Händler, Häfen und Herrscher – Funan im Mekongdelta

Um die Mitte des 3. Jahrhunderts erreichten Zhu Ying und Kang Tai das Land am unteren Mekong. Der Herrscher des südchinesischen Reiches Wu hatte die beiden Männer über das Südchinesische Meer geschickt, um Kontakte zu den Ländern entlang der Handelswege nach Westen aufzunehmen. Ihr Ziel bezeichneten chinesische Schreiber als Funan.

Die ursprünglichen Aufzeichnungen der Gesandten sind verloren. Teile ihrer Berichte gelangten jedoch in spätere chinesische Geschichtswerke. Sie schildern ein wohlhabendes Land unter einem König. Die Bewohner betrieben Landwirtschaft, während Händler kostbare Waren in die Häfen brachten. Der Herrscher unterhielt einen Hof und empfing ausländische Besucher. Später schickten die Könige Funans eigene Gesandte nach China.

Zhu Ying und Kang Tai begegneten damit einer organisierten Gesellschaft, die bereits fest in den Handelsnetzen Südostasiens verankert war. Sie hatte sich in den Siedlungen des Mekongdeltas entwickelt, deren Bewohner Flüsse und künstliche Wasserwege nutzten. Der Seehandel erweiterte ihre Möglichkeiten. Kaufleute aus fernen Regionen fanden hier Abnehmer und Zwischenhändler. Lokale Herrscher konnten an diesen Begegnungen verdienen und ihre Stellung gegenüber konkurrierenden Zentren ausbauen.

Doch Funan ist vor allem ein Name, den Außenstehende überlieferten. Wie die Bewohner ihr Land selbst nannten, bleibt unbekannt.

Ein Reich aus chinesischer Sicht

Chinesische Geschichtsschreiber verwendeten Funan für ein Gebiet, das vermutlich weite Teile des heutigen südlichen Kambodschas und des vietnamesischen Mekongdeltas umfasste. Der Begriff war wahrscheinlich die lautliche Wiedergabe eines einheimischen Namens. Frühere Forscher brachten ihn mit dem altkhmerischen Wort vnam und dem heutigen phnom für Berg in Verbindung. Diese Herleitung bleibt umstritten.

Wie weit die Macht der einzelnen Herrscher reichte, lässt sich schwer bestimmen. Die chinesischen Texte ordneten fremde Gesellschaften nach vertrauten Kategorien. Ihre Verfasser suchten nach einem König und einem politischen Mittelpunkt. Weitere Orte erschienen als abhängige Gebiete. Dadurch wirkt Funan in den Berichten zeitweise wie ein geschlossenes Großreich.

Die archäologischen Funde zeichnen ein vielschichtigeres Bild. Im Delta lagen mehrere größere Zentren. Ihre Eliten tauschten Waren aus und gingen zeitweilige Bündnisse ein. Zugleich konkurrierten sie um den Zugang zu Handelswegen und Arbeitskräften.

Mehr als 300 Inschriften aus dem Mekongdelta sind für das 1. Jahrtausend bekannt. Der Name Funan fehlt in allen diesen Texten. Die meisten entstanden zudem erst im späten 5. oder im 6. Jahrhundert. Im Mittelpunkt stehen einzelne Herrscher und ihre religiösen Stiftungen.

Funan lässt sich daher am ehesten als chinesische Bezeichnung für mehrere eng verbundene Herrschaftszentren verstehen. Zeitweise konnte eines von ihnen die anderen überragen. Ein mächtiger König vermochte Handelswege zu sichern und Gefolgsleute an sich zu binden. Nach seinem Tod konnten sich die Kräfteverhältnisse erneut verschieben. Ob einzelne Zentren dauerhaft zu einem Bund zusammengeschlossen waren, lässt sich bisher nicht entscheiden.

Eine Landschaft aus Wasser

Das Mekongdelta bot seinen Bewohnern große Chancen und stellte sie zugleich vor erhebliche Aufgaben. Der Fluss teilte sich in zahlreiche Arme. Während der Regenzeit überschwemmte das Wasser weite Flächen und lagerte fruchtbaren Schlamm ab. Wege verwandelten sich in Wasserstraßen. In der Trockenzeit dörrten einzelne Gebiete aus. Wer hier dauerhaft siedeln wollte, musste den Wechsel des Wassers genau kennen.

Bereits mehrere Jahrhunderte vor der ersten Erwähnung Funans lebten Gemeinschaften im oberen Delta. Ausgrabungen in Angkor Borei im heutigen südlichen Kambodscha weisen eine Besiedlung seit etwa 500 v. Chr. nach. Keramik und Tierknochen geben Einblick in den Alltag der frühen Bewohner. Grabbeigaben zeigen zugleich, dass einzelne Menschen Zugang zu wertvollen Perlen und anderen Gegenständen aus entfernten Regionen besaßen.

