Ein Dorf auf Pfählen – Hemudu und die Anfänge des Reisanbaus

Im feuchten Boden lagen Pfosten und Balken. Manche besaßen Zapfen, andere passende Aussparungen. Die Teile waren so zugeschnitten, dass sie ineinandergriffen. Daneben kamen Reisreste und Geräte aus Knochen zum Vorschein. Selbst eine kleine rot lackierte Holzschale hatte sich erhalten.

Die Funde stammen aus Hemudu im heutigen Zhejiang, südlich der Hangzhou-Bucht. Die nach diesem Ort benannte Kultur wird gewöhnlich ungefähr zwischen 5000 und 3300 v. Chr. eingeordnet. Von ihren Bewohnern sind weder Namen noch Erzählungen überliefert. Der wassergesättigte Boden bewahrte jedoch Materialien, die an anderen Orten längst vergangen waren. Dadurch wird ein Dorfleben sichtbar, das sich deutlich von den Hirsesiedlungen weiter im Norden unterschied.

Hemudu-Diorama, Field Museum, Chicago

Häuser über feuchtem Grund

Hemudu lag in einer Landschaft aus Flussarmen und sumpfigen Gewässern. Der Untergrund war feucht und wurde zeitweise überflutet. Die Bewohner passten ihre Häuser daran an. Sie setzten Pfosten in den Boden und legten darüber hölzerne Böden. Teile der Gebäude erhoben sich vermutlich auf Plattformen über dem nassen Gelände.

Die erhaltenen Hölzer zeigen, dass diese Bauweise mehr verlangte als das Aufstellen einiger Stämme. Bauleute bearbeiteten Pfosten und Balken so, dass Zapfen in sorgfältig herausgearbeitete Löcher passten. Solche Verbindungen hielten Bauteile ohne Nägel zusammen. Auch Bretter und Leitern blieben erhalten.

Wie die vollständigen Häuser aussahen, lässt sich nur annähernd rekonstruieren. Die Pfostenstellungen und Bauteile stammen offenbar aus verschiedenartigen größeren Holzkonstruktionen. Die Bewohner planten sie sorgfältig. Passende Stücke mussten vorbereitet und gemeinsam zusammengesetzt werden. Dafür brauchten sie erfahrene Handwerker und genügend Arbeitskräfte.

Diese Bedingungen waren später ein Glücksfall für die Archäologie. Während an vielen Fundorten nur Stein und Keramik überdauern, blieben hier auch Holz und Reste pflanzlicher Nahrung erhalten – Dinge, die im Alltag vermutlich ebenso wichtig waren.

Reis in einem langen Übergang

Besonders bekannt wurde Hemudu durch große Mengen verkohlter oder wassergesättigter Reisreste. Körner und Spelzen zeigen, dass die Pflanze regelmäßig verarbeitet wurde. Auch in der Keramik hinterließ Reis seine Abdrücke. Am nahe gelegenen Fundplatz Tianluoshan, der zur Hemudu-Kultur gehört, kamen ebenfalls zahlreiche Reste zum Vorschein.

Die Bewohner bauten Reis an. Auf ihren Feldern wuchs jedoch noch eine Mischung, in der viele Pflanzen Merkmale wilden Reises besaßen. Bei wildem Reis lösen sich reife Körner leicht von der Pflanze und fallen zu Boden. Menschen, die solche Pflanzen abernten, verlieren deshalb einen Teil der Körner. Bleiben die Körner dagegen an der Rispe, lassen sie sich gezielter einsammeln. Durch wiederholte Aussaat der geernteten Körner verbreitete sich dieses Merkmal allmählich.

Untersuchungen aus Tianluoshan machen das Ausmaß dieses Übergangs greifbar. Die Veränderung verlief über viele Generationen. Menschen legten Felder an und jäteten unerwünschte Pflanzen. Durch Ernte und Aussaat beeinflussten sie zugleich die nächste Ernte. Dennoch blieb die Grenze zwischen gesammeltem und angebautem Reis durchlässig.

Auch die Ernährung hing nicht allein vom Reis ab. Die Bewohner fingen Fische und jagten in den umliegenden Feuchtgebieten. Knochen von Schweinen belegen Tierhaltung, während Wildtiere weiterhin einen großen Teil der Fleischversorgung stellten. Nüsse und essbare Wasserpflanzen ergänzten die Nahrung. Der Reisanbau gehörte damit zu einer vielseitigen Nutzung der Landschaft.

Geräte für Feld und Wasser

Spaten aus Knochen mit Rattan aus Hemedu

Für die Arbeit im feuchten Boden fertigten die Menschen besondere Geräte. Schulterblätter großer Tiere wurden geglättet und durchbohrt, damit sie an hölzernen Schäften befestigt werden konnten. Solche Knochengeräte werden häufig als Spaten oder Hacken gedeutet. Ob jedes Exemplar tatsächlich auf einem Reisfeld eingesetzt wurde, bleibt offen. Ihre Form eignet sich jedoch für Arbeiten in weichem Boden.

Holz bot weitere Möglichkeiten. Erhalten blieben Griffe und Paddel. Aus Knochen entstanden feine Nadeln sowie Werkzeuge zum Fischen. Steinbeile dienten dazu, Holz zu fällen und zuzurichten. Die verschiedenen Werkstoffe ergänzten einander: Eine geschliffene Schneide konnte mit einem hölzernen Schaft verbunden werden, ein Knochenblatt mit einem Griff.

