Im 4. oder 5. Jahrhundert bewegten Arbeiter am Rand von U Thong große Mengen Erde. Sie hoben einen Graben aus und schichteten das Erdreich zu einem Wall auf. Der Bau umschloss die Siedlung und hob sie sichtbar aus der Umgebung heraus. Wer die Arbeiten anordnete, ist unbekannt. Kein überlieferter Name verbindet sich mit diesem frühen Ausbau der Stadt.
Zwischen den Erdschichten des Walles fanden sich später Keramikscherben mit eingeritzten Wellenlinien. Sie gehören zu einer Zeit, in der der Name Dvaravati noch in keiner erhaltenen Quelle auftaucht. Trotzdem besaß die Stadt bereits weitreichende Handelsverbindungen. Ihre Bevölkerung konnte gemeinsame Bauarbeiten organisieren und begann, religiöse Vorstellungen aus Südasien in die eigene Lebenswelt aufzunehmen.
Dvaravatis Geschichte begann hier mit dem langsamen Wachstum älterer Siedlungen.
Zwischen Ebene und Gebirge
U Thong liegt im Westen des heutigen Zentralthailands. Östlich der Stadt erstreckt sich die Ebene des Tha-Chin-Flusssystems. Im Westen steigen bewaldete Höhenzüge auf. Wege aus dem Hinterland trafen hier auf Wasserläufe, die in Richtung des Golfs von Thailand führten.
Die Lage machte U Thong zu einem geeigneten Umschlagplatz. Menschen aus den umliegenden Dörfern konnten Reis und andere Erzeugnisse in die Stadt bringen. Händler transportierten Waren weiter zur Küste oder in das Landesinnere. U Thong verband dadurch unterschiedliche Landschaften, ohne selbst unmittelbar am Meer zu liegen.
Das Wasser sicherte zugleich die Landwirtschaft. In der Regenzeit überschwemmten die Flüsse weite Teile der Ebene und hinterließen fruchtbare Böden. Siedlungen lagen deshalb bevorzugt auf leicht erhöhtem Gelände. Von dort aus bewirtschafteten die Menschen die umliegenden Felder und nutzten die Flüsse als Verkehrswege.
Diese Verbindung von Landwirtschaft und Handel bildete die Grundlage für das Wachstum U Thongs. Zahlreiche kleinere Siedlungen in der Umgebung trugen zur Versorgung der Stadt bei.
Vor dem Bau des Walles
Menschen lebten schon lange vor der späteren Dvaravati-Zeit in der Region. Ausgrabungen in der Zentralebene brachten Gräber aus der Metallzeit ans Licht. Manche Tote erhielten Schmucksteine oder Gegenstände aus Bronze. In anderen Bestattungen lagen nur wenige Beigaben.
Die Unterschiede zeigen, dass einzelne Familien bereits mehr Besitz und Einfluss besaßen als andere. Der Zugang zu wertvollen Waren verlieh Ansehen. Wer Verbindungen zu Händlern unterhielt oder die Verarbeitung von Metall kontrollierte, konnte seine Stellung innerhalb einer Gemeinschaft ausbauen.
Auch U Thong war spätestens in den ersten Jahrhunderten n. Chr. besiedelt. Die genaue zeitliche Einordnung einzelner Fundschichten bleibt schwierig, weil frühe Ausgrabungen nur wenige verlässliche Datierungen lieferten. Dennoch lässt sich erkennen, dass der Ort über Jahrhunderte wuchs.
Zwischen den älteren Gemeinschaften und der späteren Stadtbevölkerung zeigt sich kein deutlicher Bruch. Neue Gefäßformen erschienen, doch vertraute Techniken blieben erhalten. Die Menschen erweiterten die Siedlung und passten ihre Arbeit an neue Bedürfnisse an. Aus einem lokalen Zentrum entwickelte sich schrittweise eine Stadt.
Ein Graben als gemeinsames Werk
Der Ausbau U Thongs verlangte eine neue Form der Zusammenarbeit. Einzelne Familien konnten den Graben nicht nebenbei anlegen. Eine größere Zahl von Menschen musste über einen längeren Zeitraum Erde ausheben. Arbeiter formten daraus den Wall und hielten die Baustelle offen.
