Die Chronik der Yuan-Dynastie – Folge 5
Der Gouverneur von Otrar ließ 1218 die Kaufleute einer Karawane festnehmen. Sie kamen aus dem Herrschaftsgebiet Dschingis Khans und führten Waren mit sich, deren Verkauf den Austausch zwischen den Mongolen und dem Reich von Choresm erweitern sollte. Inalchuq, der die Grenzstadt für den Schah verwaltete, beschuldigte die Reisenden der Spionage. Er beschlagnahmte ihre Güter und ließ sie töten. Ein Streit über eine Karawane wurde damit zur Angelegenheit zweier Herrscher, die sich gerade erst als Nachbarn gegenübergetreten waren.
Otrar lag im heutigen Südkasachstan, nahe dem Syrdarja. Hier trafen Wege aus der Steppe auf die Verbindungen zu den großen Städten Zentralasiens. Wer die Stadt beherrschte, konnte den Handel überwachen und Abgaben erheben. Ihr Gouverneur entschied zugleich darüber, welche Nachrichten und Menschen die Grenze passieren durften.
Ein neuer Nachbar im Osten
Der Schah von Choresm, Muhammad, hatte sein Reich weit über das ursprüngliche Gebiet am unteren Amudarja hinaus ausgedehnt. Zu seinen wichtigsten Besitzungen gehörten Buchara und Samarkand. Seine Soldaten kontrollierten damit Städte, deren Kaufleute an den Fernverbindungen durch Zentralasien verdienten.
Dschingis Khan war inzwischen ebenfalls über seine bisherigen Grenzen hinaus vorgedrungen. Seine Truppen hatten 1215 die Jin-Hauptstadt Zhongdu im heutigen Peking eingenommen. Der Krieg in Nordchina ging jedoch weiter. Der Khan konnte dort auf den Feldherrn Muqali zurückgreifen, während er seine eigene Aufmerksamkeit zunehmend nach Westen richtete.
1218 beseitigten mongolische Truppen die Herrschaft des Naiman-Fürsten Küchlüg im Gebiet des früheren Reiches der Kara-Kitai. Damit rückten die Mongolen unmittelbar an die Besitzungen Muhammads heran. Händler vermittelten zwischen den neuen Nachbarn. Sie kannten die Wege und konnten unterwegs Nachrichten über Truppenbewegungen sammeln. Handel und Informationsbeschaffung waren deshalb schwer voneinander zu trennen.
Die Karawane nach Otrar reiste mit Unterstützung Dschingis Khans. Die Kaufleute waren überwiegend Muslime; ihre Herkunft aus dem mongolischen Machtbereich machte sie für den Gouverneur dennoch verdächtig. Ob Inalchuq den tödlichen Befehl aus eigener Initiative gab oder mit vorheriger Zustimmung des Schahs handelte, lässt sich aus den Berichten nicht eindeutig entscheiden. Muhammad übernahm jedenfalls die Verantwortung dafür, dass der Konflikt ungelöst blieb.
Eine Forderung wird zurückgewiesen
Dschingis Khan verlangte Genugtuung und die Auslieferung des Gouverneurs. Muhammad kam der Forderung nicht nach. Die muslimische Geschichtsschreibung berichtet außerdem, dass der Schah einen Gesandten des Khans töten ließ und dessen Begleiter misshandelte.
Die Zurückweisung traf den Khan als Herrscher. Er hatte den Kaufleuten Schutz gewährt und beanspruchte, dass seine Boten unversehrt verhandeln konnten. Gab er nach, verlor seine Zusicherung gegenüber anderen Reisenden und unterworfenen Fürsten an Gewicht. Auf der Gegenseite verlangte er von Muhammad, einen eigenen Amtsträger einem fremden Herrscher auszuliefern. Beide Seiten verbanden die Frage der Entschädigung mit ihrem Rang.
Ob Dschingis Khan von Beginn an das gesamte Reich erobern wollte, bleibt ungewiss. Der Angriff auf die Händler und das Scheitern der Gesandtschaft boten ihm jedoch einen Anlass, seine Armeen gegen das mächtige Reich Muhammads zu führen. 1219 setzte er den Feldzug in Gang.
Der Schah verteilt seine Truppen
Muhammad stellte sich den Mongolen nicht mit einem vereinten Heer in einer großen Feldschlacht. Er verteilte erhebliche Teile seiner Streitkräfte auf die befestigten Städte. Ihre Mauern sollten den Vormarsch aufhalten, während die Angreifer in einem weiten, ihnen fremden Land an Versorgung und Belagerungen scheiterten.
