Die Briten marschieren nach Lhasa

Khamba Dzong, Aufnahme von John Claude White, 1904.

Am 31. März 1904 trafen bei Guru tibetische Verteidiger auf die Truppen einer britischen Mission. Deren Leiter Francis Younghusband wollte die Tibeter entwaffnen lassen. Aus dem angespannten Gegenüber wurde ein Schusswechsel, in dem Gewehre und Maschinengewehre auf britischer Seite eine verheerende Wirkung entfalteten. Auch fliehende Tibeter gerieten unter Feuer.

Die britischen Offiziere berichteten später unterschiedlich über den Beginn der Schießerei. Der Ausgang war eindeutig: Die tibetische Truppe erlitt schwere Verluste, während die Angreifer ihren Vormarsch fortsetzen konnten. Eine Unternehmung, die als Mittel zur Aufnahme von Verhandlungen begonnen hatte, führte damit über ein Massaker auf dem Weg nach Lhasa.

Die Furcht vor Russland

Hinter der Mission stand Lord Curzon, der Vizekönig von Britisch-Indien. Er wollte an der Nordgrenze seines Herrschaftsgebiets verhindern, dass Russland Einfluss gewann. Tibet war für ihn deshalb ein Raum, dessen Außenbeziehungen die Sicherheit Indiens berührten. Briefe an den dreizehnten Dalai Lama, Thubten Gyatso, waren unbeantwortet oder ungeöffnet zurückgekommen.

Besonders beunruhigten Curzon die Reisen Agvan Dorjievs nach Russland. Der buddhistische Geistliche stammte aus dem russischen Herrschaftsgebiet und gehörte zu den Vertrauten des Dalai Lama. Dieser suchte über ihn Unterstützung, um weniger abhängig vom Qing-Reich zu sein. Am britischen Hof in Indien verdichteten sich Nachrichten über solche Kontakte zur Vorstellung einer bevorstehenden russisch-tibetischen Verbindung.

Das war eine weitergehende Schlussfolgerung, als die tatsächlichen Zusagen des Zaren rechtfertigten. Aus Empfängen und Gesprächen war kein verlässliches militärisches Schutzversprechen geworden. Gerüchte über russische Waffen in Tibet verstärkten dennoch die britische Bereitschaft zum Eingreifen. Was britische Beamte befürchteten, wurde in ihren Berichten zunehmend als vorhandene Gefahr behandelt.

Die Regierung in London sah ein neues militärisches Unternehmen zunächst zurückhaltend. Curzon musste für seine Forderungen werben und sie als begrenztes Vorgehen darstellen. Der Einsatz sollte Verhandlungen ermöglichen und Probleme an der Grenze regeln. Den Tibetern erschien dagegen schon der bewaffnete Grenzübertritt als ein Vorgang, dessen Richtung sich kaum allein durch solche Versicherungen begrenzen ließ.

Verhandlungen hinter der Grenze

1903 führte Younghusband eine erste Mission nach Khamba Dzong auf tibetischem Gebiet. Tibetische Vertreter verlangten, dass sie sich zunächst hinter die Grenze nach Sikkim zurückzog. Die britische Seite wollte erst über die offenen Fragen sprechen. So standen sich Forderungen gegenüber, von denen jede die Vorleistung der anderen Seite verlangte.

Auch ein Vertreter des Qing-Kaisers konnte die Lage kaum lösen. Obwohl der Qing-Hof Oberrechte über Tibet beanspruchte, fehlten seinem Beauftragten die Mittel, die Regierung in Lhasa zur gewünschten Verhandlung zu bewegen. Für Curzon bestätigte die Blockade die Vorstellung, nur unmittelbarer Druck könne Ergebnisse bringen. Für die tibetische Führung schien Abwarten dagegen zunächst geeignet, die begrenzte Mission zum Rückzug zu veranlassen.

Francis Younghusband, Gemälde von William Quiller Orchardson.
Francis Younghusband, Gemälde von William Quiller Orchardson.

Im Winter 1903 rückte Younghusband mit einer stärkeren Streitmacht wieder vor. Der militärische Befehl lag bei General James Macdonald. Große Teile der Soldaten stammten aus Britisch-Indien, darunter Gurkha- und Sikh-Einheiten. Träger und Transporttiere mussten den Nachschub durch ein Gebiet bringen, in dem sich eine Armee kaum allein aus örtlichen Vorräten versorgen konnte.

