Dadu 1368 – Der Fall der Yuan-Hauptstadt

Anfang September 1368 entschied sich Kaiser Toghon Temür für den Rückzug. Während aus dem Süden immer neue Nachrichten über den Vormarsch der Ming-Armee unter Xu Da eintrafen, verließ er Dadu und zog mit einem Teil seines Hofes durch die nördlichen Tore in Richtung der Sommerresidenz Shangdu. Wenige Tage später erreichten die Soldaten Zhu Yuanzhangs die Hauptstadt. Eine Stadt, von der aus die Yuan-Kaiser fast ein Jahrhundert über China geherrscht hatten, fiel damit an eine Dynastie, die erst wenige Monate zuvor ausgerufen worden war.

Der Feldzug beginnt vor der Dynastiegründung

Der Weg nach Dadu hatte bereits im Herbst 1367 begonnen. Mit dem Fall Suzhous war Zhang Shicheng ausgeschaltet, und Zhu Yuanzhang konnte seine größten Heeresverbände nach Norden verlegen. In Nanjing beriet er mit seinen Generälen über das weitere Vorgehen.

Zhu Yuanzhang entschied sich für einen langsameren Feldzug. Xu Da sollte zunächst die Yuan-Stellungen in Shandong brechen. Danach wollte Zhu die Armee weiter nach Westen führen und die Verbindungen der Hauptstadt zu den verbliebenen Yuan-Truppen schwächen.

Xu Da erhielt den Oberbefehl. Chang Yuchun diente als einer seiner wichtigsten Kommandeure. Beide Männer gehörten seit Jahren zu Zhu Yuanzhangs engstem militärischem Umfeld und hatten bereits viele Schlachten geschlagen. Nun sollten sie einen Feldzug führen, der sie weit aus dem Jangtse-Gebiet hinausbrachte.

Im Winter 1367 rückten ihre Truppen nach Shandong vor. Zahlreiche Städte ergaben sich oder wurden eingenommen. Damit gewann Xu Da einen Raum, über den seine Armee weiter nach Norden vorrücken konnte. Gleichzeitig erschwerte der Verlust der Provinz den Yuan die Versorgung ihrer Hauptstadt aus dem Süden.

Ein Kaiser in Nanjing

Toghon Temür, Zeichnung 14. Jhdt.

Während Xu Da noch kämpfte, vollzog Zhu Yuanzhang in Nanjing einen entscheidenden Schritt. Im Januar 1368 nahm er den Kaisertitel an. Seine neue Dynastie erhielt den Namen Ming, seine Regierungsdevise lautete Hongwu (洪武, das bedeutet: „gewaltig und kriegerisch“)

Der Zeitpunkt war bemerkenswert. Dadu befand sich weiterhin in der Hand der Yuan, und Toghon Temür trug weiterhin den Kaisertitel. Zhu wartete den militärischen Sieg über die Hauptstadt jedoch nicht ab. Aus seiner Sicht besaß er bereits genügend Land und Gefolgsleute, um selbst als Herrscher einer Dynastie aufzutreten.

Nanjing wurde damit zum kaiserlichen Zentrum der neuen Herrschaft. Von dort aus erließ Zhu Befehle an seine Generäle und ließ den Feldzug gegen die Yuan fortsetzen. Die Proklamation veränderte zugleich die Stellung der Soldaten im Norden: Xu Da kämpfte nun im Namen eines Kaisers, der den Anspruch erhob, über China zu herrschen.

Die militärische Entscheidung stand allerdings weiterhin aus. Solange Dadu und der Yuan-Hof bestanden, blieb dieser Anspruch umkämpft.

Xu Da zieht durch Henan

Nach den Erfolgen in Shandong wandte sich Xu Da nach Westen. Im Frühjahr 1368 erreichten seine Truppen Henan. Kaifeng, eine der bedeutendsten Städte der Region, fiel in ihre Hand. Wenig später gewann die Ming-Armee weitere Positionen entlang des Gelben Flusses.

Zhu Yuanzhang reiste im Sommer selbst nach Kaifeng. Dort traf er seine Generäle und besprach den nächsten Abschnitt des Feldzugs. Die bisherigen Erfolge hatten die Voraussetzungen geschaffen, die ihm im Vorjahr noch gefehlt hatten. Xu Da konnte Dadu nun aus südlicher Richtung angreifen, während wichtige Yuan-Stellungen hinter ihm bereits gefallen waren.

Der Vormarsch traf auf einen Gegner, deren militärische Führung seit Jahren von Rivalitäten geprägt war. Mächtige Kommandeure verfügten über eigene Truppenverbände und verteidigten unterschiedliche Regionen. Der Hof in Dadu konnte diese Kräfte nur begrenzt für eine gemeinsame Verteidigung zusammenführen.

