Mit der Kapitulation von Fort Zeelandia im Jahr 1662 endete die niederländische Präsenz auf Taiwan. An ihre Stelle trat eine neue Herrschaft, getragen von militärischer Stärke und enger Bindung an den südchinesischen Küstenraum. Zheng Chenggong übernahm die Insel in einer Phase rascher politischer Verschiebungen. Die Ming-Dynastie war zusammengebrochen, die Qing hatten Peking eingenommen, und entlang der Küste suchten zahlreiche Akteure nach neuen Stützpunkten.
Zheng Chenggong führte in diesem Umfeld militärische Verbände und organisierte ein politisches Exilprojekt. Taiwan bot ihm befestigte Anlagen, landwirtschaftliche Erträge und Zugang zu den Seewegen Ostasiens. Die Insel wurde zum Zentrum eines eigenständigen Machtprojekts.
Herkunft und Aufstieg Zheng Chenggongs

Zheng Chenggong stammte aus einer wohlhabenden Händlerfamilie aus Fujian. Sein Vater Zheng Zhilong hatte sich im frühen 17. Jahrhundert als Seefahrer und Händler etabliert und fungierte zeitweise als Vermittler zwischen konkurrierenden Mächten. Nach der Konsolidierung der Qing wechselte Zheng Zhilong die Seiten. Zheng Chenggong blieb dem untergehenden Ming-Haus verpflichtet.
Diese Loyalität prägte sein politisches Handeln. Er sammelte Truppen und führte einen langjährigen Krieg gegen die Qing. Seine Macht beruhte auf militärischer Durchsetzungskraft und maritimer Beweglichkeit sowie auf der Fähigkeit, Ressourcen aus dem Küstenhandel zu mobilisieren.
Die Eroberung Taiwans
Der Angriff auf Taiwan im Jahr 1661 war strategisch motiviert. Die niederländische Kolonie war ein lohnenswertes Ziel, da sie Erträge erwirtschaftete. Sie verfügte zwar über befestigte Anlagen, war aber militärisch isoliert.
Zheng Chenggong setzte mit einer großen Flotte über die Meerenge und landete im Südwesten der Insel.
Die Belagerung von Fort Zeelandia begann im April 1661 und dauerte rund neun Monate. Im Februar 1662 kapitulierte die niederländische Garnison. Mit der Einnahme Taiwans sicherte sich Zheng Chenggong einen dauerhaften Stützpunkt. Die Insel lag außerhalb unmittelbarer Qing-Herrschaft und blieb zugleich eng in den südchinesischen Küstenraum eingebunden. Für Zheng eröffnete sie die Möglichkeit, den Kampf gegen die Qing fortzuführen und zugleich eine eigene Herrschaft zu etablieren.
Aufbau des Tungning-Regimes

Die neuen Herren verstanden sich selbst als Fortsetzung der Ming-Dynastie auf der Insel. Zheng Chenggong trug den Titel eines Fürsten von Yanping, der ihm vom letzten Ming-Kaiser verliehen worden war. In der Forschung wird diese Herrschaft als „Königreich von Tungning“ bezeichnet. Der Name Tungning, wörtlich „Östlicher Frieden“, bezog sich auf Taiwan als neuen Stützpunkt östlich des chinesischen Festlands.
Die administrativen Einrichtungen orientierten sich an chinesischen Vorbildern. Militärische Befehlshaber und zivile Beamte übernahmen Aufgaben, die zuvor von der niederländischen Kolonialverwaltung wahrgenommen worden waren. Land wurde neu verteilt, Bewässerungssysteme ausgebaut und der Anbau von Reis und Zucker weiter gefördert.
Zheng Chenggong starb bereits 1662. Die praktische Ausgestaltung der neuen Regierung fiel daher in die Hände seines Sohnes Zheng Jing. Eine zentrale Rolle spielte dabei dessen Berater Chen Yonghua, der Abgabensysteme ordnete und Verwaltungsabläufe festlegte. Besondere Aufmerksamkeit wurde der Verbesserung der Landwirtschaft gewidmet. In dieser Phase wurde Taiwan wirtschaftlich und organisatorisch stabiler aufgestellt.
Militärische Gesellschaft und Migration