Angkor Borei wuchs zu einem der größten Zentren des Deltas heran. Die befestigte Siedlung umfasste etwa 300 Hektar. Eine rund 4 Meter hohe Ziegelmauer schützte ihren Kern. Innerhalb des ummauerten Gebietes lagen künstliche Erhebungen und Teiche. Auch gemauerte Bauten sind dort nachgewiesen. Weitere Siedlungsspuren zogen sich über die unmittelbare Umgebung hinaus.

Flüsse und Kanäle verbanden Angkor Borei spätestens seit dem 3. Jahrhundert mit anderen Orten. Boote konnten Menschen und Waren durch das Delta befördern. Rund 70 Kilometer südlich lag Óc Eo, heute auf vietnamesischem Staatsgebiet. Ein künstlicher Wasserweg verband beide Zentren miteinander. Von Óc Eo führte ein etwa 20 Kilometer langer Kanal in Richtung der Küste am Golf von Thailand.

Der Bau solcher Anlagen erforderte viele Arbeitskräfte. Menschen mussten Trassen vermessen und Erde ausheben. Anschließend hielten sie die Ufer frei. Ein Herrscher, der diese Arbeiten organisierte, griff tief in das Leben der beteiligten Gemeinden ein. Zugleich schuf er Verbindungen, von denen Bauern und Kaufleute profitierten. Kanäle gehörten damit ebenso zur Grundlage politischer Macht wie bewaffnete Gefolgschaften.

Óc Eo und die Waren des Meeres

Viele dieser archäologischen Erkenntnisse wurden gewonnen als der Zweite Weltkrieg tobte. Der französische Ingenieur Pierre Paris erkannte auf Luftaufnahmen in den 1930er-Jahren lange, geradlinige Strukturen im Delta. Sie erwiesen sich als Reste alter Kanäle. Zur gleichen Zeit gelangten immer mehr wertvolle Fundstücke aus der Umgebung des Berges Ba Thê in Museen und private Sammlungen.

Ba Thê

1944 begann der Archäologe Louis Malleret mit systematischen Ausgrabungen in Óc Eo. Eine zweite Kampagne verhinderte die japanische Machtübernahme in Französisch-Indochina im März 1945. Malleret wertete jedoch die Ergebnisse seiner Grabungen aus und verband sie mit weiteren Erkundungen im Delta. Insgesamt dokumentierte er etwa 300 archäologische Fundorte und rund 1.300 Gegenstände.

Zu den Funden gehörten Keramik und Perlen. Hinzu kamen Statuen und Münzen. Auch geschnittene Schmucksteine waren darunter. Spätere Grabungen im Gebiet von Óc Eo und Ba Thê legten hölzerne Pfahlbauten frei. Einige der größeren Gebäude besaßen vermutlich Dächer aus gebrannten Ziegeln. Archäologen untersuchten außerdem Abschnitte der alten Kanäle und fanden Reste gemauerter Heiligtümer.

Zahlreiche Spuren weisen auf eine Verarbeitung von Rohstoffen und die Herstellung wertvoller Gegenstände im Delta hin. Óc Eo war also kein reiner Umschlagplatz. Handwerker bearbeiteten eingeführte Materialien und fertigten Waren für Kunden in der näheren Umgebung oder in weiter entfernten Siedlungen.

Einige Fundstücke weisen nach China, darunter ein Spiegel aus der Han-Zeit. Deutlich dichter waren die Verbindungen über den Indischen Ozean. Perlen und technische Verfahren zeigen Kontakte mit Südasien. Auch bestimmte Dachziegel und möglicherweise Teile der Stadtplanung folgten südasiatischen Vorbildern.

Besonders viel Aufmerksamkeit erhielten Münzen und Medaillons, deren Formen auf Indien oder noch weiter westlich gelegene Regionen verwiesen. Auch einige Schmuckstücke zeigten solche Einflüsse. Auf manchen Gegenständen erkannte man Darstellungen, die an Bildnisse römischer Kaiser erinnerten. Daraus entstand früh die Vorstellung, römische Kaufleute könnten bis nach Óc Eo gelangt sein.

