Khubilai ließ 1271 westlich seiner neuen Residenz einen buddhistischen Stupa errichten. Auf dem Gelände einer älteren Tempelanlage sollten Reliquien neu geborgen und in einem weithin sichtbaren Bau untergebracht werden. 1279 wurde das Monument geweiht. Unter dem Namen Weiße Pagode gehörte es zu den bedeutenden religiösen Bauten der Yuan-Hauptstadt Dadu.
Der Stupa war ein Bau zur Aufnahme heiliger Überreste und Gegenstände. Sein heller, gerundeter Körper unterschied sich deutlich von den mehrgeschossigen chinesischen Pagoden. Khubilai gab damit einer Form Raum, die über Tibet mit den buddhistischen Kunsttraditionen des Himalajagebietes verbunden war. Neben dem Palast entstand ein Ort, an dem sein Herrschaftsanspruch religiös begründet werden konnte.
Ein Lama beim Großkhan

Khubilai hatte sich schon vor der Gründung seiner Dynastie mit dem tibetischen Lehrer Phagpa verbunden. Dieser stammte aus dem religiösen Zentrum Sakya. Seine Stellung beruhte auf gelehrter Ausbildung und den Verbindungen einer bedeutenden Klostergemeinschaft. Khubilai benötigte solche Vermittler, wenn er die unterschiedlichen religiösen Landschaften seines Reiches an den Hof binden wollte.
Phagpa erhielt unter Khubilai höchste geistliche Ämter. Er unterrichtete den Herrscher in buddhistischen Lehren und wirkte an den Beziehungen zwischen dem mongolischen Hof und Tibet mit. Der Khan gewährte seinerseits Schutz und stellte Mittel zur Verfügung. Die beiden Männer verfolgten dabei jeweils eigene Aufgaben: Phagpa stärkte die Stellung seiner religiösen Gemeinschaft; Khubilai gewann einen Lehrer, der seine Herrschaft in einer weithin angesehenen Überlieferung verorten konnte.
Tibet wurde auf diesem Weg in die mongolische Herrschaft einbezogen. Die Verbindungen liefen über Ämter und Beauftragte, vor allem aber über Klöster und Personen, deren Autorität vor Ort anerkannt war. Die Unterstützung des Khans konnte eine religiöse Gruppe gegenüber ihren Rivalen entscheidend stärken.
Am Hof bedeutete die Nähe zu einem solchen Lehrer zugleich Zugang zum Herrscher. Religiöse Fragen und die Vergabe von Mitteln trafen sich in denselben Personen. Wer ein Kloster förderte, finanzierte Gebäude und den Unterhalt von Geistlichen, griff aber auch in bestehende Rangverhältnisse ein.
Handwerker aus dem Himalaja
Zu den Künstlern in Khubilais Umgebung gehörte Araniko, in chinesischen Quellen Anige genannt. Er kam aus dem Kathmandu-Tal und gelangte über Tibet in den Dienst des mongolischen Hofes. Seine Laufbahn verband die Herstellung buddhistischer Bilder mit der Leitung von Handwerkern.

Araniko wird mit dem Entwurf und Bau der Weißen Pagode verbunden. Sein persönlicher Anteil an jedem Arbeitsschritt lässt sich nicht mehr genau abgrenzen. Am Bau wirkten zahlreiche Fachleute mit; in der Überlieferung steht jedoch vor allem der Name des hochgestellten Leiters. Die Zuschreibung beschreibt deshalb eine Werkstatt- und Hofwelt, in der ein einzelner Künstler größere Gruppen von Handwerkern führen konnte.
In Dadu arbeiteten Fachleute, die ganz unterschiedliche Techniken beherrschten. Für buddhistische Bildwerke mussten Formen entworfen und in Werkstätten umgesetzt werden. Steinmetzen und Maurer bauten die Anlagen, während andere Handwerker die Ausstattung herstellten. Ein Großauftrag des Hofes brachte diese Arbeiten zusammen und sicherte Material, das einzelne Klöster kaum aus eigener Kraft hätten beschaffen können.
Aranikos Schüler Liu Yuan entwickelte die Herstellung religiöser Figuren weiter. Seine Laufbahn führte aus einem daoistischen Umfeld in eine Werkstatt, die von einem Künstler aus Nepal geprägt war. Gerade an solchen Biografien wird sichtbar, wie Menschen im Yuan-Reich Wissen weitergaben. Die Arbeit wechselte den Auftraggeber und konnte dabei Formen aus unterschiedlichen religiösen Zusammenhängen aufnehmen.