Xu Da nutzte diese Lage. Seine Armee rückte weiter nach Norden und erreichte das Gebiet um den Großen Kanal. Damit führte der Feldzug direkt auf die Hauptstadt zu.

Toghon Temür entscheidet sich zum Rückzug

In Dadu musste Toghon Temür nun entscheiden, ob er die Hauptstadt verteidigen oder den Hof nach Norden führen sollte. Der Kaiser war seit 1333 auf dem Thron. Während seiner langen Regierungszeit hatten Aufstände große Teile des Reiches erfasst, regionale Heerführer waren immer mächtiger geworden. Nun näherte sich eine Armee, die innerhalb weniger Monate Shandong durchquert und den Gelben Fluss überschritten hatte.

Toghon Temür wählte den Rückzug.

Sein Ziel war Shangdu im Norden. Die Entscheidung bewahrte den Hof und die kaiserliche Familie vor der Gefangennahme. Zugleich überließ sie Dadu den heranrückenden Truppen Xu Das.

Der Rückzug bedeutete deshalb mehr als die Aufgabe einer einzelnen Stadt. Dadu war seit der Regierungszeit Kublai Khans das politische Zentrum der Yuan-Dynastie gewesen. Von hier aus hatten die Kaiser ihre Behörden geleitet und Gesandtschaften empfangen. Wer Dadu beherrschte, besaß einen Ort, der weit über seine Mauern hinaus für die kaiserliche Herrschaft stand.

Xu Da betritt Dadu

Xu Da, Darstellung von 1921

Im September 1368 erreichten Xu Das Truppen die Hauptstadt. Da der Yuan-Hof bereits nach Norden gezogen war, konnte die Ming-Armee Dadu kampflos besetzen.

Für Zhu Yuanzhang war dies der sichtbarste Erfolg seines bisherigen Aufstiegs. Sechzehn Jahre zuvor hatte er sich einer Rebellengruppe angeschlossen. Nun stand eine von seinen Generälen geführte Armee in der ehemaligen Hauptstadt der Yuan.

Die Ming gaben Dadu bald einen neuen Namen: Beiping, „Nördlicher Friede“. Der politische Mittelpunkt der neuen Dynastie blieb zunächst Nanjing. Die ehemalige Yuan-Hauptstadt wurde zu einem wichtigen Stützpunkt für die weitere Sicherung Nordchinas.

Der Krieg ging jedoch auch nach der Einnahme der Stadt weiter. Toghon Temür lebte weiterhin und hielt sich mit seinem Hof zunächst in Shangdu auf. Yuan-Truppen kontrollierten Gebiete weiter im Norden und Westen. Die mongolische Herrscherfamilie gab ihren dynastischen Anspruch ebenfalls nicht auf. Historiker sprechen für die folgende Epoche häufig von den Nördlichen Yuan.

Der Krieg zieht weiter nach Norden

Xu Da und Chang Yuchun mussten deshalb schon bald erneut marschieren. Die Einnahme Dadus hatte den Yuan ihren bisherigen Regierungssitz genommen, doch ihre Armeen blieben ein Gegner. Der Kampf verlagerte sich aus den dicht besiedelten Ebenen Nordchinas weiter in Richtung der mongolischen Herrschaftsgebiete.

Toghon Temür zog von Shangdu später weiter nach Norden. Er starb 1370 in Yingchang. Seine Nachfolger führten den Widerstand gegen die Ming fort und betrachteten sich weiterhin als rechtmäßige Kaiser. Zhu Yuanzhang wiederum ließ seine Generäle wiederholt gegen sie vorgehen.

Für Dadu begann unterdessen eine andere Entwicklung. Die Ming befestigten ihre Herrschaft über die Stadt, während der kaiserliche Hof weiterhin in Nanjing residierte. Jahrzehnte später sollte ausgerechnet dieser ehemalige Sitz der Yuan erneut zum Zentrum des Reiches werden. Zhu Yuanzhangs Sohn Zhu Di machte die Stadt zu seiner wichtigsten Residenz und verlegte schließlich auch die Hauptstadt dorthin. Aus Beiping wurde Beijing – die „Nördliche Hauptstadt“.


Zum Weiterlesen

Links, die mit einem Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.

Timothy Brook (2013): The Troubled Empire. China in the Yuan-Ming Transition.*
Frederick W. Mote (2003): Imperial China 900–1800.*
Frederick W. Mote (1988): The Cambridge History of China, Vol. 7: The Ming Dynasty, 1368–1644, Part 1.*

Bildnachweis

Titel: Miaoying-Tempel, Monument aus der Yuan-Zeit.

Alle Bilder gemeinfrei.

Schreibe einen Kommentar