
Die Chronik der Yuan-Dynastie – Folge 1
Khabul Khan, der erste Herrscher, der die mongolischen Stämme zu einem lockeren Bund vereinte, saß am Tisch des Kaisers der Jin-Dynastie. Es war ein prachtvolles Bankett, doch die Stimmung kippte jäh. In einem Zustand schwerer Trunkenheit streckte Khabul plötzlich die Hand aus und packte den Kaiser am Bart – eine Geste unvorstellbarer Respektlosigkeit im zeremoniellen China des 12. Jahrhunderts.
Obwohl der Jin-Kaiser ihn zunächst ziehen ließ, bereute er die Nachsicht kurz darauf und entsandte Truppen, um Khabul gefangen zu nehmen. Khabul entkam, doch dieser Moment markierte den Beginn eines mörderischen Konflikts zwischen der aufstrebenden Steppenmacht im Norden und dem sesshaften Imperium im Süden.
Der hölzerne Esel
Die Rache vom Kaiserhof folgte Jahre später und traf mit Ambaghai Khan einen weiteren bedeutenden Anführer des mongolischen Stammesverbands. Ambaghai könnte Khabuls Nachfolger gewesen sein oder ein rivalisierender Anführer, der die Führung an sich riss; die Quellen geben hierzu keine eindeutige Antwort.
Klar belegt ist jedoch die Rolle der Tataren: Als mächtiger Stammesverband lieferten sie Ambaghai aus eigenem Antrieb an die Herrscher im Süden aus. In der Hauptstadt wurde Ambaghai ein qualvoller Tod bereitet: Er wurde an einen „hölzernen Esel“ genagelt – ein Folterinstrument, das zur Hinrichtung von Rebellen und Verrätern diente. Bevor er starb, gelang es ihm laut der Geheimen Geschichte der Mongolen, eine Nachricht an seine Verwandten zu schicken. Er forderte sie auf, seinen Tod zu rächen, bis ihnen die Nägel an den Fingern ausgingen. Unter jenen, die diesen Schwur hörten, war Jesügäi, der Vater des späteren Dschingis Khan.
Die Strategie der Grenzvölker

Die Jin-Dynastie trug den chinesischen Kaisertitel (Huangdi), doch ihre Herrscher waren selbst ein Volk aus dem Norden: die Jurchen. Sie stammten selbst aus der Waldsteppe und wussten daher genau, wie Macht, Loyalität und Verrat unter Nomaden funktionierten.
Um ihre Grenzen zu sichern, nutzte der Kaiserhof den bereits schwelenden Hass zwischen Tataren und Mongolen gezielt aus. Die Jurchen verstärkten bestehende Rivalitäten, indem sie Anführer mit offiziellen Ehrentiteln auszeichneten oder durch kostbare Geschenke bestachen. Zu dieser Zeit (um 1170) waren die Tataren der etabliertere Verband, der seine eigene Machtposition durch die Kooperation mit dem Reich festigte und die Mongolen unter Jesügäi als lästige Konkurrenten betrachtete.
Ein vergifteter Abschied
Inmitten dieser vom Kaiserhof befeuerten Fehden wurde Jesügäis Sohn Temüjin geboren. Die Geheime Geschichte der Mongolen berichtet von einer prophetischen Legende: Der Junge soll mit einem Blutklumpen in der geschlossenen Faust zur Welt gekommen sein – ein mythisches Bild für seine Zukunft als Krieger.
Das reale Schicksal der Familie entschied sich jedoch durch einen fatalen Irrtum. Als Jesügäi seinen Sohn zur Familie einer Braut begleitet hatte, suchte er auf dem Rückweg Schutz bei einer feiernden Gruppe Reisender. Er vertraute auf die heilige Pflicht der Gastfreundschaft, bemerkte jedoch zu spät, dass es Tataren waren. Einer von ihnen identifizierte Jesügäi, woraufhin die Gruppe Gift in sein Getränk mischte. Jesügäi erreichte sein Lager nur noch schwer krank und starb kurz darauf. Sein Tod ließ die brüchige Ordnung um seine Person kollabieren. Seine Gefolgsleute verließen seine Witwe Hö’elün und ihre Kinder noch am Grab. Temüjin blieb als Geächteter in der Wildnis zurück.
Wie dieser Geächtete zum Herrscher über die gesamte Steppe aufstieg, entscheidet sich erst viele Jahre später in den blutigen Machtkämpfen am Onon-Fluss.
Zum Weiterlesen
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- Franke, H. & Twitchett, D. (1994): The Cambridge History of China, Vol. 06: Alien Regimes and Border States, 907-1368.*
- Weatherford, J. (2005): Genghis Khan and the Making of the Modern World.*
Bildnachweis
Titel: Jin-Architektur. Shanxi Provincial Museum, Taiyuan, Architecture Gallery.
Kabul Khan, Wikimedia Commons, Enerelt, CC BY-SA 3.0.
Karte: Wikimedia Commons, Ian Kiu, CC BY-SA 3.0.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.



