Als 1757 bei Plassey in Bengalen ein britischer Händlerverband mit einigen tausend indischen Soldaten und einer kleinen Truppe unter Robert Clive ein übermächtiges Heer besiegte, war das mehr als ein Schlachtenglück. Es markierte den Moment, in dem die East India Company ihre Rolle veränderte: Aus einer Handelsgesellschaft wurde ein politischer Akteur mit territorialer Herrschaft.
Doch bis es soweit kam, war der Weg lang. Zwischen 1720 und 1765 bewegte sich die Company in einem komplexen Geflecht aus indischen Fürsten, zerfallender Mogulherrschaft und europäischer Konkurrenz.
Das Erbe des Mogulreichs
Das Mogulreich, seit dem 16. Jahrhundert die bestimmende Macht auf dem Subkontinent, verlor im 18. Jahrhundert zunehmend an Zusammenhalt. Lokale Gouverneure und Militärführer beanspruchten eigene Autonomie, während der Hof in Delhi kaum noch Autorität durchsetzen konnte. Für die East India Company bedeutete dies neue Chancen, aber auch Unsicherheit.
Die Händler, die bislang Handelsrechte und Zollvergünstigungen vom Mogulhof benötigten, konnten nun mit einzelnen Fürsten verhandeln. Gleichzeitig mussten sie lernen, sich in ein politisches System einzufügen, das von wechselnden Allianzen und militärischen Auseinandersetzungen bestimmt war.
Französische Konkurrenz

Besonders gefährlich war der Aufstieg der französischen Ostindien-Kompanie. Mit ihrem Stützpunkt in Pondicherry suchte sie seit den 1740er Jahren, das Machtvakuum in Südindien zu nutzen. Französische Offiziere wie Joseph François Dupleix versuchten, lokale Herrscher militärisch zu stützen und so den eigenen Einfluss auszuweiten.
Die Engländer mussten reagieren. In den sogenannten Karnatischen Kriegen kam es zu einer Reihe von Gefechten zwischen beiden Gesellschaften, die parallel zum europäischen Siebenjährigen Krieg standen. Hier zeigte sich erstmals, dass die East India Company bereit war, militärische Mittel systematisch einzusetzen.
Bengalens Reichtum

Das eigentliche Zentrum des Aufstiegs lag in Bengalen. Die Region war eine der wohlhabendsten Indiens, reich an Textilien und Agrarproduktion. Die Company hatte hier bereits Handelsfaktoreien errichtet, darunter Kalkutta. Als der Nawab1 von Bengalen versuchte, die englische Präsenz einzuschränken, eskalierte der Konflikt.
Die Schlacht bei Plassey im Juni 1757 brachte die Entscheidung. Mit Hilfe indischer Verbündeter und durch geschickte Diplomatie Clives zerbrach die Macht des Nawab. Die East India Company konnte die Einnahmen Bengalen weitgehend kontrollieren.
Vom Handel zur Herrschaft
Die Einnahmen aus Bengalen veränderten das Unternehmen grundlegend. Zum ersten Mal floss nicht nur Handelsgewinn nach London, sondern ein kontinuierlicher Strom von Steuern und Abgaben aus einem großen Territorium. Die Company wurde dadurch zu einer politischen Macht.
1765 erhielt sie vom Mogulkaiser formal die „Diwani“, das Recht, die Steuern in Bengalen, Bihar und Orissa einzuziehen. Diese Übertragung war der offizielle Beginn der territorialen Herrschaft. Aus einem Verband von Kaufleuten war ein Staat im Staat geworden.
Folgen für England und Indien
Die neuen Einnahmen stärkten die Position der Company in London, führten aber auch zu Kritik. Die Frage, ob ein privates Unternehmen ein Land regieren dürfe, wurde zum politischen Thema. Für Indien bedeutete der Machtwechsel einen tiefen Einschnitt: Ein auswärtiger Akteur bestimmte fortan über weite Teile der Steuerpolitik und über das Militär.
Zwischen 1720 und 1765 hatte sich die East India Company von einer Handelsgesellschaft, die um Privilegien feilschte, zu einem Herrschaftsträger entwickelt. Dieses neue Selbstverständnis sollte die weitere Geschichte Großbritanniens in Indien entscheidend bestimmen.
Zum Weiterlesen
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- K. N. Chaudhuri (2000): The English East India Company: The Study of an Early Joint-Stock Company 1600–1640 *
- John Keay (1993): The Honourable Company: A History of the English East India Company.*
Bildnachweis
Titel: Bewegliches Geschütz des Nawabs bei der Schlacht von Plassey.
Alle Bilder gemeinfrei.
Fußnoten
- Im Mogulreich bezeichnete das Wort ursprünglich einen Abgesandten des Kaisers oder einen Vizekönig. Später erhielt der Titel die Bedeutung „Provinzgouverneur“. ↩︎



