Suzhou 1367 – Der Fall Zhang Shichengs

Ende Dezember 1366 schlossen die Truppen Zhu Yuanzhangs den Ring um Suzhou. Vor den Mauern entstanden befestigte Stellungen, von denen aus Geschütze die Stadt unter Feuer nehmen konnten. Innerhalb der Befestigungen hielt Zhang Shicheng seine Soldaten zusammen und führte wiederholt Ausfälle gegen die Belagerer. Neun Monate lang gelang es ihm, seine Hauptstadt zu behaupten. Erst am 1. Oktober 1367 brachen Zhus Truppen durch die Mauern. Für Zhang endete damit eine Karriere, die ihn vom Salzschmuggler zu einem der mächtigsten Männer im Jangtse-Delta geführt hatte.

Ein Salzschmuggler baut eine Herrschaft auf

Zhang Shicheng (1321-1367)

Zhang Shicheng stammte aus dem Gebiet von Taizhou nördlich des Jangtse und verdiente seinen Lebensunterhalt zunächst im Salzhandel. Das staatliche Salzmonopol machte den privaten Handel lukrativ und gefährlich zugleich. Zhang und seine Brüder transportierten Salz auf den Wasserwegen der Region und bauten dabei ein Netz von Gefolgsleuten auf. Einen Teil ihrer Einnahmen verteilten sie unter Freunden und Anhängern, was Zhang früh eine eigene Gefolgschaft verschaffte.

Während die Yuan-Regierung in den 1350er Jahren immer größere Gebiete verlor, wuchs aus diesem Umfeld eine bewaffnete Bewegung. Zhang nahm Städte ein und kontrollierte schließlich einen der reichsten Räume Chinas. Sein Herrschaftsgebiet erstreckte sich um Suzhou sowie über Teile des Jangtse-Deltas und reichte bis in die Umgebung von Hangzhou. Die dicht besiedelte Region verfügte über ertragreiche Landwirtschaft und ein weit verzweigtes Netz von Kanälen, auf denen Getreide und andere Waren transportiert wurden.

Suzhou wurde zum Zentrum seiner Herrschaft. Zhang richtete dort einen Hof ein und gewann Gelehrte für seine Verwaltung. 1363 nahm er den Titel König von Wu an. Damit erhob er einen Anspruch, der unmittelbar mit Zhu Yuanzhang kollidierte, denn auch der führte seit 1364 diesen Titel. Im unteren Jangtse standen sich nun zwei Herrscher von Wu gegenüber.

Nach Poyang richtet Zhu den Blick nach Osten

Der Sieg über Chen Youliang auf dem Poyang-See hatte das Kräfteverhältnis verändert. Zhu Yuanzhang konnte die Gebiete seines besiegten Rivalen übernehmen und gewann dadurch zusätzliche Truppen. Zhang Shicheng blieb nun sein stärkster Konkurrent im Osten. Die Auseinandersetzung zwischen beiden hatte bereits Jahre gedauert, doch nach 1363 verfügte Zhu über deutlich größere Mittel für einen entscheidenden Feldzug.

Zhus Generäle Xu Da und Chang Yuchun konzentrierten sich zunächst auf Zhangs äußere Stützpunkte. Ende 1365 begannen sie, seine Positionen im Huai-Gebiet einzunehmen. Danach rückten sie in das Jangtse-Delta vor. Bis Ende 1366 waren Huzhou südlich des Tai-Sees und Hangzhou gefallen oder hatten sich ergeben. Damit verlor Zhang wichtige Gebiete rund um seine Hauptstadt, während Zhus Armeen Suzhou immer enger umschlossen.

Das Vorgehen folgte einer klaren militärischen Logik. Suzhou sollte erst angegriffen werden, nachdem die Verbindungen zu Zhangs übrigen Gebieten weitgehend abgeschnitten waren. Seine Hauptstadt musste sich dadurch zunehmend aus den eigenen Vorräten versorgen und konnte kaum noch auf Entsatz von außen hoffen.