Dafür brauchte es Personen, die Aufgaben verteilten und Vorräte bereitstellten. Möglicherweise verpflichteten führende Familien die Bewohner der umliegenden Siedlungen zur Arbeit. Vielleicht verbanden sie die Baupflicht mit Festen oder religiösen Handlungen.
Der fertige Wall erfüllte mehrere Aufgaben. Er schützte bewohnte Bereiche und half bei der Führung des Wassers. Zugleich trennte er die Stadt von den umliegenden Feldern. Wer ein Tor passierte, betrat einen Raum, dessen Bewohner sich als zusammengehörige Gemeinschaft verstehen konnten.
Der Graben zeigt daher mehr als technisches Geschick. In U Thong hatten sich Machtstrukturen gebildet, die Menschen über ihre unmittelbaren Verwandtschaftsgruppen hinaus zusammenführten. Herrschaft wurde sichtbar, auch wenn wir ihre Träger nicht benennen können.
Waren aus entfernten Regionen

In U Thong kamen Gegenstände zum Vorschein, deren Materialien aus weit entfernten Gegenden stammten. Glasperlen gelangten über Handelswege in die Stadt. Karneol und andere Schmucksteine verbanden ihre Besitzer mit einem Netz, das bis nach Südasien reichte.
Auf ihrem Weg nach U Thong wechselten die Waren wahrscheinlich mehrfach den Besitzer. Küstenorte verteilten sie an Kaufleute, die Flüsse hinauffuhren oder Landwege nutzten. Jeder Abschnitt des Verkehrs lag in anderen Händen.
U Thong nahm in diesem Netz eine vermittelnde Stellung ein. Die Stadt empfing Waren aus Richtung der Küste und gab sie an Gemeinschaften im Hinterland weiter. Umgekehrt gelangten Erzeugnisse aus dem Landesinneren über U Thong nach Süden.
Solche Verbindungen bestanden auch zu anderen frühen Zentren Südostasiens. Funde aus U Thong ähneln Gegenständen aus Óc Eo im Mekongdelta und aus Städten im heutigen Myanmar. Die Ähnlichkeiten weisen auf Händler und religiöse Reisende hin, die zwischen diesen Orten verkehrten.
Fremde Formen, örtliche Entscheidungen
Mit den Waren gelangten neue Bilder und Zeichen nach U Thong. Töpfer lernten Gefäße kennen, die aus südasiatischen Vorbildern hervorgegangen waren. Sie übernahmen einzelne Formen, stellten sie aber mit den vertrauten Materialien ihrer Region her.
Besonders häufig finden sich Schalen mit einem deutlichen Knick in der Wandung. Andere Scherben tragen Linien oder Wellen. Tongefäße mit Ausgusstüllen kamen ebenfalls in Gebrauch. Später begegnen diese Formen an vielen Orten, die heute mit Dvaravati verbunden werden.
Die Veränderungen vollzogen sich über einen langen Zeitraum. Töpfer verbanden neue Anregungen mit den eigenen Techniken und hielten zugleich an vertrauten Formen fest. Dadurch entstand ein Formenbestand, der in der Zentralebene wiedererkennbar wurde, zugleich aber von Ort zu Ort Unterschiede aufwies.
Eine Scherbe aus dem 6. Jahrhundert trägt Zeichen in einer Schrift, die sich aus südindischen Vorbildern entwickelt hatte. Der erhaltene Teil verrät kaum etwas über den Inhalt. Er zeigt jedoch, dass Menschen in U Thong diese Schrift kannten und selbst verwendeten.
Schreiber konnten damit religiöse Formeln festhalten oder Stiftungen vermerken. Auch Händler nutzten Zeichen, um Waren und Besitzer kenntlich zu machen. Die Schrift eröffnete den führenden Gruppen der Stadt eine neue Möglichkeit, Ansprüche dauerhaft festzuhalten.
Buddhistische Mönche in U Thong
Ein kleines Terrakottafragment zeigt drei Mönche mit Almosenschalen. Möglicherweise schmückte das Relief einst einen buddhistischen Stupa. Das Stück gehört zu den bekanntesten frühen Funden aus U Thong, doch sein Alter bleibt umstritten. Einige Merkmale sprechen für das 3. oder 4. Jahrhundert, andere für eine spätere Entstehung.