Auch die Keramik verweist auf den Umgang mit Pflanzen. Töpfer mischten teilweise Reisspelzen und andere pflanzliche Bestandteile in den Ton. Beim Brennen verkohlten diese Beimengungen weitgehend und färbten die Gefäße schwarz. Die organische Magerung machte den Scherben zugleich leichter und poröser. Darin blieben winzige Abdrücke der Pflanzen erhalten, die im Dorf verarbeitet worden waren.

Werkplätze lagen zwischen Häusern und Abfallgruben. Viele Tätigkeiten fanden damit innerhalb der Siedlung statt. Bestimmte Personen dürften besonders geübt im Hausbau oder in der Herstellung einzelner Geräte gewesen sein. Aus den Funden ergibt sich aber keine Gruppe, die dauerhaft über die Arbeit anderer oder über größere Vorräte verfügte.

Eine Schale mit rotem Lack

Zu den ungewöhnlichsten Funden gehört eine flache Holzschale. Ihre Oberfläche war mit rotem Lack überzogen. Der Lack stammte aus dem Saft des Lackbaums. Nach der Aufbereitung trug ihn jemand als dünne Schicht auf. Die Arbeit verlangte Kenntnisse, die sich nicht allein am fertigen Gefäß ablesen lassen.

Farbe und glänzende Oberfläche hoben die Schale von einfachen Gebrauchsgegenständen ab. Vielleicht kam ein solches Gefäß bei besonderen Mahlzeiten oder Zusammenkünften zum Einsatz. Seine genaue Verwendung ist unbekannt. Sicher ist nur, dass jemand erhebliche Arbeit in einen zerbrechlichen Gegenstand investierte.

Auch Schmuck aus Jade und anderen Gesteinen gehörte zum Fundbestand der Hemudu-Kultur. Häufig waren geschlitzte Ringe, die vermutlich am Ohr getragen wurden, sowie röhrenförmige Stücke. Die Menschen schliffen und bohrten das harte Material. Am Fundplatz Tianluoshan fanden sich Spuren der Bearbeitung. Ein Teil des Rohmaterials stammte aus der Umgebung und wurde in den Siedlungen verarbeitet.

Reisschüssel, Hemudu

Vögel vor einer Scheibe

Ein Stück Elfenbein trägt eines der bekanntesten Bilder aus Hemudu. 2 Vögel stehen einander gegenüber; zwischen ihnen befindet sich eine runde Form mit strahlenartigen Linien. Häufig wird sie als Sonne gedeutet. Das Motiv war sorgfältig eingeritzt und hob den Gegenstand aus dem gewöhnlichen Werkzeugbestand hervor.

Die genaue Bedeutung des Bildes bleibt offen. Die Bewohner könnten es mit einer Erzählung oder einer jahreszeitlichen Beobachtung verbunden haben. Vielleicht verwendeten sie den Gegenstand auch bei gemeinschaftlichen Ritualen. Das Stück zeigt, dass sie bekannte Formen zu einem wiedererkennbaren Bild verbanden und auf wertvolles Material übertrugen.

Die Lackschale und das verzierte Elfenbein waren aufwendiger als alltägliche Töpfe oder Geräte. Solche Dinge konnten Ansehen ausdrücken und bei besonderen Handlungen eine Rolle spielen. Wer sie benutzen durfte und ob sie einzelnen Personen gehörten, lässt sich aus den erhaltenen Zusammenhängen nicht sicher bestimmen.

Elfenbein mit eingeritzten Vögeln

Ein südlicher Weg

Hemudu folgte architektonisch und wirtschaftlich einem eigenen Weg. Die Bewohner passten ihre Bauten an den feuchten Grund an und nutzten Wasserwege. Unter den Bedingungen des unteren Jangtse entwickelten sie den Reisanbau weiter. Zur gleichen Zeit entstanden in anderen Regionen eigene Formen des Dorflebens. Rohstoffe und Techniken konnten zwischen ihnen wandern, ohne dass eine gemeinsame Führung bestand.

Diese regionalen Lebensweisen behielten lange eigene Merkmale. Reiswirtschaft und Holzbearbeitung blieben am Jangtse wichtig, während weiter nördlich große Hirsesiedlungen andere Formen gemeinschaftlicher Ordnung ausbildeten. Dort lagen Häuser zunehmend um freie Plätze. Vorratsgruben und abgegrenzte Arbeitsbereiche ordneten den Raum zusätzlich. Die nächste Folge führt nach Banpo und Jiangzhai, wo sich im Aufbau der Dörfer neue soziale Grenzen erkennen lassen.


Zum Weiterlesen

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Liu, Li (2005): The Chinese Neolithic. Trajectories to Early States.* Untersuchung jungsteinzeitlicher Siedlungen, Bestattungen und gesellschaftlicher Veränderungen mit ausführlicher Einordnung von Jiahu.

Li, Feng (2013): Early China. A Social and Cultural History. Überblick über die regionalen Anfänge von Landwirtschaft und dauerhaften Siedlungen sowie die weitere Entwicklung des frühen China.

Bildnachweis

Titel: Archäologische Stätte Hemedu. Wikimedia Commons, Siyuwj. CC BY-SA 2.0.

Diorama Hemedu: Wikimedia Commons, Adelehant. CC BY-SA 4.0.

Reisschüssel: Wikimedia Commons, Siyuwj. CC BY-SA 4.0.

Spaten: Wikimedia Commons, Siyuwj. CC BY-SA 4.0.

Elfenbein: Wikimedia Commons, LukeLOU. CC BY-SA 3.0.

Haus: Wikimedia Commons, Siyuwj. CC BY-SA 4.0.

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