Reliquien unter kaiserlichem Schutz
Die Weiße Pagode nahm Reliquien und buddhistische Gegenstände auf. Ihre Weihe verband den Bau mit einem Ritual, das ihn zu einem heiligen Ort machte. Für Khubilai bot die Stiftung die Möglichkeit, als Beschützer des Buddhismus hervorzutreten.
Ein buddhistischer Herrscher sollte die Lehre schützen und durch seine Taten Verdienst erwerben. Der Bau eines Stupas konnte diesem Anspruch dienen. Die Größe eines solchen Auftrags ließ zugleich erkennen, welche Mittel der Stifter mobilisieren konnte. Religiöser Rang erhielt dadurch eine sichtbare Gestalt in der Hauptstadt.
Um den Stupa entstand eine bedeutende kaiserliche Klosteranlage. Ihre Ausstattung und weitere Förderung machten den Ort über den ersten Bauauftrag hinaus zu einem Bestandteil des Hoflebens. Der Herrscher konnte Geistliche empfangen und ihnen Aufgaben übertragen, während die Klostergemeinschaft von seiner Gunst abhängig blieb.
Diese Verbindung gab den Geistlichen Einfluss, schützte sie aber nicht vor Konkurrenz. Andere Gemeinschaften bemühten sich ebenfalls um Land und Begünstigungen. Streit um Tempelbesitz oder Abgabenfreiheit konnte bis vor den Kaiser gelangen. Auch in einer Stadt mit zahlreichen religiösen Einrichtungen war die Verteilung der Mittel eine politische Entscheidung.
Der Hof zieht durch die Stadt
In Dadu blieb der Buddhismus nicht auf die Räume eines Klosters beschränkt. Auf Anregung Phagpas ließ Khubilai einen weißen Schutzschirm über seinem Sitz anbringen. Daraus entwickelte sich eine aufwendige jährliche Prozession, bei der ein mit dem kaiserlichen Sitz verbundener Wagen durch Teile der Stadt und der Residenz geführt wurde.
Die von den Klöstern bereitgestellten Bilder und Prozessionsgeräte wurden von Bediensteten getragen oder bewegt. Geistliche begleiteten den Zug, der die Verbindung zwischen Religion und Hof für die Anwohner auf der Straße sichtbar machte. Die Prozession sollte Unheil abwehren und den Schutz des Herrschers erbitten.
Die städtischen Amtsträger waren für den Ablauf zuständig. Bis die Prozession beginnen konnte, mussten die Klöster ihre Beiträge vorbereiten und Handwerker die Ausstattung instand halten. Für viele Menschen außerhalb des Palastes bestimmte der religiöse Kalender damit die Arbeit; zugleich bot ihnen die Prozession Gelegenheit, den Hof zu sehen.
Neben den buddhistischen Einrichtungen bestanden daoistische Tempel sowie die Gebetsstätten anderer Gemeinschaften. Khubilai beschäftigte muslimische Amtsträger und stand auch mit Christen in Verbindung. Die besondere Förderung des tibetischen Buddhismus bedeutete daher keine einheitliche Religion für alle Untertanen. Sie schuf aber eine besonders enge Beziehung zwischen bestimmten geistlichen Lehrern und der kaiserlichen Familie.
Für die Werkstätten Dadus gingen die Aufträge weiter. Neue Figuren wurden benötigt und bestehende Anlagen erweitert. Die Weiße Pagode stand damit in einer Stadt, in der religiöse Stiftungen den Lebensunterhalt von Handwerkern sichern konnten, während die Entscheidungen über große Aufträge im Umfeld des Herrschers fielen.
Zum Weiterlesen
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- Franke, H. & Twitchett, D. (1994): The Cambridge History of China, Vol. 06: Alien Regimes and Border States, 907-1368.*
- Weatherford, J. (2005): Genghis Khan and the Making of the Modern World.*
Bildnachweis
Titel: Weiße Pagode, Báitǎ Sì, Wikimedia Commons, BabelStone. CC BY-SA 3.0.
Araniko: Wikimedia Commons, smartneddy. CC BY-SA 2.5.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.


