Vasco da Gama vor Kalikut – Die portugiesische Ankunft von 1498

Am 20. Mai 1498 erschienen vor der südwestindischen Küste mehrere fremde Segel. Drei kleine portugiesische Schiffe näherten sich Kalikut, einem der wichtigsten Handelsplätze an der Malabarküste. Ihr Befehlshaber Vasco da Gama hatte Lissabon mehr als 10 Monate zuvor verlassen. Seine Besatzung hatte den Atlantik durchquert und das Kap der Guten Hoffnung umrundet. Anschließend waren die Schiffe der ostafrikanischen Küste gefolgt. Von Malindi aus hatte ein erfahrener Lotse sie über den Indischen Ozean geführt.

Für die Portugiesen endete vor Kalikut eine Reise in eine weitgehend unbekannte Welt. Die Menschen an der Malabarküste sahen dagegen lediglich eine weitere Gruppe ausländischer Händler eintreffen. In ihrem Hafen begegneten sich seit Langem Kaufleute aus unterschiedlichen Teilen des Indischen Ozeans. Arabische Schiffe brachten Waren aus dem Roten Meer, während Händler aus Gujarat und von der Koromandelküste eigene Handelsnetze unterhielten. Über Malakka reichten die Verbindungen bis nach Südostasien.

Vasco da Gama hatte Indien erreicht. Entdeckt hatte er es nicht.

Der Seeweg um Afrika

Die Reise von 1497 und 1498 bildete den vorläufigen Höhepunkt einer portugiesischen Expansion, die fast ein Jahrhundert zuvor begonnen hatte. 1415 eroberte König João I. die nordafrikanische Hafenstadt Ceuta. Portugiesische Seefahrer erreichten anschließend Madeira und die Azoren. Sie drangen entlang der westafrikanischen Küste nach Süden vor und bauten einen Handel mit Gold und versklavten Menschen auf.

Die Krone spielte dabei eine entscheidende Rolle. Sie vergab Handelsrechte, finanzierte Expeditionen und stellte die neuen Unternehmungen unter ihren Schutz. Kaufleute beteiligten sich mit Kapital und Schiffen. Adlige fanden in den Feldzügen und Entdeckungsreisen neue Möglichkeiten, Ämter oder Einkünfte zu gewinnen. Religiöse Vorstellungen verbanden sich eng mit diesen Interessen. Portugiesische Herrscher sahen ihre Expansion weiterhin im Zusammenhang mit dem Kampf gegen muslimische Mächte.

1488 umsegelte Bartolomeu Dias die Südspitze Afrikas. Damit stand fest, dass der Atlantik mit dem Indischen Ozean verbunden war. Der weitere Weg blieb jedoch anspruchsvoll. Die portugiesischen Navigatoren mussten Windverhältnisse verstehen und sichere Ankerplätze entlang der ostafrikanischen Küste finden.

Vasco da Gama verließ Lissabon im Juli 1497. Seine Flotte bestand aus drei eigentlichen Expeditionsschiffen und einem Versorgungsschiff. Statt der afrikanischen Küste eng zu folgen, führte er die Schiffe zunächst weit nach Westen in den Atlantik. Dort nutzte er Winde, die ihn anschließend in einem großen Bogen nach Südosten trugen. Diese Route verkürzte die Fahrt entlang der windarmen westafrikanischen Küste.

Nach der Umrundung des Kaps folgte die Flotte der ostafrikanischen Küste. In Mosambik hielten die Bewohner die Portugiesen zunächst für Muslime. Sobald sie ihren Irrtum erkannten, schlug das Verhältnis in Misstrauen um. Auch in Mombasa fanden die Neuankömmlinge wenig Unterstützung. Erst der Herrscher von Malindi empfing sie freundlich und half ihnen bei der Überfahrt nach Indien.

Ein Hafen im Zentrum des Ozeanhandels

Kalikut verdankte seine Bedeutung dem Pfeffer aus dem Hinterland und seiner günstigen Lage. Der Herrscher der Stadt führte den Titel Samudri Raja, den die Portugiesen als Zamorin wiedergaben. Ein erheblicher Teil seiner Einkünfte stammte aus dem Handel. Daher hatte er ein Interesse daran, fremde Kaufleute anzuziehen und ihnen Schutz zu gewähren.

