Lin’an 1276 – Die Kapitulation des Song-Hofes

Kaiser Gong, Abbildung aus dem 20. Jhdt.

Kaiserinwitwe Xie ließ 1276 mit Bayan über die Unterwerfung ihres Hofes verhandeln. Die Armee des mongolischen Feldherrn näherte sich Lin’an, dem heutigen Hangzhou. Im Palast regierte ein Kind: Kaiser Gong war noch zu jung, um selbst über Verteidigung oder Kapitulation zu entscheiden. Xie musste für ihn handeln, während immer mehr Amtsträger die Hauptstadt verließen.

Die Herrscherfamilie konnte noch auf die Behörden der Song verweisen. Das Ansehen einer alten Dynastie verlieh ihr weiterhin Rang, doch ihre militärischen Möglichkeiten waren inzwischen stark geschrumpft. Bayan brauchte den Hof nicht in einer offenen Schlacht zu schlagen. Er musste erreichen, dass dessen Vertreter die Regierung in seine Hände legten.

Der Weg zur Hauptstadt

Der Fall von Xiangyang 1273 hatte den Angreifern einen wichtigen Zugang in das Song-Reich geöffnet. Mongolische Truppen rückten auf das Flussgebiet des Jangtse vor und nutzten dabei eigene Schiffe sowie die Dienste übergetretener Song-Kommandeure.

Bayan führte den weiteren Feldzug im Auftrag Khubilais. Er konnte militärischen Druck mit Angeboten an örtliche Befehlshaber verbinden. Eine Stadt, die sich unterwarf, durfte unter Umständen auf Schonung rechnen; ein Kommandeur konnte seine Laufbahn unter dem neuen Herrscher fortsetzen. Die Fortsetzung des Widerstands blieb dagegen mit dem Risiko einer gewaltsamen Einnahme verbunden.

1275 erlitt das Song-Heer bei Dingjiazhou am Jangtse eine schwere Niederlage. Der führende Minister Jia Sidao hatte noch einmal versucht, den Vormarsch aufzuhalten. Nach der Niederlage verlor er seine Stellung. Die Regierung konnte nun kaum noch auf eine große Feldarmee zurückgreifen, die den Gegner von Lin’an fernhielt.

Trotzdem ergab sich das Land nicht überall gleichzeitig. Einzelne Kommandeure hielten an der Verteidigung ihrer Städte fest. Für den Hof bedeutete das aber nicht, dass diese getrennten Stellungen rechtzeitig zu einer gemeinsamen Schutzlinie um die Hauptstadt verbunden werden konnten.

Die letzten Unterhändler

Die Song-Regierung schickte Gesandte zu Bayan. Sie versuchte, durch Zugeständnisse einen Rest der eigenen Herrschaft zu bewahren. Abgaben an einen mächtigen Nachbarn waren in der Geschichte des Reiches kein unbekanntes Mittel. Der Hof hatte lange mit nördlichen Dynastien verhandelt und Zahlungen als Preis für einen Frieden akzeptiert.

Die Lage von 1276 unterschied sich jedoch grundlegend. Bayan verhandelte als Feldherr einer Macht, die bereits tief in das Song-Gebiet eingedrungen war. Khubilai hatte 1271 eine eigene chinesische Dynastie ausgerufen und beanspruchte die Herrschaft auch über den Süden. Eine regelmäßige Zahlung sollte ihn nicht einfach auf der anderen Seite einer Grenze halten.

Die Kaiserinwitwe hatte nur begrenzten Spielraum. Weitere Zugeständnisse konnten das Leben des jungen Kaisers und seiner Angehörigen schützen. Sie gaben Bayan aber keinen Grund, einen eigenständigen Song-Staat um Lin’an bestehen zu lassen.

Am Hof widersprachen sich die Vorstellungen über das richtige Vorgehen. Einige wollten den Widerstand fortsetzen oder den Kaiser an einen sichereren Ort bringen. Andere sahen die Bevölkerung einer großen Stadt gefährdet, wenn die Verhandlungen scheiterten. Zugleich entzog die Flucht von Amtsträgern der Regierung jene Männer, die ihre Anweisungen noch hätten ausführen können.

