Verhandlungen unter Beschuss – Panmunjom und der Streit um die Gefangenen

Am 10. Juli 1951 sitzen sich in Kaesong erstmals Delegationen der beiden Kriegsparteien gegenüber. Für das Kommando der Vereinten Nationen führt Vizeadmiral Charles Turner Joy die Gespräche. Auf der anderen Seite sitzt eine nordkoreanisch-chinesische Delegation unter General Nam Il. Während an der Front weitergekämpft wird, sollen die Unterhändler Regeln für ein Ende der Kämpfe finden.

Das Ziel der Gespräche ist zunächst nur ein Waffenstillstand: Die Truppen sollen das Feuer einstellen, sich aus einem vereinbarten Grenzstreifen zurückziehen und die Gefangenen austauschen. Die politischen Fragen der koreanischen Teilung bleiben späteren Gesprächen vorbehalten.

Schon die Wahl des Ortes sorgt für Streit. Kaesong liegt im Gebiet der kommunistischen Truppen. Die UN-Delegation beklagt Einschränkungen beim Zugang und Verstöße gegen die vereinbarte neutrale Zone. Im August werden die Gespräche unterbrochen. Am 25. Oktober setzen beide Seiten sie in Panmunjom fort, einem kleinen Ort zwischen den Fronten. Dort entstehen Baracken und Zelte, in denen fast zwei Jahre lang verhandelt wird.

M46-Panzer mit Tigerbemalung, 1951

Eine Linie durch die Front

Zunächst streiten die Delegationen darüber, wo die Armeen nach einem Waffenstillstand stehen sollen. Die nordkoreanische und chinesische Seite fordert eine Linie am 38. Breitengrad. Damit würden die UN-Truppen Gebiete aufgeben, die sie nördlich der früheren Trennlinie erobert haben. Die UN-Delegation will dagegen den tatsächlichen Verlauf der Front zur Grundlage nehmen.

Während die Unterhändler Karten ausbreiten, kämpfen Soldaten weiter um Höhen und Täler. Jede Seite versucht, ihre Stellung vor einer Einigung zu verbessern. Ein eroberter Bergrücken kann Straßen überwachen oder Artilleriebeobachtern freie Sicht auf das gegnerische Hinterland geben.

Am 27. November 1951 einigen sich die Delegationen vorläufig auf die bestehende Frontlinie. Sie soll gelten, falls innerhalb von 30 Tagen ein Waffenstillstand zustande kommt. Da innerhalb dieser Frist keine Einigung erreicht wird, verliert die vorläufige Festlegung ihre Gültigkeit. Die endgültige Linie wird später dem veränderten Frontverlauf angepasst. Das Prinzip für die Grenzziehung ist damit geklärt, doch die Kämpfe um das tatsächliche Terrain gehen weiter.

Der Streit um die Gefangenen

Die schwierigste Frage betrifft die Kriegsgefangenen. Die nordkoreanische und chinesische Seite verlangt, dass nach dem Waffenstillstand alle Gefangenen zurückkehren. Sie beruft sich auf die Genfer Konvention und betrachtet die vollständige Rückführung als Verpflichtung beider Seiten.

Das UN-Kommando lehnt eine erzwungene Rückkehr ab. Befragungen in den Lagern zeigen, dass zahlreiche nordkoreanische und chinesische Gefangene nicht in ihre Herkunftsländer zurückkehren wollen. Manche fürchten Bestrafung, andere bezeichnen sich als Gegner der kommunistischen Regierungen. Zugleich üben organisierte Gruppen innerhalb der Lager Gewalt und Druck aus. Dadurch lässt sich der Wille einzelner Gefangener nur schwer feststellen.

Für beide Seiten geht es um mehr als die Behandlung der Gefangenen. Eine große Zahl von Rückkehrverweigerern würde das politische Ansehen Nordkoreas und Chinas beschädigen. Eine erzwungene Auslieferung könnte dagegen den Anspruch der Vereinigten Staaten widerlegen, Menschen nicht gegen ihren erklärten Willen kommunistischen Regierungen zu übergeben. Die Gefangenen werden so zum Gegenstand eines politischen Konflikts, den die Delegierten am Verhandlungstisch nicht lösen können.