Unabhängig von der genauen Datierung verweist das Relief auf eine buddhistische Gemeinschaft. Mönche lebten von den Gaben der Bevölkerung. Sie benötigten Menschen, die ihnen Nahrung überließen und Unterkünfte bereitstellten. Der Buddhismus gewann daher nur dort dauerhaft Fuß, wo die Bevölkerung bereit war, solche Gemeinschaften zu unterstützen.
Die ersten Heiligtümer bestanden vermutlich überwiegend aus Holz. Dieses Material ließ sich leichter beschaffen als große Steinblöcke, zerfiel im tropischen Klima aber rasch. Daher können buddhistische Lehrer schon in U Thong gelebt haben, bevor die Stadt dauerhafte Monumente erhielt.
Mit wachsendem Wohlstand änderte sich die Ausstattung der Heiligtümer. Führende Familien stifteten größere Bauten und ließen Bilder herstellen. Eine solche Stiftung zeigte Frömmigkeit, machte aber auch den Rang des Gebers sichtbar. Religion half den Eliten damit, ihre Stellung innerhalb der Stadt zu festigen.
In U Thong standen buddhistische und brahmanische Praktiken nebeneinander. Ein Herrscher konnte buddhistische Mönche unterstützen und zugleich Rituale vollziehen lassen, die sich an hinduistische Gottheiten richteten.
Mehrere Städte wachsen gleichzeitig
Neben U Thong wuchsen in dieser Zeit weitere Zentren. In Chansen nördlich des heutigen Lopburi verdichtete sich im 5. Jahrhundert das Netz der umliegenden Siedlungen. Nakhon Pathom entwickelte sich weiter südlich zu einer außergewöhnlich großen Stadt. Zwischen beiden lag Kamphaeng Saen, das wahrscheinlich eng mit seinen mächtigeren Nachbarn verbunden war.
Jede dieser Städte stützte sich zunächst auf ihr eigenes Umland. Sie kontrollierte Wege und zog Handwerker an. Ihre Bevölkerung errichtete Befestigungen und später auch Heiligtümer. Zugleich tauschten die Zentren Gefäße und religiöse Vorstellungen aus.
Archäologen bezeichnen das 4. und 5. Jahrhundert deshalb häufig als Proto-Dvaravati. Der Begriff bezeichnet eine Übergangszeit, in der ältere Gemeinschaften zu größeren Stadtzentren heranwuchsen. Einige verfügten bereits über einflussreiche Führungsschichten, doch noch lässt sich keine gemeinsame Herrschaft über die gesamte Zentralebene erkennen.
U Thong gehörte zu den bedeutendsten dieser frühen Städte. Seine günstige Lage und die alten Handelsverbindungen verschafften ihm einen Vorsprung. Spätestens im 7. Jahrhundert begannen sich die Machtverhältnisse jedoch zu verschieben.
Der Name erscheint später

Der Name Dvaravati begegnet erst im 7. Jahrhundert eindeutig in den erhaltenen Schriftquellen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Bevölkerung U Thongs ihren Graben längst ausgehoben. Generationen von Töpfern hatten charakteristische Gefäße hergestellt. Mönche fanden Unterstützer, während führende Familien ihre Stellung durch öffentliche Bauten zeigten.
Der Name Dvaravati fasste im 7. Jahrhundert eine Welt zusammen, die bereits lange in Bewegung war. Er konnte eine politische Herrschaft meinen, wurde später aber auch auf einen Kunststil und eine ganze Epoche übertragen. Diese Bedeutungen deckten sich nicht vollständig.
Die entscheidenden Zeugnisse der älteren Geschichte liegen unter dem Wall von U Thong. Die Erdschichten bewahren die Spuren einer Stadt, die entstand, bevor ihre Bevölkerung in den schriftlichen Horizont anderer Reiche trat. Erst die Gesandtschaften an den chinesischen Kaiserhof machten Dvaravati im 7. Jahrhundert auch außerhalb Südostasiens mit einem Namen sichtbar.
Zum Weiterlesen
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Bennett, A. (2020): Defining Dvāravatī.*
Murphy, S. (2014): Before Siam: Essays in Art and Archaeology.*
Bildnachweis
Titel: Alter Stadtgraben in der Provinz U Thong.
Römische Münze: Wikimedia Commons, Kattigara. CC BY-SA 4.0.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.



