Der König gründet Samye

Haupttempel des Klosters Samye, 2014.

Am Eingang des Haupttempels von Samye ließ Trisong Detsen ein Versprechen in Stein festhalten. Der König und seine Söhne verpflichteten sich gemeinsam mit den Großen seines Reiches, die buddhistischen Heiligtümer zu schützen und ihre Versorgung zu erhalten. Auch die künftigen Herrscher sollten diesen Eid ablegen. Die Förderung des Buddhismus sollte damit über die Regierungszeit eines einzelnen Königs hinausreichen.

Samye entstand im späten 8. Jahrhundert im Tal des Tsangpo südöstlich von Lhasa. Hier lebten tibetische Mönche in einer Gemeinschaft, deren Regeln und Weihetradition aus Indien kamen. Mit dem Kloster schuf der Hof einen Ort, an dem sich die neue Religion dauerhaft lehren ließ. Ob sie Bestand haben würde, hing allerdings auch von jenen Familien ab, die dem König Soldaten stellten und Einfluss auf seine Entscheidungen nahmen.

Thangka mit Trisong Detsen, 17. Jahrhundert.
Thangka mit Trisong Detsen, 17. Jahrhundert.

Ein fremder Lehrer am Hof

Buddhistische Tempel gab es in Tibet bereits vor Trisong Detsen. Ihre Existenz bedeutete jedoch keine gesicherte Stellung der Religion. Am Hof stritten ihre Anhänger mit Würdenträgern, die an überlieferten Ritualen festhielten. Diese dienten dem Schutz des Herrschers und seiner Verbindung zu den Göttern des Landes. Eine fremde Lehre konnte deshalb auch die Stellung der bisherigen Priester berühren.

Eine wichtige Erzählung über die Anfänge Samyes bewahrte die Familie Ba. Ihr Bericht gehört zu den frühen tibetischen Darstellungen der Einführung des Buddhismus. Er enthält Erinnerungen an beteiligte Hofleute, verbindet sie aber mit Wundergeschichten und späteren religiösen Deutungen. Die einzelnen Gespräche lassen sich daraus kaum wortgetreu zurückgewinnen.

Nach diesem Bericht reiste der Adlige Ba Selnang nach Nepal und lud den indischen Gelehrten Shantarakshita nach Tibet ein. Dessen Ankunft löste zunächst Misstrauen aus. Der König ließ ihn im Jokhang in Lhasa unterbringen und befragen. Erst ein sprachkundiger Vermittler machte es möglich, dass die Minister sich mit dem Gast verständigten. Der Bericht führt die Zulassung des Buddhismus auf Shantarakshitas anschließende Unterweisung des Herrschers zurück.

Damit war der Streit am Hof noch offen. Überschwemmungen und ein Blitzschlag wurden als Zeichen dafür ausgelegt, dass einheimische Gottheiten die neue Religion ablehnten. Trisong Detsen schickte Shantarakshita zeitweise nach Nepal zurück. Die Erzählung macht ein praktisches Problem königlicher Religionspolitik sichtbar: Selbst ein einflussreicher Herrscher musste mit den Deutungen seiner Umgebung umgehen, wenn Unglück seine Förderung eines fremden Lehrers zu widerlegen schien.

Der Gelehrte und der Ritualmeister

Bei seiner Rückkehr erhielt Shantarakshita Unterstützung durch Padmasambhava. Die Überlieferung beschreibt diesen als einen Meister tantrischer Rituale. Solche Praktiken sollten über besondere Unterweisungen und rituelle Handlungen zur buddhistischen Erkenntnis führen. In der Geschichte von Samye bekam Padmasambhava außerdem die Aufgabe, die widerstrebenden Mächte des Landes zu bändigen.

Der Ba-Bericht schildert, wie er störende Geister sichtbar machte und unterwarf. Das ist eine religiöse Erklärung für die Überwindung von Hindernissen beim Klosterbau. Historisch greifbar ist dagegen die Zusammenarbeit indischer Lehrer mit tibetischen Übersetzern, ohne deren Vermittlung eine Unterweisung kaum möglich gewesen wäre. Der Hof finanzierte die Einrichtung, in der sie arbeiten sollten.

Auch Padmasambhavas Verhältnis zu den Hofleuten blieb nach dieser Darstellung schwierig. Sie verdächtigten ihn, nach politischer Macht zu greifen, und der König veranlasste seine Abreise. Seine spätere Verehrung als Guru Rinpoche, als „kostbarer Lehrer“, überragte den kurzen Aufenthalt bei Weitem. Wer die Gründung Samyes allein aus dieser späteren Verehrung erklärt, übersieht die Arbeit der Mönche und die Unterstützung des königlichen Umfelds.