Diese Entscheidung gab den Garnisonen Schutz, erschwerte aber ihr Zusammenwirken. Dschingis Khan führte ein Heer, das im Krieg gegen die Reiche Nordchinas gelernt hatte, befestigte Orte anzugreifen. Er verfügte über Mannschaften für Belagerungsarbeiten und konnte Handwerker aus eroberten Gebieten einsetzen.
Vor Otrar ließ er Truppen unter seinen Söhnen zurück. Die Verteidiger hielten über Monate stand. Während sie auf die Angreifer vor ihren Mauern blickten, zog der Khan mit einem anderen Teil seines Heeres tiefer in Muhammads Reich. Der Gouverneur hatte einen Krieg ausgelöst, dessen Verlauf sich längst nicht mehr an seiner Grenzstadt entschied.

Der Weg nach Buchara
1220 erreichte Dschingis Khan Buchara nach einem Marsch durch das Gebiet der Kysylkum-Wüste. Die Mongolen standen damit weit hinter der Grenze, deren Festungen der Schah hatte besetzen lassen. Buchara fiel; anschließend wandten sich die Angreifer gegen Samarkand.
Die Verteidiger konnten sich gegenseitig kaum noch helfen. Der Schah wich weiter nach Westen aus, verfolgt von mongolischen Verbänden. Die Einwohner der eroberten Städte mussten ihre Waffen abgeben und den Befehlen der Sieger folgen; manche wurden getötet oder verschleppt. Die Mongolen sonderten Handwerker aus, die sie für ihre eigenen Werkstätten oder weitere Belagerungen benötigten. Sie zwangen auch andere Bewohner zur Arbeit und zogen Arbeitskräfte aus den Städten für neue Kriegszüge ab.
Die Berichte über die Eroberungen nennen häufig gewaltige Opferzahlen, die sich nicht zuverlässig nachrechnen lassen. Auch ohne verlässliche Opferzahlen lassen sich die Folgen für das Leben in den Städten erkennen: Häuser wurden geplündert und Einwohner auseinandergerissen. Selbst eine Stadt, die ihre Tore öffnete, konnte nicht darauf vertrauen, dass ihre Bewohner unbehelligt blieben.
Auch Otrar fiel. Inalchuq wurde getötet. Über seine letzten Stunden kursierten später besonders grausame Erzählungen. Für den Verlauf des Krieges war entscheidend, dass der Gouverneur seine Stadt nicht hatte halten können und der Schah bereits die Kontrolle über die wichtigsten Zentren verlor.
Ein Reich ohne seinen Herrscher
Muhammad floh bis an das Kaspische Meer und starb auf einer Insel. Sein Sohn Dschalal ad-Din führte den Widerstand fort. 1221 kämpften mongolische Truppen bereits weit südlich detherr Städte, um die es zu Beginn des Feldzugs gegangen war. Dschingis Khan besiegte Dschalal ad-Din am Indus; der Prinz entkam über den Fluss.
Der Krieg ging nach dem Tod des Schahs weiter; auch die Einnahme einer einzelnen Hauptstadt hatte ihn nicht beendet. Ehemalige Befehlshaber und Angehörige seiner Familie suchten neue Stützpunkte, während die Mongolen besetzte Gebiete sichern mussten. Zur gleichen Zeit führten ihre Truppen den Krieg in Nordchina fort. Nachrichten und Befehle hatten nun Entfernungen zu überwinden, die von den chinesischen Grenzgebieten bis in die Länder westlich des Amudarja reichten.
Die Händlerwege, an denen Otrar gelegen hatte, verbanden fortan vielfach Gebiete unter mongolischer Oberhoheit. Für die Überlebenden blieb zunächst die Aufgabe, ihre Werkstätten wieder zu öffnen und die Felder um die zerstörten Städte neu zu bestellen.
Zum Weiterlesen
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- Franke, H. & Twitchett, D. (1994): The Cambridge History of China, Vol. 06: Alien Regimes and Border States, 907-1368.*
- Weatherford, J. (2005): Genghis Khan and the Making of the Modern World.*
Bildnachweis
Titel: Archäologische Stätte Otrar. Wikimedia Commons, Mikhail Gurulev (Михаил Гурулев). CC BY-SA 4.0.
Karte: Nach Wikimedia Commons, Ktrinko. CC BY-SA 4.0.