Vor den Mauern von Suzhou

Eine Übersichtskarte der kaiserlichen Verteidigungsanlagen Chinas während der Ming-Dynastie

Im Dezember 1366 begann die eigentliche Belagerung. Suzhou besaß Stadtmauern und ein Netz von Wasserwegen, das die Verteidigung erleichterte. Zhang Shicheng verteidigte die Stadt aktiv. Er führte selbst Ausfälle und versuchte mehrfach, die Belagerungsstellungen anzugreifen. Zhus Heer legte um die Stadt eine geschlossene Befestigungslinie an und errichtete Feuerstellungen für seine Belagerungswaffen.

Für die Einwohner Suzhous wurde die lange Belagerung zu einer schweren Belastung. Je länger die Einschließung dauerte, desto stärker schrumpften die Möglichkeiten, Nahrung in die Stadt zu bringen oder militärische Hilfe zu erhalten.

Für Zhu Yuanzhang bedeutete die Dauer der Belagerung zugleich, dass er einen erheblichen Teil seiner Streitkräfte über Monate binden musste. Xu Da konnte jedoch den äußeren Ring weitgehend beseitigen. Ein Entsatzheer, das den Belagerern ernsthaft hätte gefährlich werden können, erschien nicht.

Der Durchbruch

Am 1. Oktober 1367 gelang Zhus Truppen schließlich der Durchbruch. Belagerungsgeschütze hatten die Mauern so weit beschädigt, dass Soldaten eindringen konnten. Zhang Shicheng zog sich kämpfend in das Stadtinnere zurück. Dort brach die Verteidigung endgültig zusammen.

Zhang versuchte, sich in seinem Palast zu erhängen, wurde jedoch noch lebend gefunden und gefangen genommen. Seine Gegner brachten ihn anschließend nach Nanjing. Über seinen Tod widersprechen sich die Überlieferungen. Eine Tradition berichtet, dass er sich dort schließlich selbst erhängte. Andere Berichte lassen ihn durch Zhu Yuanzhangs Leute töten. Sicher ist, dass Zhang die Gefangenschaft nur kurze Zeit überlebte.

Mit ihm verschwand der letzte große Rivale Zhu Yuanzhangs im Jangtse-Gebiet. Die Eroberung Suzhous brachte Zhu außerdem große Teile von Zhangs verbliebenen Streitkräften ein. Damit kontrollierte er nun den Jangtse von seinen östlichen Küstengebieten weit nach Westen und konnte seine wichtigsten Armeen für den nächsten Feldzug freimachen.

Von Suzhou nach Norden

Nur wenige Wochen nach dem Fall der Stadt beriet Zhu Yuanzhang über den Angriff auf die Yuan-Herrschaft im Norden. Chang Yuchun plädierte für einen direkten Vorstoß gegen Dadu, das heutige Peking. Zhu entschied sich für ein vorsichtigeres Vorgehen und wollte zunächst Shandong sowie Henan sichern, damit die Yuan-Hauptstadt beim späteren Angriff keine Unterstützung aus diesen Gebieten erhalten konnte. Xu Da übernahm den Oberbefehl über den Feldzug.

Damit veränderte der Fall Suzhous unmittelbar die Richtung des Krieges. Zhu musste seine Kräfte nun nicht mehr zwischen zwei großen Rivalen im Jangtse-Raum aufteilen. Im Januar 1368 rief er die Ming-Dynastie aus. Noch im selben Jahr nahmen seine Truppen Dadu ein, während der Yuan-Kaiser nach Norden floh.

Für die Einwohner Suzhous hatte der Sieg unmittelbare Folgen: Mit dem Fall der Mauern öffnete sich die Stadt einem neuen Herrscher. Für Zhu Yuanzhang dagegen machte genau dieser Sieg den Weg frei, seine Armeen aus dem Jangtse-Delta heraus gegen die Yuan nach Norden zu führen.


Suzhou heute

Zum Weiterlesen

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Timothy Brook (2013): The Troubled Empire. China in the Yuan-Ming Transition.*
Frederick W. Mote (2003): Imperial China 900–1800.*
Frederick W. Mote (1988): The Cambridge History of China, Vol. 7: The Ming Dynasty, 1368–1644, Part 1.*

Bildnachweis

Titel: Pan Men in Suzhou. Wikimedia Commons, 钉钉. CC BY-SA 4.0.

Suzhou heute: Wikimedia Commons, Wanderingchina. CC BY-SA 4.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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