Ein Kloster braucht Mönche

Für das neue Kloster orientierten sich die Bauherren an indischen Vorbildern. In der Mitte stand der Haupttempel, umgeben von weiteren Heiligtümern und einer äußeren Mauer. Die Anlage stellte zugleich ein buddhistisches Weltbild dar: Der zentrale Bau entsprach dem Weltenberg Meru, die umliegenden Tempel den Kontinenten. So ließ sich die Lehre auch räumlich erfahren.

Über die künstlerische Ausführung berichten die Texte von unterschiedlichen auswärtigen Vorbildern. Beim Ausbau wirkten tibetische Adlige mit. Der König band damit Menschen ein, deren Mitarbeit er auch außerhalb der Klostermauern benötigte. Die neue Einrichtung sollte durch Angehörige des Hofes getragen werden und erhielt öffentlich ihren Schutz.

Entscheidend war die Ordination tibetischer Mönche. Dabei wurden Männer nach den überlieferten Regeln in die buddhistische Gemeinschaft aufgenommen und zur Einhaltung ihrer Lebensordnung verpflichtet. Ein Tempel konnte auch von weltlichen Priestern oder einzelnen Ritualkundigen betreut werden. Ein Kloster benötigte dagegen eine Gemeinschaft, die ihre Weihetradition weitergeben und neue Mitglieder ausbilden konnte. Samye schuf dafür einen dauerhaften Mittelpunkt.

Der Eid an der Tempelpforte bezog die Versorgung der Heiligtümer ausdrücklich ein. Bauten allein sicherten den Fortbestand dieser Gemeinschaft kaum. Die Mönche brauchten Unterhalt, und die Arbeiten an religiösen Texten mussten bezahlt werden. Ausführlichere Fassungen der königlichen Zusicherung wurden deshalb auch in entfernte Teile des Reiches geschickt. Die Verpflichtung sollte dort gelten, wo lokale Machthaber über die tatsächliche Bereitstellung von Mitteln entschieden.

Welche Lehre sollte gelten?

Mit den Lehrern kamen unterschiedliche Auffassungen buddhistischer Praxis nach Tibet. Neben indischen Gelehrten wirkten chinesische Meister, darunter Moheyan. Ihre Anhänger stritten darüber, wie sich Erkenntnis erreichen ließ und welche Bedeutung gedanklicher Prüfung zukam. In der tibetischen Überlieferung entschied eine große Debatte in Samye zugunsten der indischen Richtung.

Diese Erzählung lässt sich nicht als Protokoll eines eindeutig entschiedenen Streitgesprächs lesen. Chinesische und tibetische Darstellungen weichen voneinander ab. Auch ist umstritten, ob tatsächlich eine einzige förmliche Debatte stattfand oder mehrere Auseinandersetzungen später zu einem Ereignis zusammengezogen wurden. Die Geschichte begründete nachträglich den Vorrang indischer Lehrüberlieferungen.

Greifbarer ist die Übersetzungsarbeit. Indische Gelehrte arbeiteten mit Tibetern zusammen, die Sanskrit gelernt hatten. Gemeinsam übertrugen sie buddhistische Texte in eine Sprache, die für viele philosophische Begriffe zunächst passende Ausdrücke entwickeln musste. Die Zusammenarbeit machte tibetische Schüler allmählich weniger abhängig davon, ob ein auswärtiger Lehrer gerade am Hof anwesend war.

Aus dieser Arbeit wuchs ein umfangreicher tibetischer Bestand buddhistischer Schriften. Spätere Übersetzer überarbeiteten die älteren Fassungen und führten neue Übertragungen hinzu. Als die Texte Jahrhunderte später zu großen Sammlungen zusammengeführt wurden, füllten sie etwa dreihundert Bände.


Zum Weiterlesen

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van Schaik, S. (2011): Tibet: A History*. Verbindet die Entstehung Samyes mit den politischen Auseinandersetzungen am Hof und unterscheidet frühe Berichte von späteren Gründungserzählungen.

Snellgrove, D. L.; Richardson, H. (2003): A Cultural History of Tibet*. Erläutert die Einführung des Buddhismus und die Anfänge tibetischer Klostergemeinschaften.

Bildnachweis

Titel: Haupttempel des Klosters Samye, 2014. Wikimedia Commons, Gerd Eichmann. CC BY-SA 4.0.

Abbildung: Thangka mit Trisong Detsen, 17. Jahrhundert. Wikimedia Commons, Künstler unbekannt. Gemeinfrei.

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