Das Ziel wurde nun Gyantse, eine wichtige Station auf dem Weg nach Lhasa. Die Ausweitung des Auftrags ließ weitere Schritte möglich erscheinen, ohne dass damit von Anfang an ein unbeschränkter Feldzug genehmigt gewesen wäre. Younghusband drängte immer wieder auf größere Handlungsmöglichkeiten. Die Entfernung zwischen dem Ort der Entscheidungen und den britischen Regierungsstellen erleichterte eine solche Ausweitung in Etappen.

Die Entscheidung bei Guru

In Lhasa stritten führende Amtsträger über die Reaktion. Der erfahrene Minister Shatra befürwortete eine Verständigung. Andere hielten militärischen Widerstand für möglich und lehnten Gespräche unter dem Druck einer auswärtigen Armee ab. Die Gegner eines Ausgleichs setzten sich durch; führende Mitglieder der bisherigen Regierung wurden abgelöst.

Die tibetischen Soldaten hatten damit eine Aufgabe, für die ihre Ausrüstung kaum ausreichte. Sie verfügten über ältere Feuerwaffen und kämpften gegen Truppen, die moderne Gewehre sowie Maschinengewehre einsetzen konnten. Die technische Überlegenheit der Angreifer ließ sich durch die Wahl einer einfachen Sperrstellung kaum ausgleichen. Trotzdem sollte der Vormarsch aufgehalten werden.

Bei Guru trafen die Truppen an einer von den Tibetern angelegten Mauer aufeinander. Beide Seiten erklärten, den ersten Schuss vermeiden zu wollen, gaben aber ihre Stellung nicht auf. Als die britische Seite zur Entwaffnung überging, gerieten die Soldaten unmittelbar aneinander. Über den einzelnen Schuss, der das Feuer auslöste, entstanden widersprüchliche Berichte und Rechtfertigungen.

Die folgende Gewalt traf eine dicht beieinanderstehende tibetische Truppe. Augenzeugen der britischen Mission beschrieben, dass ihre Gegner sich unter Feuer zurückzogen und über große Entfernungen getroffen werden konnten. Diese Beobachtungen widerlegen die Vorstellung eines ausgeglichenen Gefechts. Der Versuch, die Expedition aufzuhalten, endete für die Verteidiger in einer Niederlage, die den britischen Weg nach Gyantse öffnete.

Eine Festung und die Hauptstadt

In Gyantse folgten weitere Kämpfe. Die Festung über der Stadt bot den Verteidigern einen stärkeren Platz als die Stellung bei Guru. Sie konnte unter Artilleriebeschuss und dem anschließenden Angriff jedoch ebenfalls nicht gehalten werden. Im Juli 1904 nahmen die britischen Truppen den befestigten Hügel ein.

Britische Karte der Kämpfe bei Gyantse 1904, veröffentlicht 1907.
Britische Karte der Kämpfe bei Gyantse 1904, veröffentlicht 1907.

Younghusband hatte inzwischen die Erlaubnis zum weiteren Vormarsch nach Lhasa erhalten. Die tibetische Führung musste erkennen, dass die Mission trotz ihrer Verluste und langen Nachschubwege weiterziehen konnte. Einverständnis zu Gesprächen kam nun spät. Wer den Gegner so lange durch die Verweigerung von Verhandlungen hatte begrenzen wollen, verfügte nach den militärischen Niederlagen über weniger Mittel, die Bedingungen selbst festzulegen.

Der Dalai Lama entschied sich zur Flucht nach Norden. Er hinterließ die erforderlichen Amtssiegel und übertrug Vertretern die Fortführung der Geschäfte. Ende Juli verließ er Lhasa in Richtung Mongolei. Seine Abreise bewahrte ihn vor dem unmittelbaren Zugriff der eintreffenden Armee, entzog ihn aber zugleich den Verhandlungen, die unter deren Druck geführt wurden.