Gewalt auf Koje-do

Die Spannungen zeigen sich besonders auf Koje-do, einer Insel vor der südkoreanischen Küste. Dort hält das UN-Kommando einen großen Teil der nordkoreanischen und chinesischen Kriegsgefangenen sowie Zivilinternierten fest. In den einzelnen Lagerbereichen organisieren sich kommunistische und antikommunistische Gruppen. Sie bedrohen Gegner und halten eigene Versammlungen ab. Aus Werkzeugen und Metallresten stellen sie zudem Waffen her.

Am 7. Mai 1952 nehmen Gefangene den amerikanischen Lagerkommandanten Francis Dodd als Geisel. Dodd hatte sich einem Lagertor genähert, um mit Vertretern der Insassen zu sprechen. Männer ziehen ihn in den abgeriegelten Bereich und halten ihn mehrere Tage fest.

Für seine Freilassung geben amerikanische Offiziere eine missverständliche Erklärung ab, die den Eindruck erweckt, das UN-Kommando gestehe Misshandlungen ein. Dodd kommt unverletzt frei, doch der Vorfall beschädigt die Position der UN-Delegation. Die kommunistische Seite nutzt ihn, um die Befragungen in den Lagern als Zwang und Täuschung darzustellen. In den folgenden Wochen trennt die Lagerleitung die Gefangenen in kleinere Gruppen und geht entschlossener gegen ihre Organisationen vor.

Stillstand in Panmunjom

Verteidigungspositionen, Januar 1953

Im Verlauf des Jahres 1952 liegen die meisten Teile des Waffenstillstands bereits als Entwurf vor. Die Delegierten haben sich auf die militärische Demarkationslinie, eine entmilitarisierte Zone und Überwachungskommissionen verständigt. Allein die Rückführung der Gefangenen verhindert die Unterzeichnung.

Die Gespräche drehen sich wiederholt um ähnliche Vorschläge. Das UN-Kommando bietet an, rückkehrwillige Gefangene sofort zu übergeben und die übrigen einer neutralen Stelle anzuvertrauen. Die kommunistische Delegation beharrt lange auf der Rückführung aller Gefangenen. Im Oktober 1952 werden die Verhandlungen auf unbestimmte Zeit vertagt.

An der Front fordert dieser politische Stillstand täglich neue Opfer, obwohl keine Seite noch mit einem vollständigen militärischen Sieg rechnet. Artillerie beschießt dieselben Höhen, die Delegierte auf ihren Karten bereits einer künftigen Demarkationslinie zuordnen.

Ein Ausweg im Frühjahr 1953

Nach Stalins Tod im März 1953 wächst auf kommunistischer Seite die Bereitschaft, den Krieg zu beenden. Der chinesische Ministerpräsident Zhou Enlai schlägt vor, Gefangene, die ihre Rückkehr verweigern, vorübergehend einer neutralen Stelle zu übergeben. Damit nähert sich Peking einem Vorschlag, den die UN-Seite bereits zuvor vertreten hat.

Noch vor einer endgültigen Einigung tauschen beide Seiten kranke und verwundete Gefangene aus. Die Operation beginnt am 20. April 1953. Das UN-Kommando erhält 684 Gefangene zurück und übergibt 6.670 nordkoreanische und chinesische Soldaten. Der Austausch zeigt, dass praktische Vereinbarungen trotz des politischen Streits möglich sind.

Am 8. Juni einigen sich die Unterhändler schließlich auf ein Verfahren. Gefangene, die zurückkehren wollen, sollen unmittelbar ausgetauscht werden. Die übrigen kommen vorübergehend unter die Aufsicht einer neutralen Kommission unter indischer Leitung. Vertreter ihrer Herkunftsländer dürfen ihnen die Rückkehr erläutern, aber keine Gewalt anwenden.

Damit ist die letzte große Streitfrage der Verhandlungen gelöst. Doch in Seoul lehnt Präsident Syngman Rhee einen Waffenstillstand ab, der Korea geteilt lässt. Während die Delegierten in Panmunjom die letzten Texte vorbereiten, versucht nun ein Verbündeter der Vereinigten Staaten, die Unterzeichnung zu verhindern.


Zum Weiterlesen

Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.

Bernd Stöver (2021): Geschichte des Koreakriegs: Schlachtfeld der Supermächte und ungelöster Konflikt.*

Bildnachweis

Titel: Verhandlungsort Panmunjom, November 1951.

Karte: Abgewandelt, nach Wikimedia Commons, Rishabh Tatiraju. CC BY-SA 3.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

Schreibe einen Kommentar