschern der Xia sollte kein Raum bleiben, aus dem heraus sie den Widerstand wiederaufnehmen konnten. Mongolische Berichte über die Befehle des Khans stellen die Vernichtung des gegnerischen Herrscherhauses ausdrücklich in den Mittelpunkt. Ihre weitreichenden Aussagen über die Tötung ganzer Bevölkerungen dürfen dabei nicht als nachprüfbare Zählungen verstanden werden.

In den dicht bewässerten Gebieten um die Hauptstadt konzentrierten sich die Überlebenden und die verbliebenen Truppen. Zhongxing verfügte über Mauern und konnte weiter Widerstand leisten, während draußen bereits Felder verloren gingen. Für die Belagerer kam es darauf an, Nachschub zu verhindern und die Verteidiger auf Dauer zu erschöpfen.

Die Erfahrung aus den chinesischen Kriegen half den Mongolen. Sie waren inzwischen in der Lage, größere Belagerungen über längere Zeit durchzuführen. Gefangene und herangezogene Arbeitskräfte mussten für sie graben oder Material transportieren. Der Krieg gegen eine Stadt band damit weit mehr Menschen als die Kämpfer auf beiden Seiten der Mauer.

Der Khan stirbt im Feldlager

1227 starb Dschingis Khan während des Feldzugs. Seine letzte Krankheit und die genaue Todesursache lassen sich aus den verschiedenen Überlieferungen nicht sicher bestimmen. Die Geheime Geschichte der Mongolen berichtet von einem Sturz bei der Jagd und anschließender Erkrankung. Andere Erzählungen setzten später eigene Ursachen hinzu.

Die Nachrichten passen nicht in allen Einzelheiten zusammen. Sicher ist, dass die Armee den Feldzug nach seinem Tod fortsetzte. Die Heerführer standen vor zwei Aufgaben: Sie mussten die Belagerung zum Abschluss bringen und verhindern, dass die Nachricht vom Tod des Herrschers ihre Gegner zu neuem Widerstand ermutigte.

Der letzte Xia-Herrscher Li Xian ergab sich. Die Unterwerfung rettete ihm das Leben nicht. Er wurde getötet, ebenso Angehörige seines Hofes; die Hauptstadt erlitt schwere Zerstörungen. Die Zusage einer Kapitulation bot keinen verlässlichen Schutz, wenn die Sieger die Beseitigung des Herrscherhauses bereits beschlossen hatten.

Für die Menschen im Land endete damit die Herrschaft jener Dynastie, an deren Behörden und Abgaben ihre Dörfer über Generationen gebunden gewesen waren. Ein Teil der Bevölkerung war getötet oder verschleppt worden. Andere überlebten unter mongolischer Oberhoheit. Die politische Vernichtung des Xia-Reiches bedeutete daher nicht, dass alle Tanguten verschwanden. Ihre Sprache und ihre religiösen Überlieferungen bestanden auch unter den neuen Herren fort.

Tod des Dschingis Khan, Abbildung aus dem Buch des Marco Polo, zwischen 1410 und 1412

Eine Armee ohne ihren Gründer

Die Mongolen führten den Leichnam ihres Herrschers in die Steppe zurück. Für die führenden Familien war nun offen, wie die vereinbarte Nachfolge durchgesetzt werden sollte. Dschingis Khan hatte seinen Sohn Ögödei als Nachfolger vorgesehen. Dessen Anerkennung erforderte aber die Zustimmung der maßgeblichen Fürsten und Heerführer.

Zwischen dem Tod des Khans 1227 und der Erhebung Ögödeis 1229 lagen zwei Jahre. Das Reich zerfiel in dieser Zeit nicht. Die Kommandeure hielten ihre Truppen zusammen, während die Angehörigen der Herrscherfamilie über den nächsten Großkhan verhandelten. Die Verfügungsgewalt über eroberte Städte und ihre Einkünfte blieb dabei ebenso wichtig wie das Ansehen im Heer.

In den ehemaligen Xia-Gebieten mussten die neuen Machthaber mit dem Land weiterarbeiten, das ihre Armeen verwüstet hatten. Sie brauchten Bauern für die Bewässerungsfelder und Menschen, die Register führen konnten. Tangutische Fachleute gelangten in mongolische Dienste. Der Herrscher, der den Krieg befohlen hatte, war tot; die Städte und ihre überlebenden Bewohner wurden Teil der Aufgaben seiner Nachfolger.


Zum Weiterlesen

Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.

Bildnachweis

Titel: Wandgemälde zum Thema Belagerungskrieg, Dschingis-Khan-Ausstellung, Tech Museum San Jose, 2010. Wikimedia Commons, Bill Taroli. CC BY-SA 2.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

Schreibe einen Kommentar