Die Fundumstände mahnen zur Vorsicht. Malleret erwarb viele der wertvollsten Stücke von Händlern oder aus privaten Grabungen. Er bemühte sich, ihre Herkunft nachträglich zu klären, doch ein sicherer archäologischer Zusammenhang ließ sich dabei selten wiederherstellen. Die Gegenstände belegen weitreichende Verbindungen. Am wahrscheinlichsten gelangten Waren aus westlichen Regionen über mehrere Zwischenstationen und indische Häfen in das Mekongdelta.

Gerade diese Handelsketten machten Óc Eo wertvoll. Kaufleute konnten dort Erzeugnisse aus verschiedenen Regionen übernehmen und weitergeben. Die Bewohner des Deltas brachten zugleich eigene Rohstoffe in Umlauf. Auf diese Weise wurde der Hafen Teil eines Netzes, das den Indischen Ozean mit dem Südchinesischen Meer verband.

Vom Hafen zum Herrschaftszentrum

Die Seefahrt auf dem Indischen Ozean richtete sich nach den jahreszeitlich wechselnden Winden. Händler planten ihre Reisen entsprechend dem Monsun und nutzten Häfen als Etappenorte. Dort nahmen die Besatzungen Vorräte auf und suchten nach Geschäftspartnern für den nächsten Abschnitt.

Lokale Eliten konnten diese Bedürfnisse nutzen. Sie stellten Ankerplätze bereit und überwachten die Märkte. Abgaben auf Waren füllten ihre Vorräte. Kostbare Importstücke halfen ihnen, Gefolgsleute zu belohnen oder Beziehungen zu anderen Familien zu festigen.

Der Austausch veränderte zugleich die sichtbaren Formen von Herrschaft. Seit dem 2. und 3. Jahrhundert übernahmen die Bewohner des Deltas einzelne technische Verfahren und architektonische Vorbilder aus Südasien. Perlen und bestimmte Dachziegel zeigen diese frühen Kontakte. Auch rechtwinklig angelegte Siedlungsbereiche könnten auf solche Anregungen zurückgehen.

Buddha-Figur der Óc-Eo-Kultur

Deutlichere religiöse Zeugnisse erscheinen später. Seit dem späten 5. und dem 6. Jahrhundert ließen Herrscher Inschriften in Sanskrit anfertigen. Bildhauer schufen Statuen Vishnus, während kleine Goldbleche als religiöse Opfergaben dienten. Buddhistische Bilder und einzelne Inschriften belegen, dass auch buddhistische Gemeinschaften im Delta lebten.

Vor allem die Verehrung Vishnus gewann an den Höfen große Bedeutung. Sie verband die Ordnung des Universums mit der Stellung des Königs. Ein Herrscher konnte sich als irdischer Bewahrer einer von der Gottheit geschützten Ordnung darstellen. Religiöse Stiftungen machten diesen Anspruch an konkreten Orten sichtbar.

Ältere Darstellungen beschrieben den Wandel häufig als „Indianisierung“. Das Wort erweckt den Eindruck einer in sich geschlossenen Kultur, die von Indien nach Südostasien übertragen wurde. Die archäologischen Befunde zeigen jedoch eine lange einheimische Entwicklung. Bereits vor der Verbreitung von Sanskritinschriften bestanden größere Siedlungen und soziale Rangunterschiede. Die Bewohner des Deltas unterhielten außerdem eigene Handelsnetze.

Herrscher wählten aus den südasiatischen Anregungen jene Elemente aus, die ihren Anspruch stützten. Handwerker passten fremde Vorbilder an ihre Verfahren an. Kaufleute verbanden die neuen Kontakte mit älteren Wegen entlang des Mekong. Funan entstand deshalb aus lokalen Entwicklungen, die durch den Fernhandel zusätzliche Möglichkeiten erhielten.

Reis hinter den Hafenstädten

Óc Eo verdankte seinen Aufstieg zu einem erheblichen Teil dem Seehandel. Seine Bewohner blieben zugleich auf das Umland angewiesen. Kaufleute und Handwerker mussten ernährt werden. Schiffsbesatzungen benötigten Vorräte. Herrscher brauchten Reis, um Arbeiter und Gefolgsleute zu versorgen.

Chinesische Berichte heben die Fruchtbarkeit Funans hervor. Einer ihrer Verfasser behauptete, die Bewohner könnten einmal säen und anschließend 3 Jahre lang ernten. Andere Angaben sprechen von bis zu 3 Ernten im Jahr. Solche Formulierungen dürften den Reichtum des Landes übersteigern. Archäologische Funde bestätigen jedoch die große Bedeutung des Reisanbaus. Reisspelzen finden sich als Beimischung in Ziegeln und Keramik.