Eine Übergabe ohne Weiterregieren

Präfektur Lin’an im heutigen China

Der Hof unterwarf sich. Die Übergabe von Siegeln und Regierungsunterlagen machte deutlich, dass die bisherigen Vertreter der Dynastie ihre Amtsgewalt abgaben. Bayan konnte die Hauptstadt übernehmen, ohne dort eine lange Belagerung zu führen.

Die Entscheidung ersparte Lin’an einen Sturm auf die Mauern. Für die Menschen im Palast bedeutete sie dennoch tiefgreifende Gewalt. Sie verloren die Kontrolle über ihren Aufenthaltsort und mussten den Anweisungen der Sieger folgen. Der junge Kaiser und Angehörige seines Haushalts wurden nach Norden gebracht.

Berichte über Selbsttötungen im Umfeld der Kapitulation zeigen die Angst, die diese Entscheidung auslöste. Palastfrauen fürchteten Verschleppung und den Verlust jedes Schutzes. Solche Nachrichten lassen sich nicht in allen Einzelheiten nachprüfen. Sie erinnern aber daran, dass eine förmliche Übergabe für die Betroffenen keine frei ausgehandelte Reise war.

Xie war krank und blieb zunächst zurück. Sie folgte später unter Bewachung nach Norden. Auch ihre hohe Stellung bewahrte sie nicht vor der Entfernung aus jener Stadt, in der ihr Rang bis dahin politische Wirkung besessen hatte.

Der Kaiser wird ein Untertan

Am Yuan-Hof erhielt der abgesetzte Kaiser einen Adelstitel. Khubilai ließ ihn damit als Angehörigen einer besiegten Herrscherfamilie weiterleben. Er konnte ihm Ehren gewähren, ohne den Anspruch der Song auf eine eigene Regierung anzuerkennen.

Die Überführung des Hofes entzog möglichen Unterstützern im Süden einen Mittelpunkt. Wer den jungen Kaiser hätte befreien oder in seinem Namen Truppen sammeln wollen, konnte nicht mehr auf einen erreichbaren Palast zurückgreifen. Die Mitglieder der Familie standen unter der Aufsicht des neuen Herrschers.

Zugleich gelangten Bücher und Verwaltungsunterlagen nach Norden. Die Sieger übernahmen damit Wissen über das Land und Menschen, die seine Behörden bedienen konnten. Die Eroberung brachte Khubilai nicht nur das Ende eines konkurrierenden Hofes, sondern auch Möglichkeiten, dessen bisherige Besitzungen selbst zu regieren.

Die Hauptstadt blieb als große Stadt bestehen. Händler und Handwerker mussten unter den neuen Befehlshabern weiterarbeiten. Die Beamten, die im Amt blieben oder neu eingesetzt wurden, hatten jetzt Anordnungen einer anderen Dynastie auszuführen. Der Wechsel der Herrschaft wurde für die Einwohner damit an neuen Zuständigkeiten und Forderungen spürbar.

Zwei Prinzen im Süden

Der Kaiser in Lin’an war nicht das einzige Mitglied seiner Familie, auf das sich Widerstand stützen konnte. Zwei seiner Brüder waren der Überführung nach Norden entgangen. Begleiter brachten sie an die südöstliche Küste, wo weiterhin Schiffe und bewaffnete Anhänger zur Verfügung standen.

Die Verteidiger einzelner Städte und die Unterstützer der Prinzen mussten sich nun fragen, ob die Kapitulation des Hofes auch für sie verbindlich war. Einige blieben bei ihren Waffen. Andere wechselten die Seite oder versuchten, das Leben ihrer Gefolgsleute zu retten.

Im Süden entstand ein neuer Hof um die entkommenen Prinzen. Er konnte die Residenz und die großen Behörden Lin’ans nicht ersetzen. Doch solange ein Angehöriger des Kaiserhauses in Freiheit war und Heerführer seinen Titel anerkannten, ließ sich der Krieg im Namen der Song fortführen. Bayan hatte die Hauptstadt gewonnen; Schiffe brachten derweil einen anderen Teil derselben Herrscherfamilie weiter an der Küste entlang.


Relikte der Kaiserstadt der Südlichen Song-Dynastie

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Bildnachweis

Titel: Der Palastbezirk Lin’ans im historischen Stadtplan.

Karte: Wikimedia Commons, Timmyshin. CC BY-SA 4.0.

Relikte der Kaiserstadt: Wikimedia Commons, Siyuwj. CC BY-SA 4.0.

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