Im August erreichten die britischen Truppen die Stadt. Die befürchtete russische Militärpräsenz fanden sie dort nicht. Younghusband konnte die Einnahme Lhasas als Erfolg darstellen; die Annahmen, mit denen der Vormarsch begründet worden war, hatten sich damit aber kaum bestätigt. Vor ihm standen nun tibetische Amtsträger, die unter der Anwesenheit seiner Soldaten über ein Abkommen entscheiden mussten.

Der Vertrag von Lhasa

Am 7. September 1904 unterzeichneten tibetische Vertreter und Younghusband eine Vereinbarung. Sie sollte den Handel erleichtern und britische Einflussmöglichkeiten sichern. Dazu gehörte die Öffnung von Handelsplätzen, darunter Gyantse. Zugleich schränkten Bestimmungen über Beziehungen zu anderen Mächten den außenpolitischen Spielraum der tibetischen Regierung ein.

Eine hohe Entschädigung sollte die Kosten des Unternehmens ausgleichen. Bis zu ihrer Begleichung sah Younghusband die Besetzung des Chumbi-Tals vor. Die Laufzeit dieser Regelung hätte eine sehr lange britische Präsenz ermöglicht. Der Umfang der Forderungen ging weit über den begrenzten Verhandlungsauftrag hinaus, mit dem die Mission begonnen hatte.

Die tibetischen Unterzeichner hatten nach der Niederlage ihrer Armee wenig Verhandlungsspielraum. Ihr Dalai Lama war geflohen und konnte sie vor dem Zugriff der Besatzer in der Hauptstadt nicht schützen. Eine Fortsetzung der Verweigerung versprach unter diesen Bedingungen vor allem weiteren militärischen Druck. Ihre Zustimmung erhielt der Vertrag deshalb in einer Lage, die durch die vorausgegangene Gewalt geschaffen worden war.

London begrenzt den Erfolg

Die britische Regierung übernahm Younghusbands Bedingungen jedoch keineswegs unverändert. Sie wollte eine dauerhafte militärische Verwicklung vermeiden. Die Entschädigung wurde reduziert und die vorgesehene Besatzungszeit verkürzt. Der lokale Sieger musste damit erfahren, dass seine Vorgesetzten den erreichten Einfluss anders bewerteten als er selbst.

1906 regelten Großbritannien und das Qing-Reich die Beziehungen in einer weiteren Vereinbarung. Der Qing-Hof übernahm Verpflichtungen aus dem Vertrag von Lhasa; Großbritannien versicherte, Tibet nicht zu annektieren. Eine tibetische Delegation bestimmte die Bedingungen dieser neuerlichen Verständigung nicht mit. Die Expedition hatte die Regierung in Lhasa zu direkten Zugeständnissen gezwungen und anschließend die Bedeutung des Qing-Hofes als Verhandlungspartner wieder erhöht.

Vor Ort blieben britische Handelsvertreter und neue Verbindungen über die Grenze bestehen. Der Dalai Lama hielt sich weiterhin außerhalb Lhasas auf. Die Armee, die eine vermeintliche russische Einmischung hatte abwehren sollen, war abgezogen; über die daraus entstandenen Ansprüche verhandelten nun auch die Regierung in London und der Kaiserhof in Peking miteinander.


Zum Weiterlesen

Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.

van Schaik, S. (2011): Tibet: A History*. Untersucht die Annahmen hinter der britischen Mission und schildert ihren Übergang zum militärischen Vormarsch.

Goldstein, M. C. (1991): A History of Modern Tibet, 1913–1951: The Demise of the Lamaist State*. Erläutert die Vorgeschichte tibetischer Außenpolitik und dokumentiert die Verträge mit Großbritannien.

Bildnachweis

Titel: Khamba Dzong, Aufnahme von John Claude White, 1904. Wikimedia Commons, John Claude White; digitale Restaurierung: ralph repo. Gemeinfrei.

Abbildung: Francis Younghusband, Gemälde von William Quiller Orchardson. Wikimedia Commons, William Quiller Orchardson. Gemeinfrei.

Abbildung: Britische Karte der Kämpfe bei Gyantse 1904, veröffentlicht 1907. Wikimedia Commons, compiled by the Intelligence Branch, Division of Army Chief of Staff, Army Headquarters, India. Gemeinfrei.

Schreibe einen Kommentar