Khubilai gegen Ariq Böke – Zwei Brüder beanspruchen den Thron

Khubilai versammelte seine Anhänger im Frühjahr 1260 in Kaiping, am Rand der mongolischen Steppe. Die anwesenden Fürsten und Heerführer erhoben ihn zum Großkhan. Sie trafen ihre Entscheidung, obwohl wichtige Angehörige des Herrscherhauses fehlten. Wenig später beanspruchte sein jüngerer Bruder Ariq Böke bei einer eigenen Versammlung in Karakorum denselben Titel. Das Mongolenreich hatte zwei Männer, die im Namen der gesamten Dynastie Befehle erteilen wollten.

Beide waren Söhne Toluis und Enkel Dschingis Khans. Beide konnten Unterstützer aus der Herrscherfamilie vorweisen. Der Streit ließ sich deshalb nicht durch einen einfachen Hinweis auf die Herkunft entscheiden. Wer sich durchsetzte, musste die Gefolgsleute des Bruders zum Überlaufen oder zur Unterwerfung bringen.

Der Tod Möngkes öffnet den Streit

Der junge Khubilai, 13. Jhdt.

Großkhan Möngke war 1259 während des Krieges gegen die südlichen Song gestorben. Seine Brüder befanden sich zu diesem Zeitpunkt an unterschiedlichen Schauplätzen. Khubilai führte ein Heer im chinesischen Raum. Ariq Böke hielt sich im mongolischen Kernland auf, wo wichtige Teile des Hofes und die Verbindungen zu den Fürsten zusammenliefen.

Die Erhebung eines Großkhans erforderte ein Khuriltai, eine Versammlung maßgeblicher Angehöriger des Herrscherhauses und ihrer Unterstützer. Eine feste Regel, nach der automatisch der älteste Sohn oder Bruder nachfolgte, bestand nicht. Frühere Entscheidungen und das Ansehen eines Kandidaten zählten; ebenso wichtig waren die Bereitschaft der Fürsten, zu erscheinen, und ihre Zustimmung.

Diese Praxis konnte einen neuen Herrscher breit absichern. In einer gespaltenen Familie konnte aber gerade das Fernbleiben wichtiger Gruppen die Gültigkeit einer Wahl in Frage stellen. Khubilai und Ariq Böke versuchten jeweils, das eigene Treffen als ausreichende Grundlage der Herrschaft durchzusetzen.

Zwei Machtbereiche

Khubilai hatte bereits vor Möngkes Tod im Norden Chinas regiert und Feldzüge geführt. Er verfügte dort über Berater und die Verbindung zu Heerführern, die sich seit Jahren auf chinesische Soldaten stützten. Aus den landwirtschaftlichen Gebieten konnten Lebensmittel und Einnahmen für seine Armee kommen.

Besondere Bedeutung gewann Yanjing im Raum des heutigen Peking. Khubilai sicherte die Stadt nach seiner Rückkehr aus dem Süden gegen die Vertreter seines Bruders. Von hier ließen sich Vorräte in Richtung Kaiping bringen. Seine Stellung an der Grenze von Ackerland und Steppe verband die Versorgung aus dem Süden mit den Wegen ins mongolische Kernland.

Ariq Böke, Malerei 1596

Ariq Böke konnte sich dagegen auf die alte Residenz Karakorum und Fürsten stützen, die dort ihre wichtigsten Verbindungen besaßen. Die Herden der Steppe versorgten Reiterheere, doch der Hof und größere Truppenansammlungen waren auch auf Lieferungen aus anderen Gebieten angewiesen. Eine Unterbrechung der Handels- und Versorgungswege konnte seine Stellung deshalb unmittelbar schwächen.

Der Krieg wurde später häufig als Kampf zwischen einem chinesisch geprägten Khubilai und einem Verteidiger reiner Steppentraditionen beschrieben. Tatsächlich verteilten sich mongolische Fürsten und ihre Interessen auf beide Seiten. Auch Ariq Böke versuchte, auf die Menschen und Einkünfte Nordchinas zuzugreifen. Beide Brüder kämpften um Ressourcen, die über ihr unmittelbares Aufenthaltsgebiet hinausreichten.