Viele kleinere Kanäle dienten wahrscheinlich der Entwässerung. Die Bewohner leiteten Wasser aus überschwemmten Flächen ab und gewannen dadurch neues Ackerland. Eine der frühen Sanskritinschriften aus dem sumpfigen Gebiet der sogenannten Ebene der Schilffelder erwähnt ausdrücklich Land, das dem Sumpf abgewonnen worden war.

Gold aus der Óc-Eo-Kultur

Größere Wasserwege erleichterten den Transport. Bauern konnten ihre Ernte per Boot zu den Städten bringen. Händler beförderten im Gegenzug Waren aus den Hafenplätzen in das Binnenland. Die Kanäle verbanden damit landwirtschaftliche Siedlungen und politische Zentren.

Die Macht der Herrscher stützte sich auf das Zusammenspiel von Meer und Binnenland. Der Golf von Thailand öffnete den Weg zu weit entfernten Märkten. Der Mekong erschloss Reisfelder und Siedlungen im Landesinneren. Wer diese Verkehrswege beeinflussen konnte, verfügte über Nahrung und begehrte Güter. Zugleich konnte er Arbeitskräfte für seine Vorhaben mobilisieren.

Die Gesandten des Königs

Zhu Ying und Kang Tai trafen in Funan auf einen Herrscher, dessen Einfluss weit genug reichte, um am chinesischen Hof Beachtung zu finden. In der späteren Überlieferung wirken manche Details ihrer Berichte formelhaft. Die Gesandtschaft selbst zeigt jedoch, dass die Eliten des Deltas als politische Partner auftraten.

Gesandter aus Funan zu Zeit der chinesischen Liang-Dynastie. Zeichnung aus der Tang-Dynastie, 937-976)

Seit der Mitte des 3. Jahrhunderts entsandten die Herrscher Funans wiederholt eigene Vertreter nach China. Eine solche Reise verlangte beträchtliche Mittel. Der König musste ein seetüchtiges Schiff bereitstellen und die Besatzung versorgen. Seine Abgesandten brachten Geschenke an den Hof und vertraten dort die Interessen ihres Auftraggebers.

Die überreichten Waren besaßen wirtschaftlichen Wert. Zugleich machte die Gesandtschaft den Rang des Absenders außerhalb des Mekongdeltas sichtbar. Kontakte zum chinesischen Hof eröffneten Zugang zu begehrten Gütern und diplomatischer Anerkennung. Ein König konnte beides nutzen, um seine Stellung gegenüber anderen Zentren im Delta zu stärken.

Funan trat damit in die schriftlich überlieferte Geschichte ein. Hinter dem chinesischen Namen standen befestigte Städte und landwirtschaftliche Gemeinden. Kanäle verbanden diese Orte mit dem Meer. Händler bewegten Waren über große Entfernungen, während lokale Herrscher versuchten, aus den Verkehrswegen dauerhafte Macht zu gewinnen.

Im 6. Jahrhundert beanspruchte König Rudravarman die Führung dieses Netzes. Er schickte Gesandte nach China und warb um Anerkennung, während im Inneren neue Herrschaftszentren erstarkten. Seine Bemühungen zeigen, wie wertvoll Funans Kontakte weiterhin waren – und wie unsicher die Vorrangstellung des Königs inzwischen geworden war.

Im Verlauf des 6. und 7. Jahrhunderts gewannen Herrscher weiter im Landesinneren an Macht; chinesische Berichte bezeichneten die aufsteigenden Herrschaftsgebiete als Chenla. Damit verlagerte sich der politische Schwerpunkt vom Delta nach Norden, während ältere Siedlungen und ihre Handelswege fortbestanden.


Zum Weiterlesen

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Higham, C. (2014): Early Mainland Southeast Asia: From First Humans to Angkor. Umfassende archäologische Darstellung der Vorgeschichte und der frühen Herrschaftsbildungen auf dem südostasiatischen Festland.

Higham, C. (2001): The Civilization of Angkor. Gut zugängliche Gesamtdarstellung, die Funan und die frühen Zentren des Mekongdeltas in die längere Entwicklung bis Angkor einordnet.

Bildnachweis

Titel: Archäologische Grabung Óc Eo, Wikimedia Commons, Bùi Thụy Đào Nguyên. CC BY-SA 3.0.

Karte: Abgewandelt nach Wikimedia Commons, Emmanuel de Chambost.

Ba Thê: Wikimedia Commons, Kattigara. CC BY-SA 3.0.

Gesandter Funan: Wikimedia Commons, Glowinthedark. CC BY-SA 4.0.

Karte Óc Eo und Angkor Borei: Wikimedia Commons, École française d’Extrême-Orient. CC BY-SA 3.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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