
Raden Ajeng Kartini sitzt am Schreibtisch in ihrem Zimmer im Regierungsgebäude von Jepara. Vor ihr liegt ein Stapel europäischer Zeitschriften, darunter die De Hollandsche Lelie. Es ist das Jahr 1899, und die zwanzigjährige Tochter des Regenten schreibt mit konzentriertem Blick einen Brief in flüssigem Niederländisch an ihre Freundin Stella Zeehandelaar. „Ich brenne vor Verlangen, so frei zu sein wie die europäischen Mädchen“, vertraut sie dem Papier an, während draußen die strengen Regeln des javanischen Adels den Alltag bestimmen.
Das goldene Gefängnis des Adels
Die junge Frau wächst in einer Welt der extremen Gegensätze auf. Als Tochter von Raden Mas Adipati Aryo Sosroningrat genießt sie zwar die Privilegien der javanischen Oberschicht, ist aber gleichzeitig an deren starre Traditionen gebunden. Ihr Großvater gehörte zu jenen Regenten, die ihren Kindern eine westliche Erziehung ermöglichten. Dank dieser Haltung darf auch Kartini bis zu ihrem zwölften Lebensjahr die Europeesche Lagere School besuchen, wo sie die niederländische Sprache perfektioniert.
Doch mit dem Eintritt in die Pubertät endet die Freiheit abrupt. Gemäß der Sitte der Pingit wird sie im Haus ihrer Eltern eingesperrt, um auf eine arrangierte Ehe zu warten. In dieser Isolation wird das geschriebene Wort zu ihrem einzigen Ausweg. Sie liest alles, was sie über die sozialen Bewegungen in Europa erfahren kann: von Multatulis Sozialkritik in Max Havelaar bis hin zu feministischen Romanen ihrer Zeit.
Briefe als Waffe

Kartini begnügt sich nicht mit dem Lesen. Sie beginnt, Briefe an niederländische Freunde und Beamte zu schreiben. Einer ihrer wichtigsten Adressaten ist Jacques Abendanon, der Direktor des Departements für Unterricht, Kultus und Industrie. In diesen Korrespondenzen seziert sie die Unterdrückung ihrer Zeit. Sie kritisiert die Polygamie sowie den fehlenden Zugang zu Bildung für Frauen.
Für die junge Adlige ist die Befreiung der Frau eine notwendige Bedingung für das Vorankommen der gesamten javanischen Gesellschaft. Ihr Zorn auf dem Papier schlägt bald in Tatendrang um. Sie erkennt jedoch, dass ein offizielles Lehrerinnendiplom ihre Initiative institutionell absichern würde. Ein solcher Abschluss hätte ihre Autorität gegenüber der kolonialen Verwaltung und der javanischen Elite erheblich gestärkt.
Zwischen Studium und Tradition

Aus diesem Drang nach einer anerkannten Ausbildung entwickeln sich im Jahr 1903 konkrete Ambitionen. Lange Zeit hoffte Kartini auf ein Studium in den Niederlanden – ein Plan, der am Widerstand ihrer Familie und dem Zögern ihrer Mentoren scheiterte. Als Alternative bietet sich schließlich ein pädagogischer Kurs in Batavia an.
Die zuständige Stelle unter Abendanon hat die Türen für Kartini und ihre Schwester Rukmini bereits geöffnet, doch die Zwänge des Adels holen sie ein. Fast zeitgleich mit der Zusage erreicht sie der Heiratsantrag des Regenten von Rembang, K.R.M. Adipati Aryo Singgih Djojoadiningrat. Kartini beugte sich dem Druck und ging die Ehe am 8. November 1903 ein. Sie hoffte, ihre Ziele als Frau eines mächtigen Regenten schneller zu erreichen. In Rembang unterstützt ihr Ehemann sie schließlich dabei, ihren Plan zu verwirklichen: Sie eröffnet eine Schule für die Töchter einheimischer Beamter.
Tod und Legendenbildung
Das Wirken der Reformerin endet jäh. Am 13. September 1904 bringt Kartini ihren Sohn Soesalit zur Welt. Vier Tage nach der Entbindung, am 17. September 1904, stirbt sie im Alter von nur 25 Jahren.
Um ihren plötzlichen Tod ranken sich bis heute hartnäckige Gerüchte. Spätere nationalistische Erzählungen berichten von einem letzten Glas Wein mit ihrem Arzt, Dr. van Ravesten, nach dem sie das Bewusstsein verloren habe. Historiker ordnen diese Berichte heute als Verschwörungsmythen ein, da ihnen jede belegbare Grundlage fehlt. Mediziner vermuten eine Preeklampsie als natürliche Todesursache. Da damals keine Obduktion stattfand, bleibt eine letzte Gewissheit unmöglich.
Ein Erbe, das die Finsternis vertreibt

Nach ihrem Tod sammelt Jacques Abendanon ihre Briefe und veröffentlicht sie 1911 unter dem Titel Door Duisternis tot Licht (Durch Finsternis zum Licht). Die Wirkung ist enorm. In den Niederlanden findet sich ihr Name heute im Stadtbild von Orten wie Utrecht oder Amsterdam wieder. In Städten wie Haarlem liegen Straßen, die nach ihr und anderen indonesischen Akteuren wie Mohammed Hatta benannt sind, oft nah beieinander. Dies folgt meist der thematischen Gestaltung sogenannter indonesischer Viertel.
In ihrer Heimat erklärt die Regierung sie 1964 zur Nationalheldin. Ihr Geburtstag, der 21. April, ist heute als „Hari Kartini“ ein fester Gedenktag im indonesischen Kalender. Auch wenn ihr direktes Wirken geografisch auf Jepara und Rembang begrenzt blieb, bilden ihre Gedanken das Fundament für die moderne indonesische Frauenbewegung.
Zum Weiterlesen
Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.
Raden Ajeng Kartini, Multatuli Douws Dekker (2025): Door duisternis tot licht: Gedachten over en voor het Javaansche volk (Niederländisch).*
Hildred Geertz (1992): Letters of a Javanese Princess by Raden Adjeng Kartini .*
Bildnachweis
Titel: Ausschnitt eines Briefes von Kartini an Rosa Abendanon, 1903/04.
Kartini mit Schwestern: Wikimedia Commons, Collectie Stichting Nationaal Museum van Wereldculturen. CC BY-SA 3.0.
Kartini-Portrait: Wikimedia Commons, Collectie Stichting Nationaal Museum van Wereldculturen. CC BY-SA 3.0.
Alle anderen Bilder gemeinfrei.