Der Krieg greift nach Zentralasien

Die Armeen trafen in und an der Steppe aufeinander. Siege konnten einen Gegner zurückwerfen, ohne dessen Gefolgschaft sofort aufzulösen. Ein unterlegener Verband wich aus, um seine Kräfte neu zu sammeln. Bei anderen Angehörigen der Dynastie suchte er dann Unterstützung.

Ariq Böke benötigte Nachschub aus Zentralasien. Er setzte deshalb auf Alghu aus dem Haus Tschagatais, der dort die Herrschaft übernehmen sollte. Alghu entwickelte jedoch eigene Interessen. Er geriet mit Ariq Böke in Streit und wandte sich Khubilai zu. Der Versuch, die eigene Stellung durch einen verbündeten Herrscher abzusichern, schuf einen weiteren Gegner.

Andere mongolische Fürsten führten zur gleichen Zeit eigene Kriege. Hülegü in Iran und Berke im Westen der Steppe gerieten miteinander in Konflikt. Ihre Auseinandersetzung folgte eigenen Ursachen, verband sich aber mit den unterschiedlichen Unterstützungen für die Großkhankandidaten. Der Tod Möngkes hatte damit keine einzelne Streitfrage eröffnet, die eine neue Versammlung rasch wieder schließen konnte.

Khubilai besaß unter diesen Bedingungen den Vorteil eines vergleichsweise verlässlichen Zugriffs auf Nordchina. Das machte seinen Sieg nicht unvermeidlich. 1262 erhob sich mit Li Tan ein wichtiger chinesischer Befehlshaber gegen ihn. Khubilai musste die Rebellion niederschlagen, während der Krieg gegen den Bruder noch lief.

Die Erfahrung zeigte ihm, wie gefährlich eigenständig gewordene Kommandeure waren. Wer Soldaten und örtliche Einnahmen kontrollierte, konnte dem Herrscher auch dann entgegentreten, wenn er bisher in dessen Namen gekämpft hatte. Der Bürgerkrieg machte die Frage nach der Aufsicht über solche Männer besonders dringlich.

Die Unterwerfung von 1264

Ariq Bökes Lage verschlechterte sich durch den Verlust von Unterstützern und die Schwierigkeiten der Versorgung. 1264 unterwarf er sich Khubilai. Der ältere Bruder war damit den Gegenkandidaten im mongolischen Kernland los und konnte den Großkhantitel von einer stärkeren Stellung aus führen.

Der Sieg stellte die Zusammenarbeit der gesamten Dynastie jedoch nicht in der Form wieder her, in der Möngke seine Brüder auf verschiedene Feldzüge geschickt hatte. Andere Herrscher verfügten über eigene Armeen und Verwaltungsgebiete. Sie konnten Khubilais Rang anerkennen und zugleich in ihren Ländern selbst entscheiden.

Für Khubilai folgte aus dem Krieg eine praktische Aufgabe. Er brauchte einen Hof, der seine mongolischen Anhänger band, und Behörden, die die Einnahmen aus China zuverlässig einziehen konnten. Er musste Heerführer belohnen und zugleich verhindern, dass sie ganze Regionen auf eigene Rechnung beherrschten.

Seine Residenz Kaiping erhielt den Namen Shangdu, die Obere Hauptstadt. Weiter südlich baute er im Gebiet von Yanjing eine zweite, wesentlich größere Hauptstadt auf. Zwischen beiden Orten sollte sich künftig sein Hof bewegen. Die Wege, auf denen im Bürgerkrieg Getreide und Soldaten nach Norden gebracht worden waren, wurden damit zu Verbindungen zwischen den wichtigsten Residenzen seiner Herrschaft.


Zum Weiterlesen

Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.

Bildnachweis

Titel: Shangdu. Wikimedia Commons, Flaumfeder. CC BY-SA 4.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

Schreibe einen Kommentar