Die Herrschaft von Tungning blieb stark militarisiert. Große Teile der Bevölkerung standen in direktem oder indirektem Dienst der Armee. Soldaten bewirtschafteten Land, Familien folgten den Truppen, und entlang militärischer Versorgungswege entstanden neue Dörfer.
Die Migration aus Fujian setzte sich fort. Sie wurde gezielt gelenkt, indem Land vergeben und Schutz zugesichert wurde. Taiwan entwickelte sich in diesen Jahren zu einer agrarisch geprägten Gesellschaft mit ausgeprägtem militärischem Charakter. Diese Expansion wirkte sich unmittelbar auf die bereits ansässige Bevölkerung aus.
Verhältnis zu den indigenen Gemeinschaften
Für die indigenen Gesellschaften bedeutete der Machtwechsel eine Verschärfung bestehender Entwicklungen. Während die niederländische Herrschaft auf punktuelle Eingriffe und Vermittlung gesetzt hatte, griff die neue Führung direkter in bestehende Lebenszusammenhänge ein. Land wurde stärker beansprucht und Arbeitsleistungen vermehr eingefordert.
In einigen Regionen kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen. In anderen passten sich indigene Gruppen den neuen Gegebenheiten an oder zogen sich in schwer zugängliche Gebiete zurück. Die Ausbreitung chinesischer Siedlungen veränderte Siedlungsräume und soziale Beziehungen auf der Insel dauerhaft.
Taiwan und die Qing

Die Herrschaft von Tungning verstand sich als politischer Gegenentwurf zur Qing-Macht. Verwaltungspraxis und symbolische Bezüge knüpften an das untergegangene Ming-Reich an.
In den frühen 1680er Jahren verstärkten die Qing ihren Druck auf den südchinesischen Küstenraum. Die entscheidende Niederlage erlitt die Tungning-Herrschaft im Jahr 1683. Die kaiserliche Flotte stand unter dem Kommando von Shi Lang, einem früheren Untergebenen von Zheng Chenggong, der zu den Qing übergelaufen war. Shi Lang kannte die Seestreitkräfte der Zheng-Familie aus eigener Erfahrung und nutzte dieses Wissen im Feldzug gegen Taiwan.
Die Niederlage war jedoch nicht allein das Ergebnis dieses Angriffs. Bereits in den Jahren zuvor hatten sich militärischen Schwächen verdichtet. Der dauerhafte Kriegszustand, die zunehmende Isolation von den Küstenstützpunkten des Festlands und das Fehlen einer übergreifenden Führungsfigur nach Zheng Chenggongs Tod minderten die Handlungsspielräume der Führung. Als die Qing-Flotte 1683 angriff, traf sie auf einen geschwächten Gegner.
Nach der Niederlage unterwarf sich die Führung den Qing, und die Insel wurde in das Kaiserreich eingegliedert. Taiwan erhielt zunächst den Status einer Präfektur, also einer Verwaltungseinheit unterhalb der Provinzebene, innerhalb der Provinz Fujian. Erst 1885 wurde die Insel zu einer eigenen Provinz erhoben. Die Eingliederung von 1683 markierte dennoch einen grundlegenden Einschnitt. Zum ersten Mal wurde Taiwan dauerhaft Teil eines chinesischen Imperiums. Die unter der Zheng-Herrschaft entstandenen Verwaltungs- und Siedlungsformen bildeten dafür eine wichtige Grundlage.
Zum Weiterlesen
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– Murray A. Rubinstein (Hg.): Taiwan. A New History (2018) – Standardwerk zur politischen und sozialen Geschichte der Insel.
Bildnachweis
Titel: Zheng-Chenggong-Statue in Xiamen. Wikimedia Commons, Gisling. CC BY-SA 3.0.
Alle anderen Bilder gemeinfrei.



