Vom Kaiserreich zur Republik

Chronik der Qing-Dynastie – Folge 22

Puyi (1906-1967)

Im August 1908 unterzeichnet der Hof in Peking ein Edikt, das den Weg zu einer Verfassung vorgibt. Ein Zeitplan wird veröffentlicht. Die Einführung einer konstitutionellen Ordnung ist über neun Jahre angelegt, die Vollendung für 1917 vorgesehen.

Der Schritt folgt einer Phase massiven außenpolitischen Drucks. Nach dem Boxeraufstand von 1900 muss das Reich hohe Entschädigungen zahlen und dauerhafte Stationierungen ausländischer Truppen akzeptieren. Reformorientierte Beamte verweisen auf Japan, das nach der Meiji-Verfassung seine staatliche Ordnung gefestigt und internationale Anerkennung gewonnen hat. Eine Verfassung erscheint als Mittel, staatliche Autorität neu zu ordnen und Loyalität im Inneren zu bündeln.

Wenige Monate nach dem Edikt sterben Guangxu und Cixi. Ein Kind, Puyi, wird Kaiser.

Provinzversammlungen und neue politische Räume

1909 treten in den Provinzen erstmals gewählte Beratungsversammlungen zusammen. Wahlberechtigt sind Männer mit festgelegtem Mindeststeueraufkommen und Bildungsnachweis. Es handelt sich um eine schmale Schicht aus Großgrundbesitzern, Kaufleuten und Absolventen höherer Schulen. In Jiangsu, Hunan oder Zhili beraten sie über Haushaltsfragen und Verwaltungsprobleme und richten Eingaben an Peking.

Diese Gremien schaffen ein neues Forum politischer Artikulation. Gouverneure müssen Stellung beziehen, der Großrat reagiert auf Anträge. Die Erwartung, dass der Hof den angekündigten Weg zur Verfassung tatsächlich beschreitet, gewinnt an Gewicht.

Verwaltungsumbau unter Zeitdruck

Seit 1901 laufen Reformprogramme. Ministerien werden neu geordnet. Ein eigenständiges Justizministerium entsteht. Die Polizei wird aus lokalen Milizstrukturen gelöst und zentral organisiert. Das Schulwesen erhält staatlich festgelegte Lehrpläne und eine gestufte Ausbildung.

Die klassischen Beamtenprüfungen enden 1905. An ihre Stelle treten Fachschulen für Recht, Verwaltung, Militärwesen und Technik. Eine neue Generation von Beamten wächst heran, deren Ausbildung nicht mehr primär auf konfuzianischer Textauslegung beruht.

Diese Veränderungen verschieben das Machtgefüge. Die traditionelle Prüfungselite verliert ihre Vorrangstellung. Neue Berufsgruppen treten in den Staatsdienst. Gleichzeitig steigen die finanziellen Anforderungen. Der Hof muss Entschädigungszahlungen leisten und Reformen finanzieren. Die Verwaltungen vor Ort tragen einen wachsenden Anteil dieser Last.

Während die zivile Ordnung umgebaut wird, verändert sich auch das militärische Gefüge.

Militärische Neuordnung und regionale Macht

Qing-Soldaten, 1911

Moderne Armeen entstehen nach japanischem und deutschem Vorbild. In Nordchina baut Yuan Shikai eine straff organisierte Truppe auf. Andere Landesteile folgen mit eigenen Formationen. Ausbildung und Befehlssysteme werden vereinheitlicht.

Diese Armeen sind schlagkräftig und fest in ihren jeweiligen Machtbereichen verankert. Ihre Loyalität gilt den Oberbefehlshabern, die sie aufgestellt und geführt haben. Die militärische Durchsetzungskraft konzentriert sich damit außerhalb des Hofes.

Das Zizheng Yuan von 1910

Am 3. Oktober 1910 wird in Peking das Zizheng Yuan eröffnet. Vorgesehen sind 200 Sitze, je zur Hälfte vom Kaiser ernannt und von den Provinzversammlungen gewählt. 196 Mandate werden besetzt.

Das Gremium berät über Haushaltsfragen und Gesetzesprojekte und richtet Resolutionen an den Thron. Viele der ernannten Mitglieder gehören zu jenem Beamtenkreis, der die Reformpolitik seit 1901 getragen hat. In den Debatten wird der ursprünglich auf neun Jahre angelegte Fahrplan in Frage gestellt. Eine Mehrheit fordert eine raschere Umsetzung.

Im November 1910 reagiert der Hof und verkürzt den Zeitrahmen auf fünf Jahre. Die Eröffnung eines Parlaments wird nun für 1913 vorgesehen. Das Zizheng Yuan hat damit eine politische Kurskorrektur bewirkt.

Ein Staat im Umbau

Zwischen 1901 und 1911 entsteht ein neues institutionelles Gefüge. Beratende Versammlungen arbeiten in den einzelnen Landesteilen. In Peking tagt das Zizheng Yuan. Mehrere moderne Armeen stehen unter dem Befehl ihrer jeweiligen Kommandeure.

Aufständische Soldaten in Wuchang, 1911

Als im Oktober 1911 in Wuchang Soldaten revoltieren, schließen sich zahlreiche Militärführer an oder halten sich neutral. Gouverneure erklären den Austritt aus der Qing-Herrschaft. Yuan Shikai, der 1909 nach innerhoflichen Machtkämpfen aus seinen Ämtern entlassen worden war, wird vom Hof zurückgerufen. Er verfügt über die stärkste Armee Nordchinas und führt Verhandlungen mit Revolutionären und Hofvertretern zugleich.

Der Kaiserhof kann Edikte erlassen, doch die Entscheidung fällt dort, wo bewaffnete Kräfte stehen. Yuan Shikai handelt als eigenständiger Machtfaktor. Er vermittelt zwischen Dynastie und Revolution und sichert sich selbst eine Schlüsselrolle im entstehenden Staat.

Die Reformen haben politische Beteiligung eröffnet und neue Machtzentren hervorgebracht. Im entscheidenden Moment bestimmt nicht mehr allein der Hof den Verlauf der Ereignisse, sondern derjenige, der über Truppen verfügt und ihre Loyalität bündeln kann.


Zum Weiterlesen

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Helweg Schmidt-Glinzer (2024): Das neue China: Vom Untergang des Kaiserreichs bis zur Gegenwart.*

John K. Fairbank (1978): The Cambridge History of China: Volume 10, Late Ch’ing 1800 1911, Part 1.*

John K. Fairbank (1980): The Cambridge History of China: Volume 11, Late Ch’ing, 1800 1911, Part 2.*

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Bildnachweis

Titel: Peking, um 1905.

Alle Bilder gemeinfrei.

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