Muslimische Händler nahmen in Kalikut eine wichtige Stellung ein. Sie verbanden die Malabarküste mit Aden und den ägyptischen Häfen am Roten Meer. Von dort gelangten Pfeffer und andere asiatische Waren nach Alexandria. Venezianische Kaufleute brachten sie anschließend auf die europäischen Märkte. Weitere Routen führten von Kalikut nach Gujarat oder ostwärts bis Malakka.

Dieses Handelsgeflecht beruhte auf eingespielten Verfahren. Kaufleute arbeiteten mit lokalen Vermittlern und zahlten Abgaben. Viele regelten ihre Geschäfte innerhalb eigener Gemeinschaften. Hinduistische Händler konnten Anteile an Ladungen besitzen, die muslimische Reeder transportierten. Küstenherrscher förderten den Verkehr durch sichere Häfen und günstige Bedingungen.

Politische Gewalt gehörte in dieser Handelswelt durchaus zum Alltag. Piraten bedrohten Schiffe, während örtliche Amtsträger mitunter willkürliche Gebühren verlangten. Zugleich verteidigten Kaufleute ihre Geschäftsbereiche gegen Konkurrenten. Eine Seemacht, die den gesamten Verkehr kontrollieren und fremde Schiffe zum Erwerb einer staatlichen Genehmigung zwingen wollte, hatte sich dort jedoch nicht etabliert.

Da Gama verstand die etablierten Regeln dieses Handels zunächst kaum. Bei seiner Ankunft begegneten ihm zwei aus Tunis stammende Muslime, die Kastilisch und Genuesisch sprachen. Die Portugiesen trafen damit auf Menschen, die ihnen sprachlich und kulturell überraschend vertraut waren. Schon dieses Zusammentreffen zeigte, wie eng Kalikut mit der Mittelmeerwelt verbunden war.

Eine schwierige Audienz

Da Gama wollte den Zamorin als Abgesandter König Manuels I. sprechen. Er hoffte auf Handelsrechte und auf ein Bündnis mit vermeintlichen indischen Christen. Die Portugiesen verfügten jedoch nur über ungenaue Kenntnisse der Religionen Indiens. Beim Besuch eines hinduistischen Tempels glaubten einige von ihnen, eine ihnen unbekannte Form des Christentums vor sich zu haben. Da Gama kehrte später nach Portugal zurück, ohne diesen Irrtum vollständig überwunden zu haben.

Auch die Begegnung mit dem Zamorin offenbarte die mangelnde Vorbereitung der Expedition. Da Gama überreichte Textilien sowie einige kleinere Gegenstände, die am portugiesischen Hof als annehmbare Geschenke erscheinen mochten. In Kalikut wirkten sie ärmlich. Kaufleute aus dem Indischen Ozean brachten Silber und hochwertige Handelswaren in die Stadt. Die Gaben der Portugiesen entsprachen nach Ansicht der Hofbeamten eher dem Auftreten eines unbedeutenden Händlers als dem Gesandten eines mächtigen Königs.

Vasco de Gama vor dem Zamorin, Gemälde von Veloso Salgado, 1898

Hinter diesem Missverständnis standen unterschiedliche Erwartungen. Da Gama wollte als königlicher Botschafter behandelt werden und verlangte besondere Handelsbedingungen. Der Zamorin sah keinen Anlass, die unbekannten Besucher gegenüber den bereits ansässigen Kaufleuten zu bevorzugen. Er war grundsätzlich bereit, die Portugiesen handeln zu lassen. Dafür mussten sie allerdings Waren anbieten, für die sich Käufer fanden, und die üblichen Abgaben entrichten.

Gerade daran scheiterte die Expedition. Die Portugiesen hatten nur wenige Güter mitgebracht, die auf dem indischen Markt gefragt waren. Europa bezog Pfeffer und andere asiatische Erzeugnisse, konnte dafür aber kaum gleichwertige Waren liefern. Für einen umfangreichen Handel benötigten die Portugiesen vor allem Edelmetall. Da Gamas Flotte war für die Suche nach dem Seeweg ausgerüstet, nicht für den dauerhaften Einkauf auf einem der größten Märkte Asiens.

Die muslimischen Fernhändler betrachteten die Neuankömmlinge unterdessen als mögliche Konkurrenten. Einige dürften zudem von den portugiesischen Angriffen auf Muslime an der afrikanischen Küste erfahren haben. Sie versuchten, den Zamorin vor den Fremden zu warnen. Dennoch entstand 1498 noch keine geschlossene Front gegen die Portugiesen. Die Spannungen ergaben sich ebenso aus da Gamas Forderungen und seinem Misstrauen gegenüber den örtlichen Amtsträgern.

Nach Verhandlungen und wechselseitigen Beschuldigungen verließ die Flotte Kalikut. Da Gama hatte weder ein Handelsmonopol noch einen festen Stützpunkt gewonnen. Er nahm lediglich eine überschaubare Ladung Gewürze mit. Auch die Rückfahrt zeigte die Grenzen des Unternehmens. Die Portugiesen brachen zu einer ungünstigen Zeit zur Überquerung des Indischen Ozeans auf. Krankheiten und Erschöpfung dezimierten die Besatzung. Ein Schiff musste aufgegeben werden, weil nicht mehr genügend Männer vorhanden waren, um es zu führen.

Eine folgenreiche Entscheidung in Lissabon

Im August 1499 kehrte Vasco da Gama nach Portugal zurück. König Manuel empfing ihn als erfolgreichen Entdecker des Seewegs nach Indien. Für den Hof zählten weniger die begrenzten Geschäfte in Kalikut als die Möglichkeiten, die sich aus der Reise ergaben. Portugiesische Schiffe konnten den Indischen Ozean vom Atlantik aus erreichen. Damit ließ sich der Gewürzhandel über eine Route führen, die den Weg durch das Rote Meer und den östlichen Mittelmeerraum umging.

Der Erfolg blieb zunächst vor allem portugiesisch und europäisch. Für Kalikut veränderte die Ankunft einiger kleiner Schiffe im Jahr 1498 wenig. Die Stadt blieb ein bedeutender Handelsplatz, und ihre Kaufleute verfügten weiterhin über weitreichende Verbindungen. Die Portugiesen stellten noch keine Macht dar, die dem Zamorin ihre Bedingungen aufzwingen konnte.

Entscheidend war die Reaktion des portugiesischen Königs. Manuel behandelte die Reise nicht als einmaliges Handelsunternehmen. Bereits im März 1500 schickte er Pedro Álvares Cabral mit 13 Schiffen und mindestens 1.200 Männern nach Indien. Diese Flotte sollte umfangreiche Warenladungen nach Indien bringen. Eine dauerhafte Niederlassung sollte zugleich Portugals Stellung festigen.

Damit begann sich der Charakter der Begegnung zu verändern. Die Portugiesen wollten künftig nicht mehr nur an einem bestehenden Handel teilnehmen. Sie beanspruchten das Recht, Handelswege zu kontrollieren und Konkurrenten mit Gewalt auszuschließen. Aus den Schiffen einer Erkundungsreise entstand in wenigen Jahren eine bewaffnete Präsenz. Kalikut sollte als erste indische Stadt erfahren, was dieser Anspruch bedeutete.


Zum Weiterlesen

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Pearson, M. N. (1988): The Portuguese in India.* Untersuchung der portugiesischen Präsenz mit besonderem Blick auf die begrenzte Reichweite ihrer Herrschaft und die bereits bestehenden Strukturen des Indischen Ozeans.

Subrahmanyam, S. (2012): The Portuguese Empire in Asia, 1500–1700.* A Political and Economic History. Grundlegende Darstellung der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung des portugiesischen Imperiums in Asien.

Disney, A. R. (2009): A History of Portugal and the Portuguese Empire. Volume 2: The Portuguese Empire.* Umfassende Geschichte der portugiesischen Expansion und ihrer unterschiedlichen Herrschaftsräume.

Bildnachweis

Titel: Vasco de Gama kommt in Kalikut an. Gemälde von Roque Gameiro, 1900.

Karte: Wikimedia Commons, Walrasiad. CC BY-SA